Riesenmaschine

22.09.2005 | 03:46 | Alles wird schlechter | Vermutungen über die Welt

Im Namen des Sturms

Man fragt sich ja schon, warum vernichtende Wirbelstürme Namen tragen wie "Katrina" oder "Rita", die man sonst eigentlich nur für Patentanten oder vor kurzem verstorbene Urgroßmütter verwendet. In Wahrheit waren das noch Glücksfälle, denn es hätten auch Kuscheltiernamen wie "Teddy" oder "Harvey" sein können, wie die offizielle Namensliste für tropische Wirbelstürme beweist. Jedes Jahr hält die Liste 21 Namen für atlantische Hurrikans bereit, und daher wissen wir jetzt schon, wie die nächsten Naturkatastrophen in diesem Jahr heißen werden: Stan, Tammy, Vince, Wilma. Wilma? Tammy? Sind das etwa Namen für Monsterstürme? Muss man sich da wundern, wenn niemand einsieht, warum er sein Haus verlassen soll? Würde nicht jeder durchdrehen, wenn er von ein paar Narren "Odette" genannt wird? Was bleibt einem mit einem Namen wie "Mindy" anderes übrig, als eine Stadt zu ertränken? Nein, Hurrikans sollten Thor, Saddam, Egon Krenz, Judas, Ivan, DJ Bobo, Dschingis-Khan oder wenigstens Hitler heißen, dann wissen sowohl der Sturm als auch die Bewohner von New Orleans, dass es um Leben und Tod geht. Verniedlichungen, soviel steht fest, sind in diesen harten Zeiten völlig unangebracht. Gipfel der Einfallslosigkeit: Falls nach Wilma noch irgendwas in diesem Jahr passiert, wird es "Alpha" heißen.

Aleks Scholz | Dauerhafter Link


22.09.2005 | 00:29 | Zeichen und Wunder

Physik für Geisteswissenschaftler

Wenn man Geisteswissenschaftler gelernt hat, ist es nicht einfach mit den Naturgesetzen. So wird der Magister an sich oft Opfer der Schwerkraft noch vor dem dreissigsten Lebensjahr und das, ohne sie jemals wirklich verstanden zu haben. Schön, wenn sich da die Herren Naturwissenschaftler ein bisschen Mühe geben, indem sie das zu vermittelnde Wissen bunt verpacken und zum Beispiel in philologentaugliche Form bringen. Lobend erwähnt sei an dieser Stelle das Projekt "The Periodic Table of Haiku", das hält, was der Name verspricht. Ein Beispielhaiku zum Thema 26, Eisen:

prehistoric gift
splashing history currents
leaving flakes of rust


Als Nächstes erhoffen wir uns eine Site von studierten Gestaltern für Chemiker, auf denen die Grundlagen der Wahrnehmungspsychologie und Farbenlehre sowie des für den Betrachter schmerzlosen Webdesign in handliche Formeln gepresst nachgerechnet werden können.


22.09.2005 | 00:19 | Papierrascheln

OHNE TITEL

Die alten Herren der amerikanischen Literatur, Wolfe, Updike, Mailer etc. haben in den letzten Jahren eher durch zickige, in Zeitungen ausgetragene Streitereien unterhalten als durch ihre Werke. So verglich Norman Mailer zum Beispiel Tom Wolfes Roman "A Man in Full" damit, Sex mit einer 150 Kilo schweren Frau zu haben: "Wenn sie erstmal oben ist, ist es vorbei. Verlieb dich oder ersticke.", während John Updike noch recht moderat meinte, dass Wolfe keine Literatur, sondern bloße Unterhaltung fabriziere. Wolfe revanchierte sich damit, dass er Updike und Mailer als "zwei alte Haufen Knochen" bezeichnete.
Nun macht Tom Wolfe wieder Schlagzeilen. Dieses Mal geht es um seinen letzten Roman, "I Am Charlotte Simmons", dessen Titel nicht auf der Paperbackausgabe erscheinen wird. Stattdessen sind auf dem Cover nur die Zeichnung einer jungen Frau und, in sehr großen Lettern, der Name des Autoren zu sehen. "Anstelle des Buchtitels benutzen wir Tom Wolfes Namen als Markenzeichen. Er ist selbst eine Ikone." sagt Tanya Farrell, die Publicity Direktorin von Picador USA, Wolfes Verlag. Angesichts der eher durchwachsenen Kritiken scheint dies nicht die schlechteste Strategie zu sein.


