Riesenmaschine

23.09.2005 | 15:33 | Zeichen und Wunder

Taxonomische Tonkunst

Wer sich vor den Naturwissenschaften schon seit dem Aufklärungsunterricht in der sechsten Klasse fürchtet, im Musikunterricht aber immer wieder gerne stundenlang Mussorgsky und die Moldau anhörte, dem verspricht The MASSIVE Database Linderung. Massive steht dabei für "Math and Science Song Information, Viewable Everywhere" und ist damit nicht nur ein herrlich gewolltes Akronym, sondern auch eine Offenbarung. Wer sich nicht die Mühe machen möchte, in der Datenbank so wunderbare Weisen wie "toothless mammals" vom Smashhitalbum "Lyrical Lifescience" oder den Evergreen "struggle for existence" aus dem fortschrittlichen Tonträger "the origin of species in dub" aufzustöbern, dem sei der Massive Radiostream anempfohlen, der uns Ahnungslose ohne Unterlass mit taxonomischer Tonkunst und mathematischen Medleys zum Mitsingen unterrichtet. Bleibt noch anzumerken: Bye, bye, Miss American pi.

Ira Struebel | Dauerhafter Link


23.09.2005 | 12:32 | Alles wird besser | Vermutungen über die Welt

Grüner Wohnen

Der Mensch tendiert dazu, sein direktes Lebensumfeld mit anderen Lebenswesen anzureichern – absichtlich (Kinder, Tiere, Pflanzen) oder unabsichtlich (Kinder, andere Tiere, andere Pflanzen). Die dahinterstehende Logik ist klar: Sogar ein Raum, indem das Feng Shui längst Harakiri gemacht hat, lässt sich durch ein paar Zimmerpalmen fast erträglich gestalten. Schade nur, dass die meisten Pflanzen viel Pflege brauchen, aber sich anders als Hunde und Kinder dann nicht lautstark oder geruchsintensiv bemerkbar machen. Und so zogen Menschen mit dem sprichwörtlichen Braunen Daumen bisher traurig durch die Welt und spielten mit dem unwürdigen Gedanken, entweder Plastikblumen ins Zimmer zu stellen oder zu heiraten, damit sich jemand um die living accessoires kümmert. Über Core77 erreicht uns nun die Nachricht, dass zumindest das Pflanzenproblem gelöst wurde. Mit modernster NASA-Technik versehen (macht die NASA eigentlich noch in Sternen oder werden dort nur noch Pfannen und Blumenkübel erfunden?) hat die Firma Green Fortune den Streamgarden auf den Markt gebracht, der explizit für Menschen produziert wurde, die "unregelmäßige Arbeitszeiten haben, viel reisen und selten zu Hause sind". Und implizit natürlich auch für Leute, die keinen Bock haben, den sie zum Gärtner machen können jeden Tag zu gießen. Der Streamgarden braucht nur einen wöchentlichen Refill (hört sich auch viel sexier an als Blumengießen!) und alle drei Monate einen Komplettaustausch des Wassers. Da obendrein ein kleiner Extratank mit Pflanzennahrung eingebaut ist, der den Dünger präzise und kontinuierlich portioniert, wachsen Pflanzen darin sogar schneller.
Und die Zukunft kann noch goldener werden: Der Streamgarden muss nämlich auch an die Steckdose angeschlossen werden, weil er eine kleine Umwälzpumpe enthält. Die längst überfällige Elektrifizierung des Blumentopfs an sich ist also im vollem Gange – es kann sich nur noch um Wochen handeln, bis es jemandem gelingt, dort irgendwie ein Wireless Feature einzubauen.


23.09.2005 | 01:10 | Alles wird besser | Listen

Neue Firefox-Plugins, die jeder haben sollte

1. CustomizeGoogle: Endlich Macht über den Googlegolem. Wer das möchte, kann die Google-Werbebanner ausblenden, sich eine Vielzahl zusätzlicher Links zu den Suchergebnissen einblenden lassen, alles, was nervt (Wikipedia-Klone!) für immer aus den Suchergebnissen verschwinden lassen und das lästige neue Google-Clicktracking abschalten (ausführliche Clicktracking-Erklärung bei Boing Boing).

2. MediaPlayerConnectivity: Schluss mit dem Ärger, den in Websites eingebettete Quicktime- RealMedia- und alle anderen Streams verursachen. Nie mehr zur hundertsten Installation von Quicktime aufgefordert werden! Alles wird in eine externe Applikation der eigenen Wahl umgeleitet, zum Beispiel den hervorragenden MediaPlayer Classic, den es entweder bei sourceforge.net oder, noch praktischer, als Bestandteil des K-Lite Codec Pack gibt. Der Ärger mit nicht unterstützten Formaten hat ein für allemal ein Ende, und als kostenlose Dreingabe wird einem der nervenzehrende RealPlayer von der Platte geputzt.

3. Read Easily: Endlich müssen auch Firefox-Nutzer nicht länger auf eine Option verzichten, die es in Opera schon seit vielen Jahren gibt: Mit einem Tastendruck unlesbare Seiten (rosa Schrift auf Blümchentapete, neongrün auf Schwarz) in lesbare (schwarz auf weiß, vernünftige Schriftgröße) verwandeln.

