Riesenmaschine

25.02.2006 | 13:00 | Alles wird besser | Papierrascheln

Godot Trends: E-Paper in da house


So flach, dass es unter jeder Tür durchpasst (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Godot hat soeben das Gebäude betreten, wenn auch auf schmalem Fusse: Wie die Berliner Zeitung vorgestern meldet, sollen nun 200 Probeleser der belgischen Tageszeitung De Tijd in den Genuss kommen, ihre morgendliche Lektüre auf elektronischem Papier bestreiten zu dürfen. Die Philips-Tochter iRex stellt das entsprechende Gerät, den Iliad E-reader ER 100 zur Verfügung, der noch dieses Jahr in Serie gehen soll. Trotz 8'1-Zoll-Display auf E-Ink-Basis soll die Batterielaufzeit über zehn Stunden betragen, weil die darin eingelagerten Schwarz-Weiss-Kügelchen nur in dem Moment Strom ziehen, wenn sie gedreht werden. Auch bei der Financial Times Deutschland, der Rheinischen Post und der Riesenmaschine denkt man angeblich bereits über Testläufe mit dem Iliad nach.

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22.02.2006 | 16:32 | Berlin | Vermutungen über die Welt

Nike Paranoia


(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Nike traut man ja einiges zu in Sachen Guerillamarketing, auch wenn die Umbenennung des Wiener Karlsplatz in Nikeground gar keine Aktion von Nike selbst war, sondern eine der Künstlergruppe 0100101110101101.org . Der Architekturtheoretiker Friedrich von Borries hat in "Who's afraid of Nike town?" das über weiten Strecken seiner im Volltext verfügbaren Dissertation Die Markenstadt – Marketingstrategien im urbanen Raum entspricht, nachgezeichnet, wie der Sportartikelhersteller sich systematisch subkulturelle Codes aneignet und damit eine vom Situationismus stammende Strategie der Usurpation und Umfunktionalisierung des öffentlichen Raumes für Marketingzwecke verfügbar und gefügig macht. Sensibilisiert durch diese Lektüre schöpft man erst mal Verdacht, wenn stadtweit plakatiert neonorange Plakate mit holzschnittartigem Druck auftauchen, die auf den ersten Blick an hippe Autonomenplakate erinnern und für eine ominöse "Live-Demo" am 24. Februar am Spindler & Klatt werben, wenn dann noch die darauf abgebildete Person einen "Live"-Schriftzug in der Nike-Typo mit dem Swoosh auf der Brust trägt.

Obacht!, denkt man, und hält es für die nächste Volte im Spiel postironischer Counterculture-Exploitation: Nike inszeniert am stattbekannten Yuppietreffpunkt eine pseudo-autonome Fake-Demo gegen übertriebenen Körperkult und Fashion-Oberflächlichkeit – also eigentlich dafür, weil die herbeigecasteten Autonomen natürlich so scheisse aussehen, dass man spontan zur Gegenseite tendiert. Der Besuch der Veranstalter-Website ergibt dann aber, dass es sich um ein stinknormales Live-Venue handelt, das auf den Plakaten lediglich Nike nachahmt, wie sie die Subkultur nachahmen. Es ist nur die Paranoia, Baby, es ist nur Rauch ohne Feuer.


20.02.2006 | 20:40 | Berlin | Alles wird besser

Pilzkonzept


Pilz löst Verkehrsproblem (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Nach jahrzehntelangem Planungsvorlauf und jahrelanger enervierender Bautätigkeit steht das sog. Pilzkonzept der Bahn für die Hauptstadt kurz vor der Vollendung. Bis zur Fussball-WM, genauer: bis zum 28. März 2006, soll alles unter Hut und Krempe sein. Der neue Nordbogen und die S-Bahnhauptstrecke bilden die Mütze, die Südtangente den Stiel, das ganze zusammengehalten in der Mitte durch den neuen Hauptbahnhof. "Wir hatten keine Ahnung, wie wir dem wachsenden Verkehrsaufkommen durch die neue Mittellage Berlins im vereinten Europa Herr werden sollten", so ein Sprecher des Konzerns, der lieber anonym bleiben möchte, zur Vorgeschichte: "Dann hat einer der Vorstände in einer Krisensitzung gedankenverloren einen Pilz auf seinen Notizblock gekrakelt, und das war's dann." Die Riesenmaschine gratuliert zum gelungenen Geniestreich. Wenn nur alle Probleme der Menschheit sich so einfach mittels Pilzen aus der Welt schaffen liessen.

