Riesenmaschine

18.11.2005 | 10:55 | Fakten und Figuren | Vermutungen über die Welt

Wer ist Boris Benz?


(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)

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Verfolgt man bei eBay in der Kategorie "Grafik, Drucke" die Rubrik Originalgrafik seit 1950, wird man dort zwangsläufig auf den Künstlers Boris Benz stossen. Genauer gesagt besteht diese Rubrik momentan fast ausschliesslich aus dessen schöpferischem Werk. Aber auch auf anderen Pfaden, etwa via Möbel & Wohnen > Designklassiker > Aktuelles Design > Sonstige wird man unweigerlich bei Benz landen, dessen Spezialität – oder sollte man sagen "künstlerisches Programm"? – die pastöse Verfremdung einschlägig vertrauter Motive der Populärkultur von der Mondlandung bis Pulp Fiction ist. Ein anderer Arm des weitverzweigten Oeuvres reicht in die Architektur- und Landschaftsfotografie, daneben finden sich Blumen, Softpornographisches und Touristisches, selbst Dekorativ-Abstraktes in grossem Format, zumeist unlimitiert, aber "handsigniert". Das wirft die Frage nach der Identität dieses ungemein vielseitigen und produktiven Künstlers auf, dessen Name beinahe verdächtig nach einer Kreuzung aus Boris Becker (gemeint ist hier der Fotokünstler, nicht der Tennisspieler) und dem Designmöbelhersteller Rolf Benz (von Mercedes-Benz einmal ganz zu schweigen) klingt. Die ersten fünf bis zehn Google-Seiten verweisen jedoch abermals nur auf die einschlägigen eBay-Angebote sowie die Seiten anderer dubioser Kunsthändler. Unter der URL www.borisbenz.com findet sich lediglich eine Weiterleitung zur "richtigen Leinwand zum Herstellen von FineArtPrints" (wobei ein Gutteil der bei ebay eingestellten Abbildungen von dieser Serveradresse aus eingespeist wird). Womöglich gibt es Boris Benz gar nicht in Person. Womöglich handelt es sich vielmehr um den ersten global kommerziell erfolgreichen erfundenen Künstler, der damit in einer Reihe von mindestens 280 fiktiven Akteuren der Kunst- und Literaturgeschichte steht. Als Gesamtkunstwerk wäre Boris Benz damit kein deprimierend schlechter Kunsthandwerker, sondern "Kunst in der zweiten Potenz". Ach so, na gut.


17.11.2005 | 10:18 | Berlin

Kapitalismus mit freundlichem Antlitz


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Buchstäblich grosse Stücke halten wir auf die Berliner Fotografin Ute Langkafel, die unter dem Label Mai.Foto ihre Fotoarbeiten, die meist auf Reisen entstehen (Hier ein Exponat der neuen Serie "Moskau"), selbst vermarktet. Sympathisch uneitel und angenehm wenig werkfixiert an ihrem Konzept ist, dass Kunden die Formate der dann auf Hartplatte aufkaschierten Arbeiten selbst bestimmen können und nur einen – zudem ausgesprochen fairen – Quadratmeterpreis bezahlen. Am kommenden Freitag, den 18. November, ab 21 Uhr gastiert Ute Langkafel mit ihrem Foto-Supermarkt bei der "Friendly Capitailsm Lounge" in der Galerie Neurotitan im Haus Schwarzenberg, wo ihre Bilder noch bis zum 28. November ausgestellt werden. Die mittlerweile legendäre* Veranstaltungsreihe von Fehmi Baumbach und Jim Avignon, die sich der musikalischen Abhandlung heisser Diskursthemen verschrieben hat, geht damit bereits in die zehnte Runde. Mit dabei ausserdem: Der als "Sprachgenie" annoncierte Bruno Couvert, der "wundersame 8bitmelodien auf seinem Atari komponiert", Masha Qrella, sowie der von uns durchaus geschätzte Popmusiker Jens Friebe. Der Eintritt beträgt 5 Euro. Im übrigen klingt das nach einer hervorragende Einstimmung auf die Riesenmaschine Release Party am darauffolgenden Samstag.

*aufgrund interner Kritik gestrichen, "zu stadtmagazinig", dabei war es nur unachtsam aus der Ankündigung übernommen.


16.11.2005 | 13:28 | Berlin

Palast ihn stehen!


