Riesenmaschine

26.09.2007 | 23:16 | Supertiere | Sachen kaufen

Virales Marketing


Nein, trotz schöner Deko: Wir schreiben nicht darüber! (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Wat ham wa jelacht, Ikea, all die Jahre lang über all die anspielungsreichen und zweideutigen Produktnamen mit skandinavischem Einschlag. Und artig jedes Mal darüber geschrieben, wenn der neue Katalog vorlag. Und damit immer wieder gratis Werbung für euch gemacht. Aber irgendwie ist die Luft raus, bzw. scheint uns der Bogen eindeutig überspannt. Nicht nur, dass die getriggerten Assoziationen angesichts dieses Badezimmer-Sets ins Unappetitliche kippen und jede Subtilität vermissen lassen – man merkt auch die buchstäblich viralen Marketing-Absichten dahinter und ist zu Recht verstimmt. Wie wäre es also zur Abwechslung und Entspannung mal mit einer Saison semantischem Nulldurchlauf, mentaler Hygiene und generischen Produktnamen? Geht doch auch.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Reisen im Esstisch "Norden" (199,-)


15.09.2007 | 00:31 | Berlin | Fakten und Figuren

Warten auf Girugämesch


(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)

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Zu einem beinahe tumultuarischen Menschenauflauf kam es gestern am späten Nachmittag nicht nur auf Schloss Meseberg, das für drei Stunden dem Peuble offen stand, sondern zeitgleich auch in der Berliner Torstrasse vor dem Neo Tokyo. Grund bzw. Auslöser für den Andrang durchweg dunkel ge-, teilweise mit Häschenohren und Mundschutz verkleideter, vorwiegend weiblicher Teenager war eine Signierstunde der japanischen Visual Kei-Band Girugämesch angelegentlich ihres neuen Albums 13'S Reborn. Was klingt wie der verunglückte Versuch, den Titel des Gilgamesch-Epos ins Japanische zu übertragen, ist allem Anschein nach das nächste grosse Ding nach Dir en Grey. Tatsächlich markiert Girugämesch eine spannende Spielart innerhalb des Visual Kei, die man wohl am ehesten als "Visual Dark Cool" bezeichnen könnte – ergo auch die Mundschutze. In ein paar Jahren werden wir uns alle nolens volens mit diesen subtilen Verästelungen innerhalb der japanischen Populärkultur auskennen, wenn das Phänomen auch hierzulande grösser sein wird als Techno und Harry Potter zusammen. Wovon wir immer noch und mehr denn je überzeugt sind.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Blut und Kulleraugen


09.09.2007 | 13:10 | Supertiere | Essen und Essenzielles

Angst essen Fisch


Hallo und auf Wiedersehen! (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Die merkwürdigen suizidalen Tendenzen belebter Nahrungsmittel wurden im Weblog Suicidal Food und in der Flickr-Group Scary beings eating themselves bereits materialreich dokumentiert. Ihre kumulative Empirie legt den Verdacht nahe, dass uns die praktizierende Gastro- und Fast-Food-Industrie eine unter Nutztieren Raum greifende Todessehnsucht nur suggeriert, um uns das schlechte Gewissen beim Verzehr zu nehmen, es mithin also darauf angelegt hat, uns eine imaginäre konsensuale Win-win-Situation zwischen Subjekt und Objekt des Essvorgangs vorzuspiegeln. Durchbrochen wird dieser Verblendungszusammenhang mutig von der Fischräucherbude in Bansin auf Usedom. Sie wagt es, den noch unentschlossenen Konsumenten mit der schieren Existenzangst des noch lebenden Nahrungsmittels angesichts seiner bevorstehenden Verspeisung zu konfrontieren: ein mutiger Schritt in Richtung schonungsloser Offenheit in der Werbung, der auch die letzte Konsequenz etwaiger Umsatzeinbussen angststarrenden Auges in Kauf nimmt.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Suicide Food


02.09.2007 | 23:19 | Anderswo | Zeichen und Wunder

Ein Acker für die gesamte Menschheit


(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)

