Riesenmaschine

12.06.2007 | 20:02 | Anderswo | Alles wird schlechter

Hotels, wir müssen reden


Der Übeltäter (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Dass zwar eure verpilzten Wellnessbereiche gratis zu benutzen sind, dass WLAN aber astronomisch kostet (Im Dorint-Hotel Main-Taunus-Zentrum zuletzt 19 Euro für 24 Stunden) – damit haben wir uns längst, nun ja, abgefunden. Dass ihr Duschhauben, mundgeblasene Seifen und andere absurde Kosmetika und Utensilien mit dem Füllhorn vorhaltet, niemals jedoch auf die wenig abwegige Idee verfallen würdet, dasselbe mit Zahnbürsten, geschweige denn Zahnpasta zu tun – geschenkt. Aber was soll diese neue Marotte, das "Betthupferl" aus Schokolade nicht auf den Nachttisch, sondern auf oder gar unter dem Kopfkissen zu plazieren? Auf dass man, wenn man von langer Tage Arbeit mühsel'ger Qual ermattet und kraft per Sozialzwang verabfolgter Limonaden bettschwer sein müdes Haupt dorthin zur Ruhe bettet, am nächsten Morgen wie aus Totenschlaf erwachend ob der verschmierten Laken zuallererst ins Grübeln gerät, ob die kompromittierende Sauerei Resultat trunkener Dekompensation und Spontanentleerung ist oder ob da womöglich doch noch was mit der unscheinbaren Vertriebsperson ging, die sich in privatem Ambiente dann überraschend als ausnehmend kess und Freundin gewisser Praktiken ... Kurz: um uns das alles zu ersparen, lasst es doch in Zukunft bitte einfach bleiben!

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Not so hot spots


06.06.2007 | 22:19 | Berlin | Zeichen und Wunder

Poesie und Alltag


(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Dieses Bild zeigt einen spannenden Augenblick im ersten und gleichzeitig langsamsten Dampfdraisinen-Seifenkistenrennen aller Zeiten, das vom 6. Juni bis ca. 6. August 2007 in Berlin einmal um den Hackeschen Markt herum stattfindet. Versonnen, scheinbar halb schlafend, in Wahrheit aufs Äusserste konzentriert schauen die beiden Fahrer vom Team BSR durch ihre Schutzmasken ins Innere ihrer knallorangenen Boliden, in den Maschinenraum, wo ein unglaublich ineffizientes Antriebsaggregat funkensprühend vor sich hin arbeitet, ohne dabei nennenswerten Vortrieb zu produzieren. Das riskante Überholmanöver, zu dem der hintere Fahrer gerade angesetzt hat, ist mit dem blossen Auge nicht zu erkennen und wird das gesamte Ausmass seiner taktischen Finesse erst in ca. zwei Wochen in der Zeitraffer-Rückschau entbergen. Könnte man denken. Die da so unverhofft poetische Bilder ins Weichbild der Stadt hineinprägen, gehören natürlich in Wahrheit zu einem Instandsetzungskommando der BVG und schweissen ganz prosaisch die Gleise neu zusammen. Trotzdem: Gegen das, was Berlin dem sensiblen und empfänglichen Cineasten an einem gewöhnlichen Dienstagnachmittag zu bieten hat, können sich die Jean-Pierre Jeunets, Tim Burtons, und Emanuel Crialeses dieser Welt mit ihrem vermeintlich "fantastisch surrealen" Filmschaffen allemal gehackt legen.


04.06.2007 | 20:39 | Berlin

Copy Capitalism goes Torstrasse


(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)

Fälschung und Fälschung
(Fotos: Holm Friebe) (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Das Konzept des "Copy Capitalism" stammt aus Asien und ist schon im Konfuzianismus angelegt, wo es heisst: "Wer grosse Meister kopiert, erweist ihnen Ehre." In Vietnam werden nach der Devise nicht nur Markenartikel und ausländische Slogans gefälscht und kopiert, sondern gleich ganze Hotels, dies allerdings in vorsätzlich betrügerischer Manier. Normalerweise läuft es so ab, dass, wo immer ein überzeugendes touristisches, gastronomisches oder sonstwie erfolgreiches kommerzielles Angebot gedeiht, sich binnen kurzen die Nachahmer in direkter Nachbarschaft ansiedeln und einen kleinen Cluster bilden. Ungeachtet des Allmendeproblems geschieht das zumeist einträchtig und konfliktfrei, weil unbestreitbar auch positive Verbundeffekte dabei auftreten. Die mittelalterlichen Gilden und Zünfte könnten ein Lied davon singen, wenn es sie noch gäbe. Nun kündigt sich allerdings auch bei uns eine neue Ära des Copy Capitalism an, natürlich – wo sonst? – in der Berliner Torstrasse, wo die Trends geschmiedet werden, so lange sie heiss sind. Rafael Horzons um ein einziges Regal herum aufgebaute Möbelgeschäft hat ein Stück weiter die Strasse runter Konkurrenz bekommen durch YBDD, die mit ähnlich puristischen Regal- und Schranklösungen in nahezu identischem Ladenlokal-Setting aufwarten. Das sagenumwobene Café St. Oberholz wurde ein Stück weiter oben mehr schlecht als recht unter dem Brüller-Namen Muschi Obermaier geklont, inklusive der auswärtig angebrachten Sinnsprüche: Das subtil-hintergründige "Verteile das Fell des Bären nie, bevor er erlegt ist" wird hier zur plattest denkbaren Slogan-Karikatur "Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker". Vermutlich ist sogar das WLAN dort aus gebrauchten UKW-Frequenzen zusammengebastelt, und rumänische Hütchenspieler spielen an Laptop-Attrappen aus dem Möbelhaus digitale Bohème. Die einzigen, die darauf hereinfallen, sind asiatische Touristen. So schliesst sich also der Kreis.


