27.07.2006 | 00:03 | Vermutungen über die Welt
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)"Kann man die Zeit erzählen, diese selbst, als solche, an und für sich? Wahrhaftig, nein, das wäre ein närrisches Unterfangen!" fragt und antwortet der Erzähler sich im siebten Kapitel von Thomas Manns Zauberberg, als dessen eigentliches Thema das Vergehen der Zeit gilt. Und Überraschung: Es geht doch. Ist man mit dem Buch durch, so ist es zum Teil deutlich später als am Anfang. Trotzdem bleibt die Zeit, insbesondere ihr Vergehen (das im übrigen auch ein grosses Thema im Werk der Autorin Kathrin Passig ist) ein grosses Mysterium, dem sich auch Heinz Strunk in seinem Lied "Zeit" auf dem Album Einz nur wortlos wortreich nähern kann: "Ein Weilchen, eine Ewigkeit, die Frage nach der Zeit: Sie kann rieseln, rennen, rollen, gekrümmt sein oder gestaucht. ... 'Im Aufenthaltsbereich ist Aufenthalt verboten.' Absurd wie dieser Satz verhält sich auch die Zeit." Der, wenn man nicht drüber nachdenkt, einfach, wenn man drüber nachdenkt, schwierig zu beantwortenden Frage "Wann ist jetzt?" widmet die Riesenmaschine heute mit einem Thementag ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Zumindest für diesen Moment.
22.07.2006 | 09:31 | Papierrascheln | Vermutungen über die Welt
Man bekommt ja eine Menge Post, dieser Tage. Kaum jemand liest sie mehr. Und noch seltener macht sich jemand die Mühe und beantwortet all die Mails, die sich ungefragt um Seelen- und Sexualheil des Empfänger sorgen. Neulich war eine darunter, die herausstach, und zwar wegen ihrer Betreffzeile: "Ich bedurfe mich deiner" Schöner, trefflicher hätten auch Ernst Jandl und Friederike Mayröcker das jähe, sehnsüchtige Drängen und Verlangen nicht in Worte kleiden können, das die Grammatik zum Purzeln und die Silben zum Tanzen bringt. Auch der Body-Text der Mail fiel nur unwesentlich gegen diesen furiosen Aufschlag ab:
Hallo. liebe ich Sie mit meinem ganzen Herzen und Seele. vermisse ich Sie so viel. sende ich Ihnen mein Foto. Zeigen Sie es bitte zu Ihrer Familie und Freunden nicht. Viele Kusse, Ihre Liebe.
Da war etwas. Ein Tonfall, wie man ihn – zumal in Spam-Mails – lange nicht mehr vernommen hatte und dessen sich der/die Schreiber/in namens "vaxine" womöglich selbst gar nicht bewusst war. Die Rückkehr der Poesie nämlich, einer neuen Form der Poesie, die sich ihre Wirtstiere und Trägermedien eigenmächtig und willkürlich sucht. Eine Himmelsmacht, die lange Zeit weltabgewandt überwinterte, während die Technokraten mit ihrer Verwaltungssprache und die Werber mit ihrem geistlosen Gefasel die Geschicke und Tonlagen hinieden bestimmten – und die sich nun anschickt, als mutiertes Virus oder virales Mem für die Wiederverzauberung der Welt zu sorgen. Oder wie sonst wäre zu erklären, dass eine Küchenfabrik aus dem Berliner Umland gestern in der Berliner Zeitung für sich wirbt mit dieser irrlichternd ragenden, an Gottfried Benn und Ernst Jünger geschulten Headline:
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Versetzt uns die Existenz eines klar umrissenen und einheitlich verfassten "Küchen-Berlins" bereits in Erstaunen, lässt uns die Vorstellung innerlich frohlocken, dass dieses angesichts der bevorstehenden Angebotsoffensive jetzt also "erzittert", und zwar nicht überall, sondern exakt und ausgerechnet "bis Waltersdorf". Solcherart sensibilisiert und mit frischer Empfindsamkeit ausgestattet, begegnet uns die neue Poesie plötzlich überall. So auch in einer Bildunterzeile in der aktuellen Ausgabe des Spiegel zu einem Artikel über verborgene Rohstoffschätze in den Nordmeeren, in der sich das flüchtig Feinstoffliche, das Fluide und das hammerhart Massive auf engstem Raum – ja! – verdichten.
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Keine Frage: Die neue Poesie ist unter und kommt über uns. (Wobei wir uns des bekannten psychologischen Phänomens, dass wer einen Hammer hat, überall Nägel sieht, durchaus bewusst sind und es bereits eingepreist haben.)