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Kracht, Niermann, Holzberger, Thiel (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Ein bisschen erinnert die Szenerie an die meistfotografierte Scheune Amerikas aus Don Delillos "White Noise", eine sich selbst erneuernde Tourismusattraktion irgendwo im Nirgendwo, von der niemand mehr sagen kann, wie sie dazu wurde – nur dass da, wo die grosse Pyramide werden soll, momentan noch ein klappriges Windrad steht, das man aus Bayern über die grüne Grenze in die Gegend von Streetz verfrachtet hat, weil es den Bayern zu viel Krach machte. (Was die Initiatoren Ingo Niermann und Jens Thiel mit der Vision einer Völker, Kulturen und Religionen verbindenden, international vermarkteten Grab- und Erinnerungsstätte in Form einer stetig wachsenden Pyramide bezwecken, kann man unter anderem hier nachhören.)

Zum heutigen "Pyramidenfest" wurde zusätzlich eine Bühne aufgebaut und ein Stück Acker als Parkplatz abgesperrt. Es sollte eine Art Grundsteinlegung werden. Der Shuttlebus aus Berlin trifft mit einer Stunde Verspätung ein, weil das Kamerateam mehrfach ins Begleitfahrzeug und zurück wechseln musste, um den Bus auch von aussen zu filmen. Vor Ort sind bereits mehrere Kamerateams vertreten, die sich gegenseitig filmen und die noch etwas spärlichen Besucher interviewen. So ganz will das Eis zwischen Einheimischen und zugereisten Berlinern nicht brechen: eine Gulaschkanone mit Eisbein und Wellfleischknödeln hier, ein antiker Bus mit Latte und Prosecco genau gegenüber. Blaskapellen spielen auf. Auf der Bühne zeigt eine Kinderturntruppe kostümierte Akrobatik. Eine Minidemonstration von Streetzern marschiert auf und wehrt sich mit Transparenten gegen die Vorstellung, dass demnächst 5.000.000 Tote vor ihrer Tür geparkt werden könnten.

Momentan liegt nur ein kleiner Haufen von sogenannten "Erinnerungssteinen" herum, der vermutlich im Laufe des Abends noch enthüllt wurde. Man wähnte sich in einer geheimen Inszenierung von Christoph Schlingensief, wenn der nicht zeitgleich in Bonn Premiere gehabt hätte. Bei Redaktionsschluss dauerten die Aufruhrarbeiten an der Baustelle noch an.


01.09.2007 | 16:00 | Alles wird besser | Sachen anziehen

Bricks and Mortar


Back to Backstein (Foto: Daniel Ulrich, Lizenz)
In der aktuellen Ausgabe der ZEIT findet sich ein interessantes Gespräch mit Helmut Schmidt von Giovanni di Lorenzo, nein nicht das über die RAF, sondern "Auf eine Zigarette mit" im ZEIT-Leben, wo es diesmal um Architektur geht. Schmidt bekennt darin, dass er selbst "von ganzem Herzen" gern Architekt geworden wäre, wenn nicht der Krieg dazwischen gekommen wäre. Es folgt ein flammendes Plädoyer gegen die "moderne Allerweltsarchitektur" aus Stahl und Glas, gegen "Brutalbeton" und für den hanseatischen Backstein. Obwohl dieser in der Nachkriegszeit nur noch aus kosmetischen Gründen vor die Betonfassaden geklebt wurde, hätte es laut Schmidt die Chance gegeben, den "der Landschaft angemessenen" Baustoff "zu einem Signum Hamburgs zu machen".

Nur scheinbar outet sich der Altkanzler damit als unverbesserlicher Buddenbrook'scher Kulturpessimist, der mit seinem Bekenntnis zu Stein und Mörtel posthum die gesamte Postmoderne inklusive New Economy in die Tonne tritt. Unerwartete Schützenhilfe erhält er nämlich aus der Süddeutschen Zeitung, die unter Ökologie-Gesichtspunkten eine ähnliche Breitseite gegen die zeitgenössische Architektur abfeuert, und konstatiert, dass das weitgehend aus "Planziegel XP 11" von Eder gebaute Energetikhaus 100 das ökologische Bauen weiter vorangebracht hat, als die Zunft der internationalen Star-Architekten zusammengenommen. Statt "Zurück zum Beton" könnte es demnach bald heissen: "Zurück zum Ziegel", was unterm Strich auch die bessere Alliteration ist.


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