01.12.2005 | 18:34 | Papierrascheln | Vermutungen über die Welt
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Zum Jahresabschluss lassen sich die US- niederländischen Kollegen von Trendwatching.com, statt wie üblich einen neuen sexy Trendbegriff in die Welt zu römern, einmal in die Karten schauen – nicht ohne dabei einen neuen sexy Trendbegriff in die Welt zu römern: Virtuelle Anthropologie (Anthropologie hier im aufgeklärt amerikanischen Sinne, nicht im anrüchig europäischen) beschwört euphorisch die Möglichkeit für Unternehmen, aus der Vielfalt der Spuren und Lebensäusserungen, die Menschen online hinterlassen, herauszulesen, was ihnen als Konsumenten noch zusagen und gefallen könnte. Damit verbunden die eindringliche Warnung, dass es nicht darum gehe, Konsumenten auszuspionieren, geschweige denn, ihnen bei der Gelegenheit direkt irgendwelche Dinge andrehen zu wollen – wobei diese Grenze in der Praxis fliessend sein dürfte. Auch wenn wir dem Ganzen etwas skeptischer gegenübertreten, weil wir die Lern- und Empathiefähigkeit von Unternehmen für deutlich begrenzter halten, als sie hier vorgestellt wird, halten wir es doch für einen lesenswerten Artikel und eine gute Zusammenstellung dessen, was manche neuerdings unter Web 2.0 oder Social Web verstehen. Der Ausverkauf kann beginnen.
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29.11.2005 | 19:07 | Berlin | Anderswo | Papierrascheln
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Ein Tipp für ziemlich kurzentschlossene Berliner: Heute Abend ab 20:30 wird im Festsaal Kreuzberg das Kölnbuch, erschienen im Verbrecherverlag, vorgestellt, in dem auch Riesenmaschine- Korrespondent Christian Y. Schmidt mit einem Beitrag vertreten ist. Der ausgesprochen kurzweilige Text, in dem Schmidt seine traumatischen Erinnerungen an einen Monat Kölner Comedy-Gulag Revue passieren lässt, wird von Verbrecherchef Jörg Sundermeier höchstselbst eingelesen, da der Autor bekanntlich in Asien weilt. Der Eintritt beträgt 4 €. Eine ausführliche Rezension des Bandes folgt eventuell demnächst hier.
29.11.2005 | 14:02 | Sachen anziehen
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Der Zusammenbruch von Boo.com im Jahr 2000 galt nicht nur als Dominostein des Anstosses für den subsequenten Kollaps der sogenannten New Economy, sondern auch als schlagender Beweis dafür, dass "Fashion im Netz nicht geht", selbst wenn man sie mit Venture Capital päppelt und allen Schikanen vorn und hinten aufmotzt. Heute gastiert unter der URL eine sogenannte "Fashion Mall" in deren Katakomben sich noch Ruinenteile der ursprünglichen Website finden. Wehmütig blickt dort das Gesicht der virtuellen Verkäuferin "Miss Boo" wie aus besseren Tagen herüber, in ihrem Rücken befindet sich jedoch nur noch ein Sammelsurium von Ramschware unter Fantasylabels für ahnungslose Teenager.
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Dass anspruchsvolle Mode im Netz heute durchaus funktionieren kann, beweist Yoox.com, die seit ihrer Gründung im Jahr des Boo-Crashs insgesamt 1,5 Millionen Artikel online verkauft haben, davon die Hälfte im letzten Jahr. Mit dem Vorgänger teilen sie neben dem webbigen Doppel-O im Namen auch den verstiegen-ambitionierten Ansatz. Vollmundig formuliert liest der sich so: "Mit YOOX können Menschen ihre Individualität betonen, sie können mit Ideen, Farben und Objekten spielen und dabei einen einzigartigen Stil für sich erfinden. Auf YOOX begibt man sich in einen Raum ohne Ort und Zeit, an dem sich menschliche und technische Eigenschaften begegnen. Hier entstehen neue Formen von Emotion, Neugier und Entertainment." Tatsächlich tritt bei dem luxuriös von Atelier Biagetti gestalteten Auftritt, das eigentliche Angebot – bestehend aus handverlesenen Labels mit moderatem Discount, Unterwäsche-, Kinder- und Vintagekollectionen sowie in Zusammenarbeit mit Designern entstehenden Einzelserien – in den Hintergrund und erscheint fast als Beiwerk.
