Riesenmaschine

18.10.2005 | 18:58 | Anderswo | Sachen kaufen

Vietnam II: Broken English


(Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)

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Jedem Aufbruch wohnt ein Abenteuer inne. Vietnams wirtschaftliche und touristische Öffnung gegenueber dem Westen wird begleitet von nicht selten abenteuerlichen Neuschöpfungen in englischer Grammatik und Orthografie – mit teilweise hohem Erkenntnis- und Unterhaltungswert. Unbedingt sollte etwa die freundliche Begrüssung "Welcome to you" am Eingang des Hotelfoyers Eingang ins Oxford-Englisch finden.

Der boomende Pauschaltourismussektor scheint am wenigsten gefeit gegen unfreiwillige Komik. So sticht etwa bei der Ansage, dass unter der prallheissen Tropensonne ein Schlammbad ein "interessantes" Erlebnis ist, die fehlende Wertung förmlich ins Auge. Sehr schön auch der mittlerweile im Zuge des vorherrschenden Copy-Kapitalismus (erfolgreiche Konzepte werden möglichst identisch in unmittelbarer Nachbarschaft geklont) von vielen Touranbietern übernommene Slogan "Something for somebody".

Vor allem aber bei den modisch nachgeschöpften Markenartikeln, die mangels Original kaum als "Fakes" bezeichnet werden können (vielmehr wird zur Veredelung einfach auf jedes beliebige Produkt ein beliebiges aus einer Liste von vielleicht 15 bekannten Markenlogos appliziert) treibt die Sprachbarriere bizarre Blüten. Oft lässt sich, wie bei bei nebenstehender Jeansbeschriftung, die ursprünglich intendierte Botschaft gerade noch so erahnen. In diesem Fall könnte sie mit der jahrelangen Tradition des Jeansherstellers Marc O'Polo zu tun haben – nur so eine Vermutung.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Asien Spezial: Korea & Vietnam


18.10.2005 | 16:21 | Anderswo | Zeichen und Wunder

Vietnam I: Street Art goes Yellow Pages


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Graffiti oder Street Art pour 'l Street Art sucht man in Vietnam vergebens, dafür hat sich dort eine sehr pragmatische Form der Fassadengestaltung etabliert. Handwerke preisen ihre Dienstleistungen an, indem sie ihre Kontaktdaten per Schablonenmalerei myriadenfach in der Stadt verbreiten. Obwohl dieser Kunstform unbestreitbar ein praktischer Nutzwert innewohnt, ist ihre Ausübung inzwischen verboten und wird wohl in Zukunft aus dem Stadtbild verschwinden, zumal die Urheber anhand ihrer Telefonnummer leicht ausfindig zu machen sind. Schade, eigentlich.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Street Art & Weise


06.10.2005 | 16:53 | Papierrascheln

New Economy anno 68


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Auch vor 1995 gab es bereits eine New Economy. Die weltweite Pop-Revolution um das Jahr 1968 bedeutete einen bis heute nachwirkenden Paradigmenwechsel, der mit dem Internetboom in gewisser Weise nur eine Neuauflage erlebte. Auch damals entstanden aus einer nerdigen Subkultur neue soziale Praktiken und ein neues Lebensgefühl mit Massenappeal. Auch damals begriffen irgendwann selbst die Spiesser der alten Wirtschaft, dass da etwas vor sich ging, von dem sie zwar keine Ahnung hatten, dessen sie sich aber tunlichst bedienen sollten, wenn sie nicht ins Abseits rutschen wollten. Auch damals gab es an der Schnittstelle plötzlich neue Akteure und Unternehmungen, die als idealistische Zirkel starteten und als schnöde Betriebe endeten. In "Das Geschäftsjahr 68/96" (Suhrkamp, 2005) beschreibt Bernd Cailloux aus der Binnenperspektive und cum ira et studio so ein Unternehmen in seiner entscheidenden Umbruchphase. Die Musse-Gesellschaft beginnt als eine Art Kunst-und-Technik-Kollektiv, das mit grellen Lichtinstallationen helfen will, die psychedelische Revolution in die bundesrepublikanischen Metropolen zu tragen. Auch die Düsseldorfer "Beuys-Boys" haben ihre Finger im Spiel – das ganze soll mehr soziale Plastik sein als ordentliche Firma. Als mit dem Stroboskop mit einem neuen entfesselten Tanzstil gleichzeitig ein marktgängiges Produkt erfunden wird, das nicht zuletzt Werbefuzzis begeistert, wird das Kollektiv nolens volens zu einem unkonventionellen Start-up. Während einige Beteiligten der ersten Stunde inklusive des Erzählers sich in Drogenexperimenten verlieren, reisst sich einer den Laden unter den Nagel, der inzwischen auch Lichtinstallationen für den Messestand der vereinigten Futtermittelhersteller auf der ANUGA massschneidert ...

Das alles, den auf realen Gegebenheiten beruhenden unternehmerischen Aufstieg und den ebenso realen privaten Niedergang beschreibt Cailloux mit einer lakonischen Nüchternheit und schonungslosen Schnoddrigkeit, die vielleicht am ehesten an Jörg Schröder in "Siegfried" erinnert. Dies zumal, da es auch hier um den weniger ausgedacht als vielmehr bewundernswert rekonstruierten Aufstieg und Fall eines Bohème-Unternehmers unterm Pop-Paradigma ging. Die authentische Schilderung der Szenen und der kontrastierenden Welt der Mittelständler mit Pepitahütchen in der Bundesrepublik um 1968, über die der Pop nicht wie eine Welle schwappte, sondern punktuell einsickerte, macht das Buch zu einem der besten zum Thema und mal wieder zu einem Pop-Roman im Suhrkamp-Sortiment, der den Namen verdient. Der Fokus auf die Firmengeschichte, die gruppeninternen Mechanismen und die Psychodynamik macht es zu einem hervorragenden Buch über die New Economy.