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Der kommende Samstag steht nicht nur ganz im Zeichen der Riesenmaschine Release Party, sondern auch in jenem des in letzter Minute verhinderten Abrisses des Palastes der Republik, der obzwar vom Bundestag beschlossen, keinem Halbwegs-bei-Groschenem auch nur ansatzweise einleuchten möchte. In diesem Geiste hat sich jetzt ein spontanes Bündnis der Sache noch einmal angenommen und versammelt sich hinter der in Versalien formulierten Überzeugung "SOLANGE 20.000 TONNEN STAHL AUFEINANDER STEHEN, IST ES NICHT ZU SPÄT, SICH GEGEN DEN ABRISS EINZUSETZEN. WIR GLAUBEN AN DIE VERNUNFT UND AN EIN BERLINER ZUKUNFTSBEWUSSTSEIN" am Samstag um zwei am Alex zur Demonstration mit anschliessender Kundgebung. Wer aus Gründen der Partyvorbereitung oder anderweitig verhindert sein sollte, mag sich mittels Unterschriftensammlung und Petitionen am sogenannten Stoptag beteiligen.


15.11.2005 | 02:25 | Berlin | Zeichen und Wunder

Vorsicht, Street Art!


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Andernorts haben wir bereits zu den merkwürdigen Volten und Kapriolen Stellung bezogen, die sich derzeit innerhalb der Street Art ereignen. Vor wenn nicht ein Rätsel, so doch eine gelinde Ratlosigkeit stellt uns nun dieses Werk eines anonymen Schablonengraffiti-Künstlers (Bild oben), dessen Emanationen vorwiegend im Grossraum Kreuzberg anzutreffen sind. Zum einen erkennen wir sehr wohl die subtile Doppelbödigkeit und Default-Meta-Ironie an, die im Akt der vermeintlichen Affirmation der Repression erst den Gegenstand der Repression in die Welt setzt. Zum anderen erinnert es uns darin unheilig an jene Gratis-Postkarte (Mitte), die es mit dem ironischen Rekurs auf die paranoide Repression vergangener Tage zeitweise an fast jeden WG-Kühlschrank geschafft hatte. Sogleich verlängert sich diese Assoziationskette – nicht zuletzt kraft der verwendeten Frakturschrift –, bis wir letztlich und unweigerlich bei der bieder sozialdemokratischen Agitprop-Plakatsatire eines Klaus Staeck (Bild unten) landen, die ja heutzutage nur noch schwer zu ertragen ist. Dieses eine Mal wollen wir es aber noch geflissentlich durchgehen lassen, insofern damit nicht der weiteren Staeckisierung Vorschub geleistet wird. Ansonsten müsste die eindringliche Warnung ergehen: Achtung Street Artists! Die Sozpäds wollen euch die Wände in eurer Hood streitig machen!

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Street Art & Weise


12.11.2005 | 11:51 | Anderswo | Sachen kaufen

Die grösste Mall der Welt


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Die grösste Mall der Welt steht im Haidian-Distrikt im Westen Pekings, etwas ausserhalb, eigentlich nur mit Auto oder Taxi zu erreichen, und harrt noch des grossen Andrangs:
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"Like the rest of the world, the Golden Recources Shopping Mall is still waiting for a big Chinese consumption boom", schreibt der Economist. Zugegeben, die schieren Eckdaten vermögen zu beeindrucken: Mehr als 1.000 Geschäfte auf über 500.000 Quadratmetern mit 230 Fahrstühlen...
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Der reale Eindruck bleibt jedoch weit dahinter zurück. Das liegt zum Teil auch an der Architektur. Die Golden Resource Shopping Mall ist kein Konsumtempel, keine glitzernde Kathedrale des chinesischen Wirtschaftswunders, sondern ein langer Riegel aus zusammengemorphten Kaufhäusern.
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Fast folgt sie dem Vorbild der Strip Mall aus der amerikanischen Provinz – nur eben auf sechs Ebenen statt auf einer. Die langen Gänge im Inneren werden von keiner zentralen Halle, keinem Atrium unterbrochen, und es fehlt der Ort, an dem die bombastische Grösse als solche erlebbar würde.
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Zwar sind anscheinend die meisten Ladenlokale vemietet, aber die Abwesenheit von Kunden verstärkt die Monotonie. Die Marken, die hier mit eigenen Geschäften Präsenz zeigen, sind weniger internationale Luxusmarken, sondern zum Grossteil merkwürdige Bastarde aus deren Assoziationsumfeld und vermutlich Chinas Reaktion auf den wachsenden Druck der WTO hinsichtlich allzu dreister Fakes: "Frognie Zila" statt Ermenegildo Zegna, "Rich Boss" statt Boss, "Prohans" statt ... gute Frage. Auch reine Phantasiegeschöpfe sind zahlreich vertreten, und senden fingierte Signale einer langen Tradition und westlicher Abstammung aus. Erstaunlicherweise scheint der deutsche Referenzraum hier besonders beliebt zu sein, um Retortenmarken mit dem Fluidum solider Qualität auszurüsten. Letztlich aber kein Wunder, dass dieses deprimierende Schattenkabinett der verwesenden Markenaura bei den neureichen Chinesen durchfällt wie ein kalter Stein oder ein Sack Reis. (Dank an Christian Y. Schmidt für das grosse Foto)


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