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Jüngstes Highlight im Repertoire, auf das uns die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung aufmerksam macht, ist eine Kids-Kollektion von Malcolm McLaren, die allerdings auf der Website leider noch nicht auftaucht. Jener Malcolm McLaren – wir erinnern uns – , der nicht nur die SexPistols, sondern zusammen mit Vivienne Westwood auch Punk allgemein (die Moderichtung, nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Jugendkultur) erfunden hat, und der danach in die Welt der Computerspiele abdriftete. Zeitweilig verfolgte er das Projekt, eine virtuelle bessere Welt für Kids als eine Art interaktive Gameplattform im Netz zu schaffen – im Alleingang gegen die Unterhaltungsindustrie. Übriggeblieben davon sind in seiner Kollektion für Yoox die grobgepixelten Motive, die er einsticken lässt – Icons aus längst vergangenen Tagen der Konsolenspiele, als noch niemand ans Internet dachte, geschweige denn daran, dort mit Mode Geld zu verdienen.
25.11.2005 | 12:54 | Berlin | Alles wird besser
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Während das SZ-Magazin heute passenderweise mit einer schönen Titelgeschichte über Trash aufmacht (Untertitel: "Der moderne Mensch will sauber sein, dabei braucht er den Dreck zum Leben. Eine Hommage an den Schmutz in unserer Kultur"), verdichten sich die Gerüchte um die Wiedereröffnung und den neuen Standort unseres Berliner Lieblingsklubs, dem White Trash Fast Food, zur handfesten Tatsache.  (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Nach der von lange angekündigten, dann aber doch überraschenden und verheerenden Schliessung des Stammlokals Ende Juli und einem kurzen Flohmarkt -Zwischenspiel soll das White Trash wohl in allerkürzester Zukunft, nämlich heute, im ehemaligen Irish Pub mit angeschlossenem Dolmen Club in der Schönhauser Allee 6-7 eröffnen.  (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Die Tradition, geschmacklose Locations weitehend im Urzustand zu bespielen, würde damit nahtlos und geschmackvoll fortgesetzt. In einer Rundmail mit der schönen Betreffzeile: "Bloodthirsty Bitches on Steroids seeking one night of meaningless fist" kündigen die Betreiber in gewohnter Tonalität, die wir so lange vermisst haben, an: So here's the story... They tried to break our balls, yes they tried to use their evil bureaucratic voodoo on us, but it was no match for our fear of having to get normal jobs. White Trash Fast Food is back, same shit, different place. Yes we have a new place, and we'd like you to see it. Your ticket will be sent in the mail, and should arrive thursday. So that's your invitation to come celebrate with us Friday, Saturday, and Sunday for a premiere preview weekend. Seitdem belauern wir den Briefkasten und werden am Wochenende, auch falls die Tickets nicht eintreffen sollten, einfach mal auf Verdacht dort vorbeischauen.