27.09.2005 | 14:43 | Sachen anziehen

Sog. Intelligente Dinge

Wie extrem auf den Hund gekommen das Wort "intelligent" in den allermeisten Verwendungsformen und mit wenigen Ausnahmen mittlerweile ist, lässt sich am deutlichsten ablesen am Godot Trend "Wearables" bzw. der sogenannten "intelligenten Kleidung". Neues dazu erfuhren wir jüngst durch die Hintertür aus dem aktuellen SPIEGEL, der über eine geplante Serie sogenannter "Super-Docs" im ZDF berichtet – aufwändige Dokumentationen, wie sie die BBC vorgemacht hat. In der dreiteiligen Pilotreihe "2065 – die Welt von morgen" wird es um die sogenannte Zukunft gehen. Wir zitieren:

"Inhaltlich klingt vieles, was in den Labors von Boeing oder des MIT und bald auch im ZDF zu sehen sein wird, wie Science-Fiction: So wird es in der ersten Folge, die sich mit der Medizin der Zukunft befasst, etwa um intelligente Kleidung gehen, die vor zu fettreicher Ernährung warnt."

Ganz ehrlich, in unseren Ohren klingt das weniger nach Science-Fiction, viel mehr nach einer Form der "Intelligenz", die der Kleidung schon längst und seit jeher innewohnt. Etwa der Jeans mit 32er-Bundweite, die nach den Feiertagen verlässlich zu spannen beginnt. Wenn das also jetzt der neue Maßstab für Intelligenz ist, dann attestieren wir hiermit unserem Schreibtisch Intelligenz, weil es ihm gelingt, auf vier Beinen zu stehen ohne umzufallen. Und unser Plumeau erhält das Prädikat emotional intelligent – es ist weich und hält schön warm.


22.09.2005 | 16:00 | Berlin | Fakten und Figuren

Produkt und Vision


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"Die Produkte der Kulturindustrie können darauf rechnen, selbst im Zustand der Zerstreuung alert konsumiert zu werden.
Aber ein jegliches ist ein Modell der ökonomischen Riesenmaschinerie, die alle von Anfang an, bei der Arbeit und der ihr ähnlichen Erholung, in Atem hält."


Das schreiben Horkheimer/Adorno im berühmten Kulturindustrie-Kapitel der "Dialektik der Aufklärung". Von Kulturindustrie handelt auch die Ausstellung Produkt & Vision, die derzeit in der Kunstfabrik am Flutgraben in Berlin-Treptow stattfindet, genauer von "Schnittstellen und Trennlinien in Kunst und Wirtschaft". Eine weiterer Berührungspunkt besteht darin, dass auch der alerte Konsum der Ausstellung eher Arbeit als Erholung ähnelt.


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Tatsächlich verwischen die Grenzen zwischen Kunst, Wissenschaft, Unternehmensberatung und Werbung, indem ein Gutteil der Exponate aus enzyklopädischen Dokumentationen von Kunstprojekten im Wirtschaftskontext, akademischen Ausarbeitungen zu Themen wie "Der Einfluss von Pop- und Konsumkultur auf Wissensvermittlung und Bildungsmarketing", langatmige Videomitschnitte von Workshopsitzungen u.ä. besteht. Auch wenn zwischendurch Salat angebaut wird – der Bleiwüstenfaktor ist relativ hoch und erinnert damit an die letzte Documenta, die im Titel annoncierten Visionen zu Produkten sucht man hingegen eher vergebens.

Das Stochern im Brackgürtel zwischen Kunst und Kommerz entpuppt sich – zumindest hier – als eher trockenes Geschäft mit zahlreichen Stolperstellen und hohem Vermittlungsaufwand. Von der experimentellen Zusammenarbeit mit Künstlern, zu der sich der Cornelsen-Verlag als "Musterunternehmen" mehr oder weniger mutig bereit gefunden hat, entbirgt sich im Ausstellungskontext vor allem die etwas deplaziert wirkende raumgreifende Selbstdarstellung des Verlages. Nichtsdestoweniger wartet die Ausstellung mit einigen spannenden Positionen auf, die den Besuch zu einem durchaus lukrativen Unterfangen machen.


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Zu den Aktiva zählt eindeutig die umfangreiche Schaffensdokumentation der Künstlergruppe etoy, die auf dem Feld der künstlerischen Kommerz-Subversion als Benchmark, wenn nicht als Best Practice gelten kann. Für 2 € kann man aus umgebauten Kaugummiautomaten dort auch das neueste Produkt etoy.FIZZLE erwerben: gravierte Metallkügelchen, die als "Mikroinvestment" 1/50 eines etoy.SHARE bzw. 1/32.000.000 der etoy.CORPORATION entsprechen: eine greifbare Vision der Kunst als zweckfreies Produkt – und ein lohnendes Investment, vermutlich. Im Kulturverlag Kadmos, der gerade seinen Webauftritt renoviert, ist ein zweisprachiger Reader zur Ausstellung erschienen, den wir guten Gewissens empfehlen können.


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"Repo! The Genetic Opera", Darren Lynn Bousmann (2008)

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