Riesenmaschine

03.04.2010 | 16:54 | Alles wird besser | Essen und Essenzielles

Der Repariertee


Weidenzweige brechen nicht unter dem Schnee (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Der neue Öko-Lebensstil unterscheide sich vom alten, heisst es, durch seine Abkehr vom "Jutesack und Asche"-Asketismus und seine Hinwendung zu Hedonismus und Stilbewusstsein bei gleichbleibend gutem Gewissen. Dennoch wohnte auch dem LOHAS nach unserem Gefühl noch immer eine gehörige Portion Protestantismus inne, indem er die düsteren Seiten und Abgründe eines jeden durch schlichtes Leugnen zu negieren suchte. Indem wir uns zu Gutmenschentum und gesunder Lebensweise bekennen, gelingt es uns auch, so zu leben. Weil die Realität bekanntlich anders aussieht, mieden wir realiter auch die neuen Bioläden – als Horte einer Kirche, der wir leider niemals angehören können. Jetzt aber zeichnen sich erste Risse im puritanistischen Purismus ab, die sich zum Wurmloch für unsereinen weiten könnten. In der Reihe der hübsch designten und selbst für Bioläden hochpreisigen "Hausfreunde"-Kräutertees von Herbaria (4,85 €) gibt es neben den Geschmacksrichtungen Hals, Balance, Nase, Bauch und Nerven seit jüngstem auch Kater: ein Repariertee als echte Alternative zum Stützbier und wie gemacht für uns LOPAS (Lifestyle of Punk and Sustainability).


17.03.2010 | 16:07 | Nachtleuchtendes | Zeichen und Wunder

Fernsehen wie noch nie


(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)

Silent Küche-Saubermaching (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Die erste Webcam war bekanntlich die Trojan Room Coffee Machine, die von 1991 bis 2001 den Füllstand der Kaffeemaschine aus dem alten Computerlabor der Universität Cambridge ins Netz funkte. Danach wurde sie in den verdienten Ruhestand geschickt, und das Prinzip Webcam geriet in Vergessenheit, bzw. wanderte ins 3sat-Fernsehen ab, wo, wenn man Glück hat, zu nachtschlafender Zeit mitunter Live-Bilder von Skiliften übertragen werden. Nur ein paar Prolls schauen noch anderen Prolls im Big-Brother-Container zu – und die paranoiden Superreichen auf Fisher Island haben es sich zur Gewohnheit gemacht, Überwachungskamerabilder aus anderen Teilen der Villa auf ihrem Fernseher laufen zu lassen. Dieser Idee nun wiederum huldigt das ansonsten in Webdingen unbeleckte bzw. gewohnt abzockerische Mariott Hotel Köln, indem es den ersten Fernsehkanal per Default mit einer Live-Übertragung aus der Küche des hauseigenen Restaurants Fou belegt hat. Was dem müden und beladenen Gast im ersten Moment anmutet wie die Nachtschleife des aserbaidschanischen Fernsehens, entpuppt sich als faszinierend hautnahes Reality-TV, wenn um 2:30 wie aus dem Nichts eine fremdländisch vor sich hin schimpfende Reinigungskraft die Szenerie betritt und unbekümmert den Dienst versieht. Wie im Wachkoma bleibt man gebannt den Rest der Nacht am Rohr in der Hoffnung, doch noch einer Ratte, ein paar ortstypischen Heinzelmännchen oder dem heimlichen Interkursus der Nachtportiers teilhaftig zu werden. Warum hat man noch keinen Fernsehkanal für die eigene Küche, das Bad oder den Fahrradkeller? Eigentlich möchte man nur noch so fernsehen – und würde dafür im Zweifel sogar endlich die GEZ-Gebühr bezahlen.


