Riesenmaschine

31.08.2005 | 11:12 | Fakten und Figuren | Vermutungen über die Welt

Everything that's Annoying is Good for You

Der durchschnittliche IQ ist offenbar in den letzten 50 Jahren messbar gestiegen, diese Information wurde in den letzten Monaten ausgiebig durch die Feuilletons geschleift. Meistens ging es dabei um Steven Johnsons Buch Everything Bad is Good for You, in dem die Ursache dieses intellektuellen Fortschritts in der Populärkultur erkannt wird. Immer komplexere Fernsehserien und immer anspruchsvollere Computerspiele sollen uns angeblich all die Jahre gefordert und gefördert haben.
Natürlich ist das alles Wunschdenken, denn in Wirklichkeit sind es immer komplexere Steuererklärungen und immer undurchschaubarere Telefontarife, denen wir unsere wachsende Klugheit verdanken. Daher darf schon allein deshalb auf gar keinen Fall eine einfache Flat Tax à la Kirchhof eingeführt werden, und auch die neuen Telefontarife "Base" und Tchibos "Rundum-Einfach-Tarif" sind von Übel. Elektronische Geräte müssen unbedienbar bleiben, ja, noch unbedienbarer werden! Wir fordern Handys mit einer einzigen Multifunktionstaste, auf die sämtliche 500 Funktionen gelegt werden! Sonst begreift man ja irgendwann keine Fernsehserie mehr.


31.08.2005 | 04:46 | Anderswo | Alles wird besser

Kalte Füsse

Gerade erfahren wir via DailyCandy, dass es in unserem Lieblings-Spa, im "Cooper Aerobics Centre", jetzt neu und der Jahreszeit angemessen eine "Icecream Pedicure" gibt, bei der Füße und Beine erst mit köstlichem, erfrischenden Vanilleeis, dann mit Paraffin und anschließend mit einem Topping aus geschlagener Minzcreme verrührt werden. Das ist doch endlich mal eine erfreuliche Abwechslung im ewigen Spa-Einerlei aus Regenwaldverjüngung, europäischem Rosenschlamm, Mandel-Vanille-Maniküre, Mikrodermabrasion und italienischem Nährfango. Beim nächsten Wellness-Wochenende sollte man sich die Eisbecherbehandlung jedenfalls auf keinen Fall entgehen lassen. Cooper Aerobics Centre findet man in der Preston Road in Dallas, fünf Blocks südlich vom Highway 635.


30.08.2005 | 19:35 | Sachen kaufen | Vermutungen über die Welt

Zeit für Ecstasy

Anders als die Linkspartei-Politikerin Juliane Nagel treten die meisten vernünftigen Menschen für das Weiterbestehen des Verbots harter Drogen ein. Die Spannung zwischen Illegalität und potenzieller Verunreinigung mit Überraschungssubstanzen ist einfach zu reizvoll. Um in der Zwischenzeit bis zu einer eventuellen Freigabe aller Drogen trotzdem weitgehend vom Rechtsstaat unbehelligt zu bleiben, sollte man zu den üblichen Tricks greifen: Haschisch in einem luftdichten Filmdöschen aufbewahren (früher gab es sog. "Filme", die in Fotoapparate eingelegt wurden; diese wurden in luftdichten Döschen ausgeliefert. Anm. d. Red.), Kokain-Päckchen mitten in einer vollen Nivea-Dose transportieren, damit Hunde es nicht riechen können. Diese Liste erweitert der US-amerikanische Uhrenhersteller Android jetzt um eine HighTech-Variante: die Armbanduhr Antidote. Laut Eigenwerbung passen in das oben sichtbare Geheimfach der Uhr "zwei Pillen oder ein zusammengerollter Geldschein". Das lässt an Deutlichkeit kaum zu wünschen übrig. Nicht ganz klar dagegen ist, warum die Uhr Gegengift heißt. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt vermuten wir, dass es sich dabei um sogenannte Ironie handelt.


