Riesenmaschine

21.11.2005 | 17:39 | Alles wird schlechter | Fakten und Figuren | Essen und Essenzielles

Gib dir die Kugel, Howard!


(Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Erinnert sich noch jemand an den Marquis de la Grange? Nein, nicht den frühneuzeitlichen französischen Adelsmann (1639 – 1692), der es mit der Beobachtung, dass, wenn wir jemanden um Rat fragen, wir lediglich auf der Suche nach Begleitung sind, ins kollektive Gedächtnis der Menschheit geschafft hat. Die Rede ist von jenem Marquis de la Grange, der als verschmitzter Lebemann mit bonvivantistischen Anwandlungen Mitte der 1990er Jahre eine fiktive Hautevolee auf deutschen Bildschirmen zu foppen pflegte. Als Verschnitt aus James Bond-Parodie, Fürst Rainier und Roger Whittaker entführte er seinerzeit junge Adelsdamen per Privathubschrauber oder versetzte noble Festgesellschaften in Aufruhr mit der unvermittelten Ankündigung, er gebe sich nun die Kugel. Wogegen freilich niemand der Zuschauer je etwas einzuwenden gehabt hätte. Gemeint war jedoch der unter dem Slogan "Adel verpflichtet" brachial auf Premium getrimmte kugelförmige Unterschichtkonfekt aus Haselnusssplittern und Nutellarestbeständen namens "Rocher" aus dem Hause Ferrero. Eben jener Ferrero-Konzern im Übrigen, der auch mit seinen anderen Produktlinien regelmässig demonstriert hat, dass ihm in punkto Werbung ("Wenn der Milch-Jieper kommt...", "Als wären die Cerealien gerade erst in die Milch gefallen", "Der Snack im Handyformat") niemand das Wasser reichen kann. Irgendwann verschwand der Marquis de la Grange ohne Abschied vom Bildschirm und leider nicht aus unseren Köpfen; über seinen weiteren Verbleib ist nichts bekannt. Zwischenzeitlich fungierte der echte James Bond-Darsteller Pierce Brosnan als Werbeträger für die internationale Kampagne von Ferrero Rocher. Zwischenzeitlich sah es sogar mal so aus, als hätte Ferrero das hohe Nerv-Potenzial der eigenen Werbung erkannt und mit Beauftragung der Berliner Agentur Aimaq.Rapp.Stolle einigermassen wirksam gegengesteuert.
Im neuen TV-Spot für Ferrero Rocher agiert ein gewisser "Howard" als Wiedergänger des Marquis und bespielt dasselbe pseudofeudale Yellow-Press-Fantasy-Setting. Auf einer dekadenten Sommerparty im Garten eines Stadtpalais wird nämlicher Howard zunächst vermisst, und die Frage "Wo ist Howard?" verbreitet sich wie ein Lauffeuer unter den alarmierten Partygästen. Dann taucht Howard, eine verjüngte Mischung aus Robbie Williams und Kai Pflaume, wie aus dem Nichts auf und wird stürmisch gefeiert. Offensichtlich hat er etwas arrangiert, denn auf seine Ankündigung "It's time for gold" hin regnen Rocher-Kugeln an goldenen Fallschirmen aus dem Nachthimmel. (Man muss sich mal vorstellen, wie das im Script steht: "... regnen Rocher-Kugeln an goldenen Fallschirmen aus dem Nachthimmel"!) Wir wissen nicht genau, was es mit diesem Howard auf sich hat, was er zukünftig noch aushecken und im Schilde führen wird. Wir möchten nur vorsorglich darauf hinweisen, dass die Kampagne, für die die relativ frisch gegründete Hamburger Agentur Kempertrautmann des einstigen Branchenprimus André Kemper verantwortlich zeichnet, bei uns schon jetzt ein ähnliches Gefühl verursacht, wie es seinerzeit nur dem deprimierend bescheuerten Marquis de la Grange gelang.


