Riesenmaschine

02.11.2005 | 14:36 | Anderswo | Essen und Essenzielles

Lila Launeeis


(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Noch ein kleiner Nachtrag zum Ostasien-Special, sowie zur kontraintuitiven Farbigkeit von Lebensmitteln: Wohl dem Erbe der französischen Kolonialgeschichte geschuldet ist das Speiseeis in Vietnam extrem überdurchschnittlich gut. Im Fanny's in Hanoi bekommt man verargumentierbar das beste dunkle Schokoladeneis der Welt, dem eine überirdische Mousse-Note und -Textur eignet. Aber auch das Industrieeis der staatlichen Firma Thuy Ta, die auf ihrer beachtlichen Website neben der Eisproduktion auch noch "Importing the line and the synchronous equipment, The products wholesale and retail dealer, documentation about the photo and The print colour photo service." als Bereich ihrer Geschäftstätigkeit angibt und sich dem Credo "The consummer is all." verschrieben hat, ist von überraschender Güte. Die Basisvariante am Stil, Dua Khoaimon, kommt in unterschiedlichen natürlichen Aromen, zu denen unter anderem Erbse zählt, wie wir nach einigem Rätseln anhand der natürlichen "Frucht"-Stücke ermitteln konnten. Der jeweilige Fruchteiskörper wird von gefrorener gesüsster Kondensmilch überzogen, was einen interessanten kontrapunktischen Akkord setzt. Bei der hier abgebildeten Variante handelt es sich um Kokusnuss, genauer um "Taro Coconut", das in unserer Gesamtwertung am besten abschnitt. Um es von der Kondensmilch abzusetzen, wurde als Farbton ein blasses Lila gewählt, was in Verbindung mit Kokusnuss sicher als arbiträre Setzung gelten muss, ästhetisch aber vollumfänglich zu überzeugen vermag.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Grüner wird's doch


31.10.2005 | 10:59 | Berlin | Vermutungen über die Welt

Spielen auf Pilzen


(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)

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Oft hat man sich gefragt, was das eigentlich für Menschen sind, die heutzutage Spielplätze designen. Und während in der Literaturkritik die Frage "Ey, Alter, was hat der sich denn eingeworfen, als er das geschrieben hat?" von profunder Unkenntnis der Materie zeugt, denn auf den meisten Drogen bringt man letzlich gar nichts zu Stande und Papier, muss sie angesichts dieses kürzlich eingeweihten Spielplatzes im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg erlaubt sein.
Beziehungsweise: Sie stellt sich gar nicht erst, denn neben den psilocybin-spezifischen Wahrnehmungsdefekten ist – frei nach dem alten polnischen Sprichwort "Unter der Laterne ist es am dunkelsten" – auch eine Reihe freistehender hölzerner Strukturen manifestiert, die nichts anderes als die markante Form der nämlichen Pilze reflektieren. Und hinterher kann sich mal wieder keiner erklären, wie die lieben Kleinen so auf die schiefe Bahn geraten konnten ...


20.10.2005 | 12:39 | Anderswo | Fakten und Figuren

Vietnam V: Bonsaimonobloc


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Was auf der von Jens Thiel initierten und verwalteten Website functionalfate.org zur Erforschung des Monobloc-Sessels noch nicht hinreichend gewürdigt wurde, ist die Miniaturisierung dieses "besten Möbels der Welt" im Land der untergehenden roten Sonne. Dem westlichen Reisenden fällt dies jedoch sofort ins Auge, da sie im Ensemble mit etwa kniehohen Tischen das Stadtbild prägen wie in kaum einem anderen Land.
(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Kommen sie im Süden noch vermehrt in der ursprünglichen Form, nur etwa auf die Hälfte geschrumpft, vor, sind sie im nördlichen Raum um Hanoi, wo die Strassen und Gassen noch enger sind, auf das Mass von knöchelhohen Schemeln geschrumpft. Hier dienen die etwas höheren Schemel, die auch auf Busfahrten benutzt werden, um den Mittelgang auszunutzen, dann als Tische. In noch ärmeren Landesteilen sind sie so klein, dass sie bereits ganz verschwunden sind. Dort hockt der Vietnamese einfach auf dem Boden.