19.07.2006 | 11:36 | Berlin | Anderswo
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)"The early bird catches the worm, but the second mouse gets the cheese." Diese Weisheit, die uns zuletzt die New Economy eindrücklich anschaulich gemacht hat, scheint sich als Schema im erbitterten Standortringen der aufstrebenden polnischen Ostseebäder wiederzufinden und erneut zu bewahrheiten. Nachdem im Mai bereits Zachodniopomorskie mutig in die Spur gestiegen ist, um sich mittels massiver Aussenwerbung den Berlinern als Destination und, ja, doch: Marke ins Bewusstsein zu drängen, legt jetzt Gdansk nach – und macht alles richtig. Wo bei Zachodniopomorskie viel Weissraum und gestische Malerei am Start ist, prangt hier ein lupenreines Postkartenidyll mit einem attraktiven jungen Pärchen. Wo Zachodniopomorskie mit der Headline "Meer der Abenteuer" das naheliegende originelle Wortspiel verschenkt, werden bei Gdansk mit "Meer der Möglichkeiten – Mehr an Möglichkeiten" alle Unzweideutigkeiten restlos ausradiert und dem Erdboden gleich gemacht. Wo Zachodniopomorskie sich halsbrecherisch selbstbewusst auf die konsonantenreiche Nachkriegsidentität stützt, schimmert bei Gdansk noch das alte "Danzig" durch, das auch altdeutschen Silver Agern noch etwas sagt. Zachodniopomorskie vs. Gdansk: das gesamte Spektrum der Möglichkeiten modernen Tourismusmarketings zwischen zwei Polen.
Dieser Beitrag ist ein Update zu: Wenn bei Zachodniopomorskie die rote Sonne ...
15.07.2006 | 21:36 | Berlin | Sachen kaufen
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.) (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Pop Up Retail is over. Jetzt kommt Extreme Pop Up Retail. Unter dem Motto "72 hours" hat Nokia in einer Nebenstrasse der Münzstrasse ein Ladenlokal eröffnet, das exakt drei Tage lang geöffnet hat, und zwar bis genau Sonntag abend. Die Inneneinrichtung steht einem auf Dauer angelegten Geschäft in nichts nach. Naturrasen wurde auf dem Bürgersteig davor ausgerollt. Ein Bar-Lieferwagen parkt gegenüber dem Eingang. Die obligatorischen IKEA-Lounge-Sessel und der Default-DJ sollen Fashionistas der 21 gleichzeitig stattfindenden Modemessen und versprengte Verstrahlte der zeitgleich stattfindenden Love-Parade herankobern. Nein, dieses crazy Berlin mal wieder! Setzt einen crazy Retail-Trend nach dem anderen! Könnte man denken. In Wahrheit kann man in dem Geschäft aber gar keine Telefone kaufen, nur anschauen und anfassen. Am Ende ist doch wieder alles nur Messebau und Viehzucht, vulgo Marketing.
13.07.2006 | 17:28 | Anderswo | Supertiere | In eigener Sache
 Sascha und Kathrin (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Wie die Sylter Rundschau in ihrer gestrigen Ausgabe meldet, macht die Tiefe kleine Tiere grösser. Dabei handelt es sich nicht etwa um eine optische Täuschung, sondern es hat vermutlich etwas mit dem Wasserdruck zu tun. "Grosse Meerestiere, die aus flachen Gewässern in die Tiefsee kommen, scheinen sich ihrer neuen Umgebung anzupassen, indem sie ihre Grösse verändern. Grosse Meerestiere verkleinern sich, kleine hingegen vergrössern sich." Aha, danke, Sylter Rundschau! Mit dem Landdruck dagegen hat dagegen eine Regel zu tun, die besagt, dass Tiere auf Inseln ohne Festlandsanbindung nach kurzer Zeit schrumpfen, weil weniger Landmasse von unten gegen sie drückt.
Auf Sylt, wo sich grosse Teile der Riesenmaschine-Redaktion für einen Workshop über die Zukunft des Fernsehens aufhielten, haben Tiere, Stühle, Teller und Betten absolute Normal-Ausmasse. Das liegt am Hindenburg-Damm, der die Insel schon seit Kaiserszeiten mit dem Festland verbindet. Der Workshop handelte unter anderem davon, dass das Fernsehen "alles mit Ähnlichkeit schlägt" (Th. W. Adorno) bzw. einer allgemeineren Aussage der Quantentheorie zufolge immer den Gegenstand seiner Beobachtung durch die Beobachtung selbst bis zur Unkenntlichkeit verändert. In einer Folge der Simpsons werden bei Dreharbeiten für einen Film, in dem Kühe vorkommen sollen, von der Crew Pferde wie Kühe angestrichen. Warum sie nicht gleich eine Kuh nähmen, fragt Bart Simpson. Darauf einer der Filmmenschen: "Kühe sehen im Film nicht aus wie Kühe." Bart lässt nicht locker und will wissen, was man denn dann macht, wenn im Film Pferde dargestellt werden sollen. Unwirsche Antwort: "Dann binden wir einfach ein paar Katzen zusammen." Wie ein Rudel zusammengebundener Jungkatzen, die man in der Nordsee zu ertränken versucht, laufen Sascha Lobo, Kathrin Passig, Aleks Scholz und ich für die Fernsehkameras am Strand von Kampen herum. Zu sehen am Freitag in einem Beitrag des Kulturmagazins aspekte im ZDF.
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IN DER RIESENMASCHINE
ORIENTIERUNG
SO GEHT'S:
- Gespinstling
- krasse Moves
- Ruhe und Besonnenheit
- flauschigen Riesenplaneten entdecken
SO NICHT:
- CC-Verteiler
- Dachschrägen
- dem Sitznachbarn im Kino eine angenehme Projektion wünschen
- ultrakrasse Moves
AUTOMATISCHE KULTURKRITIK
"Offside", Jafar Panahi (2006)
Plus: 15, 33/45, 72, 80, 84 Minus: 27, 121 Gesamt: 3 Punkte
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