08.07.2006 | 19:28 | Anderswo | Papierrascheln
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Nichts läge uns ferner, als jede x-beliebige Titelgeschichte des SZ-Magazins zum Anlass und Aufhänger einer Berichterstattung zu nehmen, aber auch in dieser Woche führt kein Weg daran vorbei. Nicht so sehr allein wegen der Titelgeschichte "lecko mio!", in der es darum geht, dass Italien ein beklopptes Drecksland geworden sei, die italienischen Männer von Machos zu verzärtelten Muttisöhnchen degeneriert seien, die bis ins hohe Alter bei Mama wohnten und auch im Bett nichts mehr zustande brächten. Nein, eher wegen der Umschlag-Anzeige der italienischen Modemarke Dolce & Gabbana, darauf die halbe italienische Nationalmannschaft ohne Schweissrand-Trikots, und der ausgesprochen kontextsensitiven Plazierung in Kombination mit dem Titelblatt, wenn man das Heft rittlings aufklappt. Eine solche kontrapunktische Anti-Programmierung kommt normalerweise nur über Google Adsense in Blogs zustande, wo neben einem geharnischten Hassartikel zu einem Produkt das entsprechende Textbanner "Suchen sie ..." auftauchen kann. Nun also auch im Print, und – anders als wohl in diesem Fall – womöglich sogar mit (ironischer) Absicht. Wie auch immer: ein echter "Hingucker".
05.07.2006 | 14:28 | Vermutungen über die Welt
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.) (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Noch ein Wort zu den WM-Trikots der Nationalmannschaft, zu denen ja vermutlich bereits alles gesagt ist, nur noch nicht von allen, und die man ab jetzt dankenswerterweise nicht mehr so häufig sehen wird. Orientierte sich das Sporttrikot-Design noch im letzten Jahrtausend – etwa beim WM-Trikot von 1990, mehr noch das legendäre zweite Ivan Lendl-Hemd – an einer bastardisierten Schwundstufe des Konstruktivismus, scheint für das diesjährige WM-Trikot der Deutschen, wie auch anderer Mannschaften, das moderne Auto-Design Pate gestanden zu haben. Die Farbstreifen sind keine Balken mehr, sondern rinnenförmige Linien, teilweise mit Abschattierungen. Im Car-Design nennt man derlei nichtfunktionale Gestaltungselemente Sicken, und sie dienen dazu, die Autos assoziativ aufzuladen und den Eindruck muskel- und hautbespannter Skelettstrukturen etwa von Raubtieren – beim BMW Z4 ist es eher ein trächtiges Karibu oder ein in der Mitte durchhängender Buckelwal – hervorzurufen. Tatsächlich entspricht das Abschneiden der Nationalmannschaft in etwa der derzeitigen Performance der deutschen Autoindustrie auf dem Weltmarkt. Aber immer noch besser als die von Dolce & Gabbana designten, ebenfalls ausserplanmässige Assoziationen hervorrufenden Italien-Trikots. Nie wieder werde ich Wolfgang Herrndorf für seine Ahnungslosigkeit rüffeln, weil "Armani-T-Shirts mit aufgedruckten Schweissrändern" in seinen Texten auftauchen.
Dieser Beitrag ist ein Update zu: Assoziationskettenmassaker
30.06.2006 | 12:37 | Alles wird besser | Zeichen und Wunder
 Der Feind in meinem Beet (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Schon als der Kollege Albers und ich 2001 im Zuge unserer Tournee durch Deutschland Karlsruhe streiften, dort die Harfinistin und Autorin Angelika Maisch besuchten und einen Ausflug in den Schwarzwald unternahmen, um dort die zu Recht sagenumwobene MaKü-Systemgastronomie zu studieren, wurden wir auf das Phänomen aufmerksam und stellten darüber Spekulationen an. In unserem Reisetagebuch notierten wir damals:
Am Wegesrand bemerkten wir lobend ein rosanes Kraut, das überall in voller Blüte stand. Maisch sagte, dass das gar nicht so lustig sei, weil es sich dabei um Indisches Springkraut handele, das, einmal in Europa eingeschleppt, nun drohe, den gesamten Schwarzwald zu überwuchern. Umgekehrt habe Hawaii gerade mit der Invasion der heimischen Brombeere zu kämpfen, die dort die dermaleinstige Faunavielfalt niederzumachen drohe. Wir fühlen uns an die gestrige "Risiko"-Session erinnert und mutmassen, dass die beiden Arten einfach in einer strategischen Allianz die beiden Kontinente "Europa" und "Asien" unter sich aufgeteilt hätten,weil das in ihren evolutorischen Auftragskärtchen stand.
Heute lesen wir in der Titelgeschichte des "SZ-Magazins" über den Verbreitungsfortschritt des nämlichen Krauts:
Weil das Indische Springkraut auch noch sehr schnell und dicht wächst und alle seine natürlichen Feinde immer noch im westlichen Himalaya sitzen, hat es sich in einigen Gegenden rasend schnell ausgebreitet, oft in riesigen "natürlichen Monokulturen".
Umweltschützer schlagen erwartungsgemäss Alarm und bemühen fremdenfeindliche Rhetorik. In der Schweiz bekämpft man bereits Gleiches mit Gleichem, indem man Asylbewerber gegen das Kraut zu Felde ziehen lässt. Aber hey, muss man Überfremdung nicht auch mal als Chance begreifen? Deutschland wird rosa – das passt zum neuen soften Patriotismus mit menschlichem Antlitz wie der sprichwörtliche Arsch auf den Eimer. Nach "Cool Britain" jetzt "Pink Germany". I'm lovin' it.