09.03.2010 | 19:13 | Fakten und Figuren | Vermutungen über die Welt

Facebook according to Nokia


.. aber was für welche?
Irgendein neues Nokia-Handy Nummer soundsoviel kann also anscheinend Facebook, wie uns die Leuchtwerbung im ICE wissen lässt. Das erinnert von fern an einen denkwürdigen Vorfall in Zusammenhang mit havarierten Grundnahrungsmitteln in Asien. Interessant ist jedoch, was die als repräsentativ vorgestellten, gleichwohl mutmasslich fiktiven Charaktere so an Statusmeldungen sporten – und wie darauf reagiert wird. Daniel Heine etwa ist mit seinem kreuzbiederen "Ich freue mich, die Suche nach dem Buch war erfolgreich" für müde 7 Kommentare gut. Katja Rensch hingegen erntet mit ihrem onomatopoetisch nahtlos an den Nachnamen anschliessenden "Ritsch, Ratsch, war beim Friseur" wahre Wogen der Anteilnahme (79 Kommentare), während Julia Klein mit ihrem obstruktiv anzüglichen "Wochenende verplant, muss mein neues Sofa einweihen." auf eiskalten Stein beisst (5 Kommentare). Und Michael Schmidts ominös orakeltes "hat die Kuh vom Eis geholt" lockt gleich gar keine selbige mehr hinter dem Ofen hervor. Was will uns das aber sagen? Sind die Leute auf Facebook generell unfassbare Tranpfützen? Nur diejenigen, die Facebook auf dem Nokia-Handy benutzen? Oder sind es wohl doch eher die sog. Kreativen in der verantwortlich zeichnenden Werbeagentur? Kein Kommentar.


27.01.2010 | 22:32 | Anderswo | Sachen anziehen

Travelpussy-Party, demnächst


*Speak for yourself! Gemeint ist ausschliesslich der prüde Autor. (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Wie Jens O. Brelle meldet, werden Betreiber von sog. Dildoparties derzeit vom Markeninhaber abgemahnt. Wie immer haben uns*, die wir nie über das Kekswichsen hinausgekommen sind, die Frauen da anscheinend was voraus. Das Format der Pussyparty müsste erst noch erfunden werden. Immerhin gibt es die Zutat TravelPussy für 4 € mittlerweile an gut sortierten Autobahnraststätten im Kondomautomaten, sodass wir nicht mehr auf die ungleich kostspieligere Fleshlight-Alternative angewiesen sind. Das Inspizieren des Inhaltes erinnert zunächst an die Ernüchterung beim Auspacken des YPS-Gimmicks "Solar-Ufo", bei dem es sich um letzlich auch um einen schwarzen Müllsack handelte. Immerhin ist unser Exemplar rosa und nicht hellblau, hält die Luft nach dem Aufpusten, und das mitgelieferte "Liquid Gel" verspricht: "Pflegt die Haut, macht sie erotisch, sensitiv, rutschig." Vielleicht sind wir ja auch einfach nur hoffnungslos hinten dran, schliesslich hat Deichkind dem Phänomen schon 2008 einen mitreissenden Song gewidmet. Insofern wir unsere Verklemmtheit überwinden können, wird unser abschliessendes Urteil nicht hier, sondern demnächst auf Amazon erscheinen, der Augenzeugenbericht von der ersten TravelPussyParty womöglich im Vice-Magazin. Jedenfalls haben wir uns die Marke schon mal gesichert.


23.01.2010 | 10:47 | Berlin | Zeichen und Wunder

Horror vacui in Aktion


Das schneebeglänzte Feld als Leinwand (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Wir als elende Skribenten und Zeilenschinder gingen bislang immer davon aus, bei unserem täglichen writers block, der allmorgendlichen Angst vor dem weissen Blatt resp. der Bildschirmoberfläche, die Douglas Adams ins Bonmot goss, Schreiben sei eigentlich ganz einfach, man müsse nur so lange auf ein blankes Stück Papier starren, bis einem die Stirn blute, handele es sich um nichts anderes als den sprichwörtlichen horror vacui. Nun klärt uns die Wikipedia darüber auf, dass mit der nämlichen "Abscheu vor der Leere", das exakte Gegenteil gemeint ist, sprich: "die Neigung des unerfahrenen Künstlers, leere Räume (des Papiers oder der Leinwand) mit Bild oder Text zu überdecken." Demnach erklärt der horror vacui nicht nur das Europep-Dekor auf Wohnmobilen, sondern "wird auch als spontane Motivation genannt, an leere Wände Graffiti anzubringen." Das wiederum würde erklären, warum eine jungfräuliche Schneefläche, die auf unsereins eine nachgerade perhorreszierende Abstossungswirkung hat, weil sie uns an unser unbewältigtes Schreibpensum erinnert, auf unerfahrene Graffitisprüher im Gegensatz magische Anziehungskraft ausübt. Eigentlich erstaunlich, dass nicht viel öfter, wie hier in Berlin-Niederschönhausen, das Schneekleid der Stadt als Maluntergrund benutzt wird. Und genau so wie die namenlosen Schneesprüher haben wir es auch gemacht: einfach irgendwas hingeschrieben, um den Weissraum um das Foto herum zu füllen.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Konservative Wände


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