4. Adblock Filterset.G Updater: Für alle, die Adblock installiert haben und ihre Werbefilter automatisch aktualisiert bekommen wollen. Also für alle.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Firefox-Plugins, die jeder haben sollte


22.09.2005 | 16:00 | Berlin | Fakten und Figuren

Produkt und Vision

"Die Produkte der Kulturindustrie können darauf rechnen, selbst im Zustand der Zerstreuung alert konsumiert zu werden.
Aber ein jegliches ist ein Modell der ökonomischen Riesenmaschinerie, die alle von Anfang an, bei der Arbeit und der ihr ähnlichen Erholung, in Atem hält."


Das schreiben Horkheimer/Adorno im berühmten Kulturindustrie-Kapitel der "Dialektik der Aufklärung". Von Kulturindustrie handelt auch die Ausstellung Produkt & Vision, die derzeit in der Kunstfabrik am Flutgraben in Berlin-Treptow stattfindet, genauer von "Schnittstellen und Trennlinien in Kunst und Wirtschaft". Eine weiterer Berührungspunkt besteht darin, dass auch der alerte Konsum der Ausstellung eher Arbeit als Erholung ähnelt.

Tatsächlich verwischen die Grenzen zwischen Kunst, Wissenschaft, Unternehmensberatung und Werbung, indem ein Gutteil der Exponate aus enzyklopädischen Dokumentationen von Kunstprojekten im Wirtschaftskontext, akademischen Ausarbeitungen zu Themen wie "Der Einfluss von Pop- und Konsumkultur auf Wissensvermittlung und Bildungsmarketing", langatmige Videomitschnitte von Workshopsitzungen u.ä. besteht. Auch wenn zwischendurch Salat angebaut wird – der Bleiwüstenfaktor ist relativ hoch und erinnert damit an die letzte Documenta, die im Titel annoncierten Visionen zu Produkten sucht man hingegen eher vergebens.

Das Stochern im Brackgürtel zwischen Kunst und Kommerz entpuppt sich – zumindest hier – als eher trockenes Geschäft mit zahlreichen Stolperstellen und hohem Vermittlungsaufwand. Von der experimentellen Zusammenarbeit mit Künstlern, zu der sich der Cornelsen-Verlag als "Musterunternehmen" mehr oder weniger mutig bereit gefunden hat, entbirgt sich im Ausstellungskontext vor allem die etwas deplaziert wirkende raumgreifende Selbstdarstellung des Verlages. Nichtsdestoweniger wartet die Ausstellung mit einigen spannenden Positionen auf, die den Besuch zu einem durchaus lukrativen Unterfangen machen.

Zu den Aktiva zählt eindeutig die umfangreiche Schaffensdokumentation der Künstlergruppe etoy, die auf dem Feld der künstlerischen Kommerz-Subversion als Benchmark, wenn nicht als Best Practice gelten kann. Für 2 € kann man aus umgebauten Kaugummiautomaten dort auch das neueste Produkt etoy.FIZZLE erwerben: gravierte Metallkügelchen, die als "Mikroinvestment" 1/50 eines etoy.SHARE bzw. 1/32.000.000 der etoy.CORPORATION entsprechen: eine greifbare Vision der Kunst als zweckfreies Produkt – und ein lohnendes Investment, vermutlich. Im Kulturverlag Kadmos, der gerade seinen Webauftritt renoviert, ist ein zweisprachiger Reader zur Ausstellung erschienen, den wir guten Gewissens empfehlen können.


22.09.2005 | 04:48 | Anderswo | Alles wird besser

Weisheiten und ihre Produkte: Die Baum-Haus-Sohn-Lösung

Ein Mann muss in seinem Leben einen Baum pflanzen, ein Haus bauen und einen Sohn zeugen. Es ist im Nachhinein offenbar nicht mehr festzustellen, wer den Quatsch eigentlich in Umlauf gebracht hat. War es Konfuzius, Caesar, Luther, Nietzsche oder doch der sog. Volksmund? Egal, erstaunlich ist nur, dass bisher noch niemand das Marketingpotenzial dieses eingänglichen Claims erkannt hat. Ein erster Schritt in diese Richtung hat nun die Schweizer Firma Tschopp Holzbau unternommen, indem sie den Prototypen einer praktischen "All-in-One"-Lösung für das Baum-Haus-Sohn-Problem entwickelt hat.
Das an sich klug konstruierte Baumhaus – einzig die auf zwei übergrossen Pflöcken abgestellte Terrasse stört das simple Konzept – ist dank seiner punktsymmetrischen Bauart und zweier Druckringe aus Stahl in sich stabil und nur mit zwei Gurten an einer Astgabel einer Eiche aufgehängt. Man spart so immerhin das Fundament. Wer also früh genug seinen Baum pflanzt, kann schon rund 50 Jahre später sein Haus dran hängen und darin dann seinen Sohn zeugen. Weil er dann gemäss eingangs erwähnter Weisheit seinen Lebenszweck bereits erfüllt hat, kann er sich gleich bequem am selben Baum aufhängen auf die Terrasse setzen und den Rest seines sinnlos gewordenen Lebens die Aussicht geniessen.


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"The proposition", John Hillcoat (2005)

Plus: 3, 14, 21, 22, 31, 32, 45, 48, 79
Minus: 1, 19
Gesamt: 7 Punkte


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