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19.10.2005 | 18:01 | Anderswo | Alles wird schlechter

Vietnam IV: Ciptura International City


(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)

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Zwar ist Vietnam auf dem Papier immer noch kommunistisch, und wo immer man es mit Beamten und anderen Offiziellen zu tun hat, wird einem diese Tatsache deutlich bewusst – aber längst hat sich auch hier eine neue Oberschicht herausgebildet, die in ihren dunklen Geländelimousinen durch den geschmeidigen Mofaverkehr walzt und auch sonst nach den Insignien westlichen Luxus' strebt. Für diese Klientel entsteht am Stadtrand von Hanoi auf dem Weg zum Flughafen gerade die Cipura International City, eine Gated Community der Superlative.

Ein indonesischer Investor hat das Areal samt Baugenehmigung 1998 von der Regieurung erworben und lässt dort ein neues Arkadien mit allen Attributen der westlichen Postmoderne in asiatisch überdreht entstehen. Das dem Brandenburger Tor nachempfundene Eingangsportal wird von expressionistisch durchgeknallten Pferdeskulpturen gekrönt, die auch die grosse Querallee im Inneren schmücken. Albert Speer würde das wohl gefallen.

Die Häuser sind ein Crossover britischer Townhouses wie im Londoner Stadtteil Belgrave mit allem, was die postmoderne Neoklassik im Angebot hat. Die Preisliste beginnt angeblich bei 200.000 US$ und ist nach oben offen. Westliche Stadtplaner sind naturgemäss wenig angetan von dem Projekt und der gesamten Entwicklung. In der DDR hätte man vermutlich "überholen ohne einzuholen" dazu gesagt.

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19.10.2005 | 14:24 | Anderswo | Nachtleuchtendes

Vietnam III: Quán 30, HCMC


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Keine Garküche im herkömmlichen Sinn, sondern der hipste Ort zum Ausgehen in Saigon alias Ho Chi Minh City ist derzeit eindeutig und mit Abstand das Quán 30 an der Nguyen Thai Hoc, P. Cau Ong Lanh. Tagsüber unsichtbar versteckt hinter einem Garagentor, füllt sich abends das breite Trottoir der vierspurigen Magistrale mit kniehohen Plastikspritzgusstischen und Monoblocksesseln im Miniformat, wie sie in ganz Vietnam üblich sind. Im kleinen Geschäftsraum hinter dem Tor werden Seafood-Spezialitäten in erstaunlicher Vielfalt und Qualität zubereitet, während auf dem nach aussen gedrehten TV-Geraet internationaler Fussball läuft. Halb auf der Fahrbahnfläche waltet zudem ein Grillmeister seines Amtes und komplettiert das Küchenangebot.

(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Die unterschwellige Hipness des Ladens offenbart sich erst auf den zweiten Blick. Das ausnehmend hübsche weibliche Personal trägt täglich wechselnde sexy-enge T-shirts mit Motiven ortsansässiger Designer, am einen Tag sind es stilisierte Stilettos, am nächsten der Slogan "Love is perfect". Es gibt Valet Parking fuer die Kleinmotorräder, mit denen die lässig aufgebrezelte Klientel geschmeidig vorfährt. Vom aufmerksamen männlichen Personal werden sie ordentlich in Reih und Glied auf dem gegenüberliegenden Gehsteig geparkt, der an Wochenenden auf einer Länge von 200 Metern zugeparkt ist. Die bestuhlte Fläche expandiert über den gesamten Strassenzug, während immer neue Mofabesatzungen mit zwei oder drei amüsierwilligen Grossstädtern eintreffen. Das Publikum setzt sich zusammen aus Studenten sowie den selbstbewussten jungen Professionellen der optimistischen Metropole, die souverän mit einem Bein im Westen, mit dem andern in der Tradition stehen und abends lieber unkomplizierten Spass haben, während sich die Nouveau Riche in ihren auf Kühlschranktemperatur heruntergekühlten Diskos erkältet.

(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Grosse Tischgesellschaften sitzen an langen Tischen um dampfende Hot Pots und veranstalten bankettartige Gelage. Was aber das Quán 30 deutlich von anderen Strassenrestaurants unterscheidet, ist, dass man hier auch zum Trinken herkommt. Das Bier wird gezählt, indem ein leerer Kasten unter den Tisch gestellt wird, der sich im Abendverlauf mit leeren Flaschen fuellt. Gern kommt dazu auch die ein oder andere Flasche Schnaps auf den Tisch. Wenn nicht die unberechenbare Obrigkeit irgendwann mit einer schlagstockbewehrten Patrouille anrückt und dem Ganzen ein jähes Ende setzt, können die Nächte im Quán 30 bis in den frühen Morgen andauern.

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