Riesenmaschine

10.01.2008 | 14:20 | Anderswo | Alles wird besser

Tunnelblick


Foto, Lizenz
Was haben Orte in der Vergangenheit nicht alles unternommen, um Scharen von Besuchern anzuziehen: Sie haben Türme gebaut (hohe, schiefe, kaputte), Weltmeisterschaften ausgerichtet, Gebirge und Meere in die Nähe gestellt, ja, einige legten sich gar umständlich eine lange Geschichte zu, nur um heute als Weltkulturerbe zu gelten. Wie es deutlich einfacher geht, zeigt unabsichtlich Lyon, eine Stadt, die sich ansonsten kaum von, sagen wir, Würzburg unterscheidet, sieht man mal davon ab, dass sie voll mit Franzosen ist.

Die Linie D der Lyoner U-Bahn ist rein technisch betrachtet "eine grössere VAL-Version mit Stahlrädern", mit anderen Worten orange, mit Infrarotsensoren und führerlos. Das eigentliche Sensationsfeature jedoch sind die Panoramafenster an Bug und Heck, durch die man unverstellten Blick in den Tunnel hat. Denn dies ist eine besondere Eigenschaft von führerlosen Gebilden – sie bieten einen unverstellten Blick nach vorne (und hinten, aber wer kann das schon unterscheiden). Dreizehn Kilometer von Gare de Vaise bis Gare de Venissieux; runde Tunnel (im Nordteil), eckige Tunnel (im Südteil), gelb beleuchtete Tunnel, blau beleuchtete Tunnel, Einfachtunnel, Doppeltunnel, gerade Tunnel, kurvige Tunnel. Touristen strömen in Scharen in die U-Bahn, Familien bringen ihre Kinder statt auf den Spielplatz in die Linie D, alles drängt sich um die begehrten vorderen Plätze. Und wenn die Leute sowieso alle untertage im Kreis fahren, kann man die Stadt obenrum eigentlich auch gleich weglassen. Denk mal drüber nach, Lyon.


Kommentar #1 von General Jack D. Ripper:

Pah, Panoramafenster! Ist doch nur eine billige, europäisch-risikoaverse Imitation des indischen savoir-vivre.
http://taz.decenturl.com/indien

10.01.2008 | 15:12

Kommentar #2 von Felix:

Auch Würzburg verfügt über UNESCO Weltkulturerbe.
http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_des_UNESCO-Welterbes_%28Europa%29#D

10.01.2008 | 15:36

Kommentar #3 von vert:

und jetzt ein berlinkommentar:
pah! das haben wir in paris schon lange!
(der m14-metéor ist auch für vorne-sitzen ausgelegt...)

10.01.2008 | 16:58

Kommentar #4 von Laika:

Ich bin mir nicht sicher, aber war nicht der DLR (Sandmännchen)train durch Canary Wharf-LND der erste steuermannlose Panoramafensterzug? By the way kann man auch in der New Yorker subway vorn rausgucken – wahrscheinlich ungewollt. Fährt nicht durch Würzburg die Luft-bahn?

10.01.2008 | 18:08

Kommentar #5 von Bamse:

Auch die Metro in Kopenhagen hat übrigens solche Panoramafenster. Die Begeisterung des Autors kann hier aber nicht wirklich geteilt werden, da man spätestens beim zweiten mal merkt: U-bahn-Tunnel an sich sind doch schon ziemlich langweilig.

10.01.2008 | 18:09

Kommentar #6 von dergrüneheinrich:

Ausserdem wäre äusserst interessant, wie die führerlose U-Bahn von Selbstmördern angenommen wird. Mehr Spass oder zuviel Publikum?
Und: 5 Kommentare und noch keine Hitlerassoziation ("führerlos"). Bravo!

10.01.2008 | 19:44

Kommentar #7 von ichichich:

Da sind wir Godwin nochmal von der Schippe gesprungen.
http://de.wikipedia.org/wiki/Godwins_Gesetz

10.01.2008 | 21:33

Kommentar #8 von jaja:

WIe oder besser wo kann man denn bei Deutschland vorne rausgucken?

11.01.2008 | 10:07

Kommentar #9 von scuba jr:

in paihia neuseeland gibt es boote mit glasboden.