21.09.2005 | 19:16 | Berlin | Alles wird schlechter | Listen

Anti-Schwampel Mailvordrucke

Exklusiv für Riesenmaschine-Leser veröffentlichen wir hier Vordrucke für Wähler, die in einer Mail an die jeweiligen Parteien ihrem Unmut über die dräuende Schwampel Ausdruck verleihen wollen. Denn die Riesenmaschine schaut nicht nur nach vorn, sondern versucht erklärtermaßen auch, die Zukunft in ihrem Sinne mitzubeeinflussen. Die Vordrucke sind selbstverständlich in der Reihenfolge der Parteipräferenz aufgelistet, denken Sie sich also eine große Lücke zwischen den ersten beiden Parteien. Und so geht's:
1) Sich an die Partei erinnern, die man gewählt hat (wichtig: CDU ≠ CSU!).
2) Copy & Paste.
3) Mailadresse eintragen (liegt bei).
4) Abschicken.
5) Fertig.

Die Grünen / Bündnis90 (info@gruene.de):
Liebe grüne FreundInnen!
Das darf ja wohl nicht wahr sein! Ich habe am Sonntag aus Überzeugung und um Merkel zu verhindern Grün gewählt. Wenn jetzt die Schwampel kommt, die ebenso widerlich heißt, wie sie ist, dann wähle ich nie wieder grün! Ausserdem sage auch allen im Kollegium und den Schülern, dass die Grünen inzwischen nichts anderes mehr sind als eine FDP mit Öko-Firnis! Aus Scham vor diesem gefährlichen Flirt ist auch schon Joschka zurückgetreten, ich könnte echt heulen! Also untersteht Euch! Wehe! Da hilft auch nicht, dass Raider jetzt Twix heißt, bzw. Schwampel jetzt Jamaika-Koalition. Früher standet Ihr noch für [hier bitte, falls noch vorhanden, geeignete Ideale eintragen]!
Mit einer geschwisterlichen Umarmung,

CDU (info@cdu.de)
Sehr geehrte Dame und Herren,
mit großer Bestürzung muss ich zur Kenntnis nehmen, dass die Partei, die ich noch am Sonntag als beste Vertretung meiner bürgerlichen Interessen betrachtete, inzwischen erwägt, mit Chaoten zusammenzugehen! Auch wenn Joseph Fischer durch den überwältigenden Erfolg der CDU quasi schon vorab in die Untätigkeit gezwungen wurde, so bleibt diese komische Revoluzzer-"Partei" doch nur eine Handbreit von Lenin und Trotzki entfernt! Und dafür haben wir jahrelang die US-Pershings vom Trecker aus mit der Mistgabel vor den Linksradikalen verteidigt, damit Sie jetzt quasi mit Moskau direkt koalieren? Das werden weder ich noch sonstjemand vom Stammtisch "Alte Heimat" akzeptieren! Praktisch das gesamte Dorf ist strikt dagegen!
Mit freundlichem Gruße,

CSU (info@csu-bayern.de)
Sie, Herr Stoiber!
Also, äh, ich habe am Sonntag nach dem Gottesdienst die CSU gewählt, nun schon das neunte Mal bei einer Bundes, äh, -tagswahl. Aber Herrschaftszeiten nochamol, wenns jetzt mit den Saugrünen koaliern, dann wirds as letzte Mol gwesen sein! Der Schollmehmet (und des is a Türk, a halber!) hat seinerzeit schon ganz recht gsprochn: "Hängt die Grünen, solange es noch Bäume gibt"! Mir san mir, da helfen keine Pillen! Schon gar nicht bittere.
Vergelts Ihnen Gott,