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19.02.2006 | 05:24 | Berlin | Anderswo | Fakten und Figuren

Dönerkriege


Nash-Gleichgewicht im Cournot-Duopol (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Spiegel und BZ berichten in dieser Woche einhellig über einen Preiskrieg unter Dönerbuden, der dadurch zustande komme, dass immer mehr arbeitslose Türken auf den Markt drängten. In Düsseldorf sei der Preis für einen Döner laut Spiegel zwischenzeitlich auf 1,79 Euro gefallen, in Berlin-Neukölln laut BZ gar auf 79 Cent, was nicht nur etwas über die mutmasslichen Grenzkosten verrät, sondern auch über die ökonomische Realität beider Städte. Berliner werden sich vielleicht an den grossen Pizza-Krieg Anfang der 90er Jahre erinnert fühlen, der zum Shake out mit galoppierendem Qualitätsverlust unter den italienischen Restaurants dieser Stadt führte. Wettbewerbstheoretisch dürfte es sich hierbei, da es den Anbietern nicht gelingt, sich über die Produkteignschaften signifikant zu differenzieren, um einen lupenreinen Fall des Cournot-Spiels handeln, bei der sich alle Wettbewerber so lange über den Preis herunterkonkurrieren, bis die Preise Grenzkostenniveau erreichen und niemand mehr einen Gewinn erzielt. Bei asymmetrischen Kosten scheiden diejenigen Marktteilnehmer mit der schlechtesten Kostenstruktur aus dem Markt aus, was von den anderen nicht nur billigend in Kauf genommen, sondern über temporäres Dumping sogar noch forciert wird, daher auch die Bezeichnung Cutthroat Competition.

Hotellings Theorem in kompliziert (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
In diesem speziellen Fall scheint auch noch das Allmende-Dilemma, im Englischen Tragedy of the commons hinzuzukommen, wonach der Markt der Dönerkäufer mangels Zutrittsbarrieren ähnlich überfischt wird wie die Weltmeere, während allen längst das Zeug zum Hals raushängt. Auch Harold Hotellings Theorem, wonach zwei Eisverkäufer, die sich an einem langen Strand positionieren müssen, Rücken an Rücken in der Mitte landen werden (das sich im Übrigen auch auf die Politik übertragen lässt) mag mit hereinspielen und erklären, warum sich alle Dönerbuden in Neukölln massieren und nicht etwa auch mal eine in Charlottenburg aufmacht. Genau haben wir das aber noch nicht ausgearbeitet, verweisen an die zuständigen Lehrstühle und verzichten einstweilen in toto auf den Dönerkonsum, um die Marktbereinigung möglichst zu beschleunigen.


15.02.2006 | 16:17 | Berlin | Alles wird schlechter

Schweinebauch-Aussenwerbung


Der Peuble geht auf die Strasse (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Als Schweinebauch-Werbung bezeichnet man in der Branche jene Form der Brachialreklame, die mittels marktschreierischer Aufmerksamkeitseffekte und einer starken Betonung des Preisarguments für vermeintliche oder tatsächliche Sonderangebote bei Discountern werben soll. Zumeist begegnet sie einem in Form der Wimmelanzeigen oder als Beileger in Tageszeitungen, zunehmend auch als Postwurfsendung im Briefkasten, wie der Werbeblogger in einer verdienstvollen Collage dokumentiert hat. Neu ist, dass sie wie bei diesem ästhetisch herausgeforderte Angebot des Trash-Textil-Discounters Zeeman in den Aussenbereich migriert und als 18/1-Plakat das Stadtbild verunziert, dienten Billboards doch bislang eher der Lancierung von Neuprodukten sowie der Marken- und Imagebildung. Was solls? Gleichviel. Wird die Stadt eben zu einer bewohnbaren Wimmelanzeige. Wenn eh alles immer trashiger wird, können wir auch auf den schönen Schein der Webung getrost verzichten. Und auf einigen anderen überflüssigen Luxus der Zivilgesellschaft ohnehin. Wie Harald Schmidt einmal richtig bemerkte, gibt es sowieso nur noch zwei sinnvolle Bundesländer: Aldi Nord und Aldi Süd.


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"The Revenant", Alejandro G. Iñárritu (2015)

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