Riesenmaschine

15.09.2005 | 21:48 | Fakten und Figuren

Die Krankheit Ich

Keine Frage dürfte die abendländische Philosophie über die Jahrhunderte hinweg derart beschäftigt haben, wie die nach dem Subjekt. Sigmund Freud hat es in drei Etagen zerlegt. Michel Foucault hat es erst mühevoll abgeschafft und dann durch die Hintertür wieder reingelassen. Und Arthur Rimbaud hatte sich der Frage kurzerhand zu entledigen versucht, indem er behauptete, Ich sei ein anderer. Trotzdem stand die Frage, wer oder was das Ich ist, quälend unbeantwortet weiterhin im Raum. Vermutlich, weil niemand auf die Idee gekommen ist, einfach mal in der Wikipedia nachzuschlagen. Dort steht nämlich die Antwort schwarz auf weiss. "Ich" ist eine Krankheit, die Aquariumfische befällt. Gut zu wissen: "Ich is fairly easy to treat in the freshwater aquarium", und zwar mit Hilfe von "standard ich treatments". Die Frage, wie man das noch viel lästigere Über-Ich loswird, kann hingegen auch die Wikipedia vorerst nicht beantworten.


15.09.2005 | 17:37 | Alles wird schlechter | Fakten und Figuren

Shampoo-Wissenschaftsskandal

2002 wurde in Veröffentlichungen des Nanophysikers Jan Hendrik Schön in "Nature" und "Science" ein identisches Diagramm mit unterschiedlicher Beschriftung entdeckt. Ein ausgewachsener Wissenschaftsskandal schloss sich an; aus dem anvisierten Nobelpreis wurde nichts und zuletzt entzog die Universität Konstanz Herrn Schön 2004 seinen Doktorgrad wegen "unwürdigen Verhaltens". Dabei handelte es sich offenkundig erst um die Spitze des betrügerischen Eisbergs. Wie die Riesenmaschine jetzt in aufwändiger Recherche durch verdeckte Testkäufe feststellen konnte, enthalten je nach Hersteller bis zu 75% aller Haarreinigungsprodukte gefälschte wissenschaftliche Daten. Abbildungen 1-6 zeigen die Grafiken auf der Rückseite von 1: Nivea For Men, 2: Nivea Glanz, 3: Nivea Color, 4: Nivea Vitalizing, 5: Nivea Anti-Fett und 6: Nivea Volumen Lift. Signifikante inhaltliche Übereinstimmungen bei gleichzeitig unterschiedlicher Beschriftung der Diagramme sind nicht von der Hand zu weisen. Einzig bei Nivea 2 in 1 und Nivea Anti-Schuppen (Abb. 7 und 8) werden wissenschaftliche Mindeststandards gewahrt. Für die Forschungs- und Entwicklungsabteilung der Beiersdorf AG sieht es damit wie für Jan Hendrik Schön nobelpreistechnisch für die nächsten Jahre äusserst mau aus.


15.09.2005 | 15:20 | Alles wird besser | Papierrascheln

Titelbildung


(Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Die bereits beobachtete Neue Werbeehrlichkeit beginnt langsam, höhere und intensivere Wellen zu schlagen und sogar auf angrenzende Medien überzugreifen. Wie die W&V und der Popkulturjunkie berichten, scheinen sich große Verlagshäuser entschlossen zu haben, einem sehr wahrhaftigen Motto zu folgen: Wo der gleiche Quatsch drin ist, kann auch der gleiche Quatsch drauf sein. Bishin zur Hintergrundfarbe gleichen sich die aktuellen Titelbilder der Zeitschriften Hörzu und Gong (Springer, Gong Verlag) wie ein Ei sich selbst. Ein guter Ansatz, wie wir finden, leider reicht der Bildmut der Blattmacher dann doch nicht aus, den Weg ganz bis zu Ende zu gehen. Als offensichtlich vorgeschobene Begründung für diesen Testballon spricht man von einem "Irrtum der Bildagentur" und von unglücklich verketteten Terminverschiebungen. Schade, der Einsatz eines bundesweiten Zentraltitelbilds für ähnliche publizistische Erzeugnisse wäre ein angemessener Schritt auf die Verbraucher zu.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Neue Werbeehrlichkeit


15.09.2005 | 02:49 | Alles wird besser | Vermutungen über die Welt

Archipel Google


(Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
"Google does search" – so kurz und prägnant umschreibt Google selbst sein Lebensziel. Allmählich wird klar, dass sich dieser Ansatz natürlich nicht nur auf Webseiten beschränkt, was ja auch albern und kleingeistig wäre, sondern eigentlich auf alle zu suchenden Dinge angewendet werden kann, zum Beispiel auf Autoschlüssel, Brillen oder, sagen wir, Ruinen. So fand Luca Mori vor wenigen Tagen die Überreste einer römischen Villa mit Hilfe von Google Earth. Das Bild zeigt einen seltsamen Schatten, der auf unterirdische Strukturen hindeutet, die wiederum, wie sich nach Ausgrabungen herausstellte, von einer jahrtausendealten Ruine stammen. (Er beschreibt das Ganze, wie sollte es anders sein, in seinem Blog, allerdings in einer unverständlichen Sprache.) Verkompliziert wurde die Suche in diesem speziellen Fall durch die Tatsache, dass das Suchobjekt gründlich vergraben ist – für Google anscheinend kein Problem. Und so sind wir auf direktem Wege in eine Zeit, in der das Wort "suchen" abgeschafft und weltweit durch "googeln" ersetzt wird. Man wird Schatztruhen googeln, versunkene Schiffe, Erdbebenopfer, neue Planeten; man wird Nadeln im Heuhaufen googeln, die Frau fürs Leben, vergrabene Nüsse (wenn man ein Eichhörnchen ist) oder Indien (wenn man Kolumbus ist). Und endlich wird man bei Gewitter folgenden Ratschlag geben können: "Buchen sollst du googeln."

Aleksander Scholzenizyn | Dauerhafter Link


14.09.2005 | 17:57 | Listen | Zeichen und Wunder

Guerilla-Schleichwerbung


(Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)

Es macht schon einen Unterschied, ob man sich den dreisten, gleichwohl subtil doppelbödigen 4. Wahlwerbespot der vom Satiremagazin Titanic ins Leben gerufenen PARTEI, in dem am konkreten Beispiel vor Schleichwerbung im Fernsehen gewarnt wird, im Netz anschaut oder tatsächlich live im ZDF über den Bildschirm flimmern sieht. Eine Demokratie und ein öffentlich-rechtliches Fernsehen, in denen so etwas möglich ist, können so schlecht nicht sein. Jedenfalls lässt sich das Ganze allein mit Verweis auf Marcuses repressive Toleranz schwerlich abtun. Und da HLX offenbar tatsächlich Geld für diesen Spot bezahlt oder nach der Wahl bezahlen wird, muss man die Werbeabteilung des Billigfliegers – wenn auch vielleicht ein wenig zähneknirschend – zu dem Coup beglückwünschen, der mit ironischem Meta-Guerilla-Marketing wohl einigermassen treffend bezeichnet ist. Dass ein täuschend ähnlicher Scherz schon vor vielen Jahren mit John Cleese in der Haupt- und der Getränkefirma Schweppes in der Nebenrolle verfilmt wurde, tut der staatsbürgerlichen Freude da keinen Abbruch.


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