FDP (fdp-point@fdp.de)
Sehr geehrte Herren, hallo Guido Westerwelle,
was genau haben Sie am Abend des Wahlsonntags eigentlich mit dem Satz gemeint: "Für eine Ampel und andere Hampeleien stehen wir nicht zur Verfügung"? Um etwas genauer zu sein, was um Mammons Willen ist mit "andere Hampeleien" gemeint, wenn offenbar keine Schwampel? Wenn Sie schon umfallen, dann doch bitte richtig. Wenn Sie gleichzeitig so freundlich wären, zurückzutreten, Herr Westerwelle, denn jeder weiß, dass der Stimmenzuwachs nicht auf Sie, sondern auf CDU-Wähler zurückgeht, die die Große Koalition verhindern wollten. Jetzt bekommen wir dafür eine Breite Koalition – gegen dieses Vorhaben werde ich auch unter den Kollegen in der Kanzlei Stimmung machen! Wenn Sie weiterhin schwampeln, werde ich mich im Club für einen gemeinsamen Umzug nach Monaco einsetzen, dann können Sie mal sehen, wie eine Flat Line Tax funktioniert.
Wünsche einen (nicht allzu) liberalen Tag,

Linkspartei (bundesgeschaeftsstelle@linkspartei.de)
Oskar!
Tu was! Wir wollten doch nur dem Gerd einen kleinen Denkzettel verpassen und jetzt kommt Merkel womöglich mit gleich zwei neoliberalen Parteien an die Macht! Du versprichst doch sonst auch immer alles!
Dein/e Genosse/in,


21.09.2005 | 13:42 | Was fehlt | Sachen kaufen

Wasserrattan

Anhänger des Jugendstilnachfolgers Tropenlook konnten bisher in der Möbelfrage zwischen Bambus und Rattan wählen. Das ist auf Dauer sogar für Menschen zu wenig, denen offenbar die Auswahl zwischen zwei Parteien vollkommen ausreicht (jetzt erst klarwerdender Vorteil dieses Systems: Dem Wort "Schwampel" ist dort a priori jede Existenzgrundlage entzogen). Ein österreichischer Möbelanbieter mit dem merkwürdig skandinavisch anmutenden Namen Lars Bambussen führt nun stolz eine Anzahl von Alternativen ins Feld. Seegrasmöbel, Bananenblattmöbel und für Liebhaber der Extremexzentrik: Wasserhyazinthmöbel (Abbildung: Hässliches Bananenblatt-Sofa). Das ist theoretisch genau der Beitrag, der uns in der hier (und hier) beleuchteten Diskussion um den Werkstoff der Zukunft gefehlt hat! Vor allem, weil die Wasserhyazinthe in einigen Teilen der Welt ein Schädling ist, wenn sie auch Wasser von Arsen und anderen Schadstoffen reinigt. Sie erstickt nämlich andere Wasserpflanzen und wächst ohne Fressfeinde unfassbar schnell.
Aber ach, beim näheren Hinsehen wird klar, dass die Hoffnung der Vielfalt hier auf Augenwischerei beruht: Die Möbel, egal ob Bananenblatt, Seegras oder Wasserhyazinthe, bestehen im Kern weiterhin aus Rattan und werden nur verbergend umwickelt. Manchem mag diese Oberflächenschummelei ausreichen – für eine echte Belebung der Werkstoff-Debatte taugt sie nicht. Auch wenn man offenbar aus Seegras hervorragende Katzenstreu machen kann.


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"Nochnoi Dozor", Timur Bekmambetov (2004)

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Gesamt: 3 Punkte


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