30.08.2005 | 17:05 | Nachtleuchtendes | Sachen kaufen

Lichtdusche

Die lebenslange Suche nach Erleuchtung wird in einigen Designstudios offenbar recht weltlich gedeutet. So ist noch vor dem Vergolden und direkt nach der Funktionsdopplung die Ausstattung mit Leuchtgut ein beliebter Kunstgriff für die schnell herbeidesignte Produktneuerung. Diesmal hat es die bisher gänzlich leuchtunverdächtige Badewanne erwischt. GNR8 Light heißt die Firma, die die selbstverständlich programmierbare LED-Badewanne LTT anbietet. Und das für nur $1.399 – schon nach kurzer Recherche war klar, dass es keine billigere Leuchtwanne gibt als diese; ein echtes Schnäppchen also. Wenn wir nun noch in dieser Umfrage des Fachblatts für Frauenrelevantes (Lisa) berücksichtigen, nach der sagenhafte 81% der geistig verwirrten Lisa-Leser Befragten gerne in Bad und Dusche Sex haben, muss die Wanne zum Verkaufsschlager werden. Was gibt es schon Erotischeres im Badezimmer als eine braunschimmernde Wanne (Fotografie)?


30.08.2005 | 14:17 | Nachtleuchtendes | Alles wird schlechter

Happiness is a hot gun



Er ist uns ja schon einige Male negativ aufgefallen, der lustige, dicke Franzose. Doch mit seinem neuesten Wurf, der 'guns collection' hat er unsere schlimmsten Ängste wieder einmal übertroffen. Es handelt sich bei der 'guns collection' um eine Serie von Lampen – wobei das Besondere daran der aus Zamak (einer Zink-Aluminium-Legierung, die im Aussehen an Bronze erinnert und lange Zeit fast vergessen war) gefertigte Ständer der Lampe in Gewehr- bzw. Pistolenform ist. Wer dabei an schlechten Geschmack, etwa von Rappern, Mafiabossen oder afghanischen Warlords denkt, wer glaubt, so was gäbe es doch nur in Amerika und auch dort nur auf Extensions-CDs für die Realitätssimulation 'Die SIMS' oder allenfalls als künstlerisches Resultat der Projektwoche Eine Welt – Für Völkerverständigung – gegen Gewalt und Hass der Hauptschule Hausberge in Porta Westfalica, der sieht sich getäuscht: Starck meint es bitter ernst, wie dieser erklärende, antikriegssongähnliche Text beweist. Die Schlüsselstelle lautet wie folgt:

Nowadays we kill – religiously, militarily, civilly,
indeed very civilly sometimes. We kill out of ambition,
out of greed, for the fun of it or of the show.
Republics turn bananas. Tyrant are our masters,
Designed, manufactured, sold, dreamed, purchased
and used, weapons are our new icons.
Our lives are only worth a bullet.
The Guns Collection is nothing but a sign
of the times.


Ausserdem erfahren wir aus dem Text, dass das Gold der Waffen den Zusammenhang zwischen Geld und Krieg verdeutlichen, der schwarze Lampenschirm den Tod symbolisieren und die Kreuze auf der Innenseite an die Toten erinnern soll. Aha.

Für alle, die sich um die geistige Gesundheit Philippe Starcks sorgen, gibt es eine kleine Hoffnung: vielleicht ist das Ganze ja nur als Provokation gemeint? Dafür spricht, dass Starck einen Teil des Erlöses an Herrn Kalaschnikow, dessen Gewehrentwurf er zum Fuss der Ständerlampe umfunktioniert hat und der für sein schönes Gewehr ja nie einen Designpreis oder Tantiemen bekommen habe, abführen will. Um es nicht zu übertreiben mit dem Provozieren, geht der Rest des Erlöses an "Médecins sans frontières" – auch wenn er, Starck, der alte Kulturpessimist, sich manchmal frage, warum.


1 [2] 3 4 5 6 7 8 9 10 ...

*  IN DER RIESENMASCHINE


*  ORIENTIERUNG



Werbung
Werbung Ratgeber

*  SO GEHT'S:

- hydraulischer Mörtel

- Schnee in Florida

- Tamponadenstampede

- Nase mit dem Ellenbogen berühren

*  SO NICHT:

- Sprache ohne Haftkraft

- Baumblüte ignorieren

- Tsunami-Zynismus

- afrikanische Zöpfchen (im Brusthaar!)


*  AUTOMATISCHE KULTURKRITIK

"Happy Birthday", Casey Tebo (2016)

Plus: 5, 10, 22, 69, 74, 151, 157, 160
Minus: 75, 93, 102, 127, 128, 132, 141, 161, 194, 197, 199
Gesamt: -3 Punkte


*  KATEGORIEN


*  ARCHIV