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21.11.2005 | 17:39 | Alles wird schlechter | Fakten und Figuren | Essen und Essenzielles
 (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)Erinnert sich noch jemand an den Marquis de la Grange? Nein, nicht den frühneuzeitlichen französischen Adelsmann (1639 – 1692), der es mit der Beobachtung, dass, wenn wir jemanden um Rat fragen, wir lediglich auf der Suche nach Begleitung sind, ins kollektive Gedächtnis der Menschheit geschafft hat. Die Rede ist von jenem Marquis de la Grange, der als verschmitzter Lebemann mit bonvivantistischen Anwandlungen Mitte der 1990er Jahre eine fiktive Hautevolee auf deutschen Bildschirmen zu foppen pflegte. Als Verschnitt aus James Bond-Parodie, Fürst Rainier und Roger Whittaker entführte er seinerzeit junge Adelsdamen per Privathubschrauber oder versetzte noble Festgesellschaften in Aufruhr mit der unvermittelten Ankündigung, er gebe sich nun die Kugel. Wogegen freilich niemand der Zuschauer je etwas einzuwenden gehabt hätte. Gemeint war jedoch der unter dem Slogan "Adel verpflichtet" brachial auf Premium getrimmte kugelförmige Unterschichtkonfekt aus Haselnusssplittern und Nutellarestbeständen namens "Rocher" aus dem Hause Ferrero. Eben jener Ferrero-Konzern im Übrigen, der auch mit seinen anderen Produktlinien regelmässig demonstriert hat, dass ihm in punkto Werbung ("Wenn der Milch-Jieper kommt...", "Als wären die Cerealien gerade erst in die Milch gefallen", "Der Snack im Handyformat") niemand das Wasser reichen kann. Irgendwann verschwand der Marquis de la Grange ohne Abschied vom Bildschirm und leider nicht aus unseren Köpfen; über seinen weiteren Verbleib ist nichts bekannt. Zwischenzeitlich fungierte der echte James Bond-Darsteller Pierce Brosnan als Werbeträger für die internationale Kampagne von Ferrero Rocher. Zwischenzeitlich sah es sogar mal so aus, als hätte Ferrero das hohe Nerv-Potenzial der eigenen Werbung erkannt und mit Beauftragung der Berliner Agentur Aimaq.Rapp.Stolle einigermassen wirksam gegengesteuert. Im neuen TV-Spot für Ferrero Rocher agiert ein gewisser "Howard" als Wiedergänger des Marquis und bespielt dasselbe pseudofeudale Yellow-Press-Fantasy-Setting. Auf einer dekadenten Sommerparty im Garten eines Stadtpalais wird nämlicher Howard zunächst vermisst, und die Frage "Wo ist Howard?" verbreitet sich wie ein Lauffeuer unter den alarmierten Partygästen. Dann taucht Howard, eine verjüngte Mischung aus Robbie Williams und Kai Pflaume, wie aus dem Nichts auf und wird stürmisch gefeiert. Offensichtlich hat er etwas arrangiert, denn auf seine Ankündigung "It's time for gold" hin regnen Rocher-Kugeln an goldenen Fallschirmen aus dem Nachthimmel. (Man muss sich mal vorstellen, wie das im Script steht: "... regnen Rocher-Kugeln an goldenen Fallschirmen aus dem Nachthimmel"!) Wir wissen nicht genau, was es mit diesem Howard auf sich hat, was er zukünftig noch aushecken und im Schilde führen wird. Wir möchten nur vorsorglich darauf hinweisen, dass die Kampagne, für die die relativ frisch gegründete Hamburger Agentur Kempertrautmann des einstigen Branchenprimus André Kemper verantwortlich zeichnet, bei uns schon jetzt ein ähnliches Gefühl verursacht, wie es seinerzeit nur dem deprimierend bescheuerten Marquis de la Grange gelang.
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IN DER RIESENMASCHINE
ORIENTIERUNG
SO GEHT'S:
- manierlich, erfolgreich, beliebt
- mehr loben, weniger kritisieren
- Cooking without Looking
- Quinte
SO NICHT:
- Pyjama anzünden, wenn man nicht schlafen kann
- Sauerkirschen aus Duttweiler
- schädigende Stoffe
- Subdominante (verwirrend)
AUTOMATISCHE KULTURKRITIK
"Free Jimmy", Christopher Nielsen (2006)
Plus: 74 Minus: 84, 145, 146 Gesamt: -2 Punkte
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