30.05.2007 | 14:19 | Listen | Vermutungen über die Welt

Minor Urban Disasters


Murphys Law auf die Strasse gebracht.
Bild: Plugimi, Lizenz
Irgendwie waren wir – dank eines Fingerzeigs von Peter Glaser, der uns auf die umgefallenen Männchen im Glaskasten der Modelleisenbahn am Bahnhof Spandau aufmerksam machte – der Sache schon länger auf der Spur. Auch Kathrin Passigs Sammlung weggeworfener Wäscheständer und meine ausgesetzten Stofftiere gingen in die Richtung. Nur haben wir irgendwie immer die falsche Abzweigung genommen. Vielleicht fehlte es einfach nur am verbindenden und verbindlichen Begriff für all diese häufig unbeachteten und undokumentierten Kleinkatastrophen im Stadtbild. Der passende und umfassende Terminus dafür lautet natürlich "Minor Urban Disasters", die gleichnamige Flickr-Group, die beim gestrigen Pecha Kucha-Abend in Berlin von Beiträger Ariel Chico vorgestellt wurde, hat es auf den Punkt gebracht und versammelt die Livebilder und Spuren von Mikrodramen oder blossen Ungereimtheiten und Unstimmigkeiten im öffentlichen Raum. Angefangen hat alles 2003 mit einem verlorenen Handschuh in Stockholm, inzwischen steuern 68 Mitglieder ihre Bilder bei. Als Diashow betrachtet ergeben sie ein tragikomisches Panoptikum der urbanen Halbheiten, Havarien und Hacks sowie einen eindrucksvollen Beleg dafür, dass möglicherweise etwas mit der Matrix nicht ganz in Ordnung ist. Und das hatten wir ja eh schon immer vermutet.


20.05.2007 | 23:58 | Anderswo

Neues von Graniph


Rainbow Stein (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)

Swan Typo (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)

Psychedelic Butterfly (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Bis der 2007er Jahrgang der Riesenmaschine-Palimpsest-T-Shirts aus der Druckerei kommt, dauert es noch einige Tage. Vertreiben wir uns so lange die Zeit mit einem Blick auf die neue Kollektion des japanischen Labels Graniph, das schon gelegentlich Gegenstand unserer Berichterstattung war: Wieder hat der anonyme Designer seinem Hang zum Deutschtum freien Lauf gelassen, wobei der Instinkt die fehlende Sprachkenntnis mehr als kompensiert. Erneut gelingen ihm bizarr schillernde Motive, erratische Findungen, getragen von existentieller Leichtigkeit und romantischer Tiefe. Manches ist leicht zu lokalisieren, etwa als Goethe-Zitat. Einiges scheint direkt aus der Sphäre des Tourismus übernommen. Einiges weist Tocotronic-hafte Sloganqualität auf. Anderes wirkt dagegen wie das Gestammel Demenzkranker. Nie jedoch entsteht der Eindruck kompletter Wahllosigkeit, man habe es gar mit einer transkulturellen Manifestation des Infinite monkey theorems zu tun. Immer wieder stellt sich eine frappante Kongruenz zwischen Signifikat und Signifikant her. Das Shirt namens Crack Skeleton zeigt, was es vorgibt zu zeigen, nämlich "gekreuzte Knochen". Das Shirt Helvetica benutzt als Schrift für den Aufdruck "Helvetica" die Schrift Helvetica (über die im übrigen gerade ein Dokumentarfilm in Umlauf ist, aber das gehört nicht hier hin). Und, als wenn es noch eines Beweises für die Germanophilie des Hausdesigners bedurft hätte, findet sich im Sortiment auch ein Shirt namens German Logo. Allerdings ist dessen Aufdruck ausnahmsweise auf Englisch.


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