Kommentar #1 von Hansen:

Sehr gut. Endlich wird mal aufgeräumt mit dieser Kampagne aus Scheisse und Schokolade, in Goldpapier und auf dem Bildschirm.
Vermutlich steckt die Überzeugung hinter der Werbetrategie, dass Produkte nur noch über heftige Abwehrreaktionen sich in Käufers Hirn einbrennen und anschliessend unbewusst und zwangsläufig gekauft werden.

21.11.2005 | 18:03

Kommentar #2 von Der Aktenkoffer:

grossartig – ich hätte nur gern noch einen Seitenhieb auf den "erwachsen-sind-wir-noch-oft-genug" Spot gehabt in dem die zwei netten Bürotippsen in ihrem postjugendlichen, prespiessigem Alter das Leben – und noch wichtiger – ihre Jugend geniessen und Hüpfekästchen spielen und dann durch schauspielerische Hochleistung peinlich berührt wirken, als jene Bauarbeiter in ihrem klischeehaften VW – Hecklader um die Ecke gebogen bekommen. Anbei natürlich den obligatorischen Betonmischer.
Bei diesen Szenen entdecke auch ich meine Jugend wieder. Zurückerinnert an damals, als ich noch verschreckt die Augen zuhielt, als sich Menschen im Fernsehen küssten. (Damals, als es noch keine französischen Semipornos im Vorabendprogramm gab)

21.11.2005 | 19:52

Kommentar #3 von froszkoenig:

das spart mir eine menge arbeit. denn sonst hätte ich mich doch über howard auslassen müssen. jetzt bleibt mir noch carlotta oder la mucca und ihre missratenen schüler

20.12.2005 | 19:40

Kommentar #4 von DerZire:

Guten Tag.
Ganz ehrlich lässt mich diese kritische Haltung gegenüber diesem Werbesport nur auf Neid oder ein total überflüssigen Drang sich im Internet zu profilieren schliessen. Hier werden nur Fachwörter verwendet, welche aus "Duden 3 Der bessere Ausdruck" abgeschrieben worden. Ich frage mich ganz ehrlich was der Grund für diese nichtsbringende, ich nenne es mal, "Internet-Kampagne" An dieser Stelle habe ich einen überflüssigen Smiley hingemacht, wofür ich mich dereinst schämen werde. bringen soll. Was kann man gegen diesen Howard haben, ausser, dass er wohlmöglich besser aussieht als ihr drei, dass er stilvoll gekleidet ist und bei Frauen ankommt UND noch ein Hinweis: Wer sich über fiktive Persönlichkeiten beschwert sollte sich ein neues Hobby suchen. Danke Schön!

06.02.2006 | 16:31

Kommentar #5 von Dr.med. Wurst:

Ich find Howard cool, der weiss worauf es ankommt (Frauen und Süssigkeiten), ist der eigentlich noch mit Claudia Bertani zusammen?

20.01.2007 | 03:04

Kommentar #6 von Manu:

Ich sach nur:
http://community.plasticalsoftware.de/blogs/manusoft/archive/2007/03/29/681.aspx
und: DerZire stinkt!

29.03.2007 | 10:02

*  IN DER RIESENMASCHINE


*  ORIENTIERUNG



Werbung
Werbung Ratgeber

*  SO GEHT'S:

- Orientierung (räumliche)

- ein Dolch des Sonnenscheins im Herzen aller sein

- selbstgezimmerte Schuhspanner

- Sachen dann irgendwann doch ändern

*  SO NICHT:

- Ziertische aus dem Pleistozän

- ein Feuerwerk der guten Laune (Hilfe!)

- Orientierung (sexuelle)

- Schwertfisch


*  AUTOMATISCHE KULTURKRITIK

"Welcome to the Jungle", Jonathan Hensleigh (2006)

Plus: 3, 17, 52, 56, 69
Minus:
Gesamt: 5 Punkte


*  KATEGORIEN


*  ARCHIV