17.06.2006 | 16:42 | Alles wird besser | Essen und Essenzielles
 Typisch Rheinländer: Immer am Baggern (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Knapp 20 Jahre hat das juristische Hickhack um das umstrittene Tiefbauvorhaben Garzweiler II gedauert: Verglichen mit der Zeit, die es braucht, bis aus Dinosauriern und Gestrüpp Braunkohle wird, ein historisch kurzer Zeitraum. Heute endlich beginnen die Bauarbeiten zum "grössten Loch Europas" (nicht zu verwechseln mit dem tiefsten oder kleinsten). Bis 2045 sollen laut Rheinbraun (was für ein schön versauter Firmenname!) auf einer Fläche von sumasummarum 48 Quadratkilometern (das entspricht nach heute gängiger Einheit ca. 6.800 Fussballfeldern) ca. 1,3 Milliarden Tonnen von dem braunen Gold, auch "Naturkaviar" genannt, aus dem Boden gelöffelt werden. Da kann sich der halsabschneiderische Araber mit seiner schwarzen Plörre getrost mal gehackt legen. Auch wenn wir die Bedenken von Umweltschutzverbänden durchaus ernst nehmen und Zwangsumsiedlungen grundsätzlich nicht für die feine bürokratische Art halten, so begrüssen wir doch das Projekt. Schon allein wegen der Bagger. Und um den Chinesen wenigstens irgendwas entgegensetzen zu können. Ausserdem: Wenn zur Mitte des Jahrhunderts die Löcher geflutet und die Bagger auf einer Insel in der Mitte zusammengezogen werden, verfügt endlich auch die bis dahin vermutlich wieder errichtete Bundesrepublik über eine so schöne Festival-Location wie die DDR sie schon längst hat. So muss man das auch mal sehen.
12.06.2006 | 01:52 | Alles wird schlechter | Essen und Essenzielles
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.) Die WM bringt es mit sich, dass die Werbung, normalerweise erpicht auf Alleinstellungs- und Unterscheidungsmerkmale, zu einer einzigen gleichförmigen und ununterscheidbaren Fussball-Sauce verschmolzen ist. Kein Möbelmarkt, keine Burger-Kette, kein Autohaus, der, die, das nicht mit einem wie auch immer konstruierten Fussball-Bezug – entweder als FIFA-Sponsor oder unter bauernschlauer Umgehung der FIFA-Richtlinien – aufwartet. Wie Nielsen Media Research herausgefunden hat und die Berliner Zeitung berichtet, ist die Zahl der Werbebotschaften mit Bezug zur WM im Mai auf 868 angeschwollen, darunter 294 neue TV-Spots. Weil alle das selbe zur gleichen Zeit tun, kommt es zur Resonanzkatastrophe; Werbung mit Fussballbezug wird zur Tarnung. Ein Werbemotiv, ganzflächig im Camouflage-Muster gehalten, wäre ein echter Hingucker dagegen.
Einige Botschaften stechen qua Werbedruck, Penetranz und Eigentümlichkeit dennoch hervor. Während das Gros der Marken auf Eintracht, Frieden und Völkerverständigung setzt, baut die ehedem als Symbol des globalen US-Imperialismus und "Impi-Brause" verschriene Coca-Cola voll auf das neue Wir sind wieder wer-Gefühl und schwingt die Patriotismus-Keule. "Statistisch gesehen wird Deutschland in Deutschland immer Weltmeister" heisst eine der Headlines, die spätestens nach der Vorrunde aufs Peinlichste falsifiziert werden wird. Die zugehörigen TV- und Radiospots operieren mit einer auftrumpfend gepfiffenen Stimmungsmelodie, die an Wandervogelbewegung und Pfadfinderaufmärsche, wenn nicht Schlimmeres denken lässt und nachgerade verleitet, ein zackiges "Eukalyptusbonbon" im Kasernenhofton dazwischen zu schmettern. Wie wenig diese einseitige und anbiedernde Parteinahme zu einer – wenn nicht der – globalen Marke wie Coca-Cola passt, offenbart sich am deutlichsten im Titel der Melodie und dem verdruckst denglischen Motto der gesamten Kampagne: It's your Heimspiel! Was soll das sein? Kreidefressen angesichts der aktuellen US-Aussenpolitik? Glokalisierung? Appeasementpolitik 2.0? Oder einfach das Anknüpfen an eine fruchtbare Tradition? Wir wissen es nicht.
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IN DER RIESENMASCHINE
ORIENTIERUNG
SO GEHT'S:
- Der Speier von Speyer
- Sex ganz allgemein
- Zombie Nation (neuer Lottmannroman)
- Badelatschen nach Athen tragen
SO NICHT:
- menschliches Versagen
- billiger Chrom
- mit dem Kopf durch die Hand
- schöne Tapeten
AUTOMATISCHE KULTURKRITIK
"The Prodigies", Antoine Charreyron (2011)
Plus: 12, 22, 24, 25, 32, 33, 42, 75, 79, 122, 132, 143, 149 Minus: 28, 118, 162, 182, 200 doppelt, 201, 202 Gesamt: 5 Punkte
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