11.01.2008 | 11:36

Kommentar #10 von Durchblick:

Mein alter Citroen GSA hatte ein Schiebedach. Da konnte man oben rausgucken.

11.01.2008 | 12:13

Kommentar #11 von Meriat:

Im alten "Fiesler Storch" der Wehrmacht konnte man sogar unten rausgucken bzw. runter – womit wir doch noch irgendwie beim Führer wären.

11.01.2008 | 14:41

Kommentar #12 von Mike N.:

Und so wurde aus "Tunnelblick" eine unendlich Lange Liste mit Dingen, aus denen man doch irgendwie rausgucken konnte- nebst solch merkwürdigen Objekten aus denen man gleichzeitig raus <b>und</b> rein sehen konnte. Sehr faszinierend (nicht).

11.01.2008 | 15:40

Kommentar #13 von Kathrin:

Interessant wäre jetzt noch, ob sich das Röhrensystem oder der Zug derart querlegen liesse, dass endlich alle neben dem nicht mehr vorhandenen Fahrer sitzen und vorne bzw. hinten rausgucken können.

11.01.2008 | 15:44

Kommentar #14 von M:

@#13:
So was ähnliches gibts angeblich schon:
Nämlich Züge, die statt in einem Tunnel einfach so auf offener Fläche fahren. Da können dann alle gleichzeitig rausgucken, zwar nur seitlich, aber man sieht so Sachen wie Landschaft und Kühe statt nur dunkler Tunnel und Gleise!

11.01.2008 | 17:53

Kommentar #15 von Thomas:

Nürnberg bekommt bald ebenfalls eine vollautomatische U-Bahn, die U3. Was aber Nürnberg allen anderen voraus hat sind die besten Abkürzungen der Welt.
Der Bau der U3 läuft unter der Bezeichnung Rubin, was für Realisierung einer automatisierten U-Bahn in Nürnberg steht. Die Machbarkeitsstudie wurde Smaragt (Studie zur Machbarkeit und Realisierung eines Automatic Guided Transit) genannt.

11.01.2008 | 21:11

Kommentar #16 von C:

@#6: na gut, ich mach den Witz. Zwar nicht vorne, aber oben in Deutschland: die Zug-Spitze. Dorthin kommt man zum Beispiel per Alpen-Führer.

12.01.2008 | 17:49

Kommentar #17 von Sonne verstaubt:

Interessante Rundreisen mit Ausblick bietet auch der sog. "Starlight-Express" in Bochum: Dort rasen singende und klingende Schienenfahrzeuge um den staunnenden Fahrgast herum und am Ende steigt man wieder da aus wo man eingestiegen ist. Trägt man im Vorfeld Sorge für ausreichend Ohrenstöpsel, tut das Ganze auch gar nicht soo weh.

13.01.2008 | 12:01

Kommentar #18 von nanschy:

lyon mit würzburg zu vergleichen ist ja wohl ne frechheit! die stadt ist wunderschön, bist wohl nur mal dran vorbeigefahren...dagegen fand ich die metro D jetzt nicht sooo sensationell

13.01.2008 | 16:00

Kommentar #19 von Fritz Kurz:

Und aus der Rubrik: Worüber sich die Riesenmaschine gern mokiert hätte – wenn es sie damals bereits gegeben hätte: Das allein schon namensmässig herrlich pompöse Konzept einer "Metro-Cinevision" in der Reichshauptstadt von Anno 1998/99:
http://www.medienobservationen.uni-muenchen.de/artikel/kino/haeussler.htm

Hat ma auch nie wieda wat von jehört, wa?

16.01.2008 | 15:51

*  IN DER RIESENMASCHINE


*  ORIENTIERUNG



Werbung
Werbung Ratgeber

*  SO GEHT'S:

- krasse Moves

- nicht weggehen (das neue Dableiben)

- Besinnliches

- Zuckermühle

*  SO NICHT:

- Lagerfeuerromanik

- Dosenwein

- Blut saugen

- ultrakrasse Moves


*  AUTOMATISCHE KULTURKRITIK

"Moon", Duncan Jones (2009)

Plus: 37, 107, 135, 140
Minus: 34
Gesamt: 3 Punkte


*  KATEGORIEN


*  ARCHIV