Riesenmaschine

06.04.2006 | 11:59 | Alles wird besser | Vermutungen über die Welt

König unter den Tauben


Mit einem Ohr am Puls der Zeit (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Diese Jugend! Will einfach nicht hören! Oder kann nicht hören, weil diese neumodischen mp3-Player taub machen. Da die Kopfhörer immer stöpselartiger werden, damit sie mit weniger Leistung fettere Bässe ins Gehirn hämmern, hört man mit ihnen auch immer weniger von der Umwelt. Aber die Jugend hat sich einen Trend ausgedacht, um nicht vollkommen sozial isoliert in der Landschaft rumzustehen. Man trägt inzwischen nur noch einen Ohrhörer. Mit dem anderen Ohr nimmt man an der Welt teil oder lauscht man den Freunden, mit denen man so abhängt oder wie die Jugend auch immer "rumlungern" inzwischen bezeichnet.

Von diesem Jugendtrend hat die Gesellschaft auch Vorteile. Zum einen führt das Kabel oft genug ins Handy mit integriertem mp3-Player. Das ist super, weil a) es dann nur im Ohrhörer klingelt und b) der durchschnittliche Jugendklingelton sich anhört wie eine polyphone Simulation einer gefaketen Coverversion eines HipHop-Surrogates. Zum anderen werden die Jugendlichen dann nur noch auf einem Ohr taub, was sie natürlich aus Scham niemandem sagen und daher nicht die Krankenkassen belasten.

In dieser scheinbar unbedeutenden Entwicklung ist ungeheure Sprengkraft verborgen. Eventuell steht die Musikindustrie vor einer umwälzenden Neuerung, die eigentlich ein Rückschritt ist: Die nie geahnte Renaissance von Mono.


06.04.2006 | 02:46 | Anderswo | Fakten und Figuren

Rätsel für die ganze Welt


Ffffflllliiiiivvvvttt. Mist, falsch. (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Sicher ist es sehr enttäuschend für sie: Erst senden wir über diese Fernsehsender jahrzehntelang billige Science-Fiction-Serien ins All, so dass jeder, der da draussen zuhört, sicher glauben muss, dass die Erdlinge bald auftauchen werden, in hautenge Trikots gekleidet, und Sitte und Anstand in der Galaxie verbreiten. Und dann aber war es nur Spass und dauernd stürzen uns die allerkleinsten Space Shuttles ab. Damit die freundlich gesinnten Ausserirdischen nicht die Geduld verlieren und sich die Zeit vertreiben können, bis wir dann doch mal kommen, um mit dem Ferengi-Gesindel aufzuräumen, senden wir ihnen, das sollte man bitte deutlicher honorieren, seit den 70ern regelmässig komplizierte Rätsel ins All, entweder einer Raumsonde beigelegt oder aber mit riesigen Radioteleskopen gebroadcastet. Anfangs waren die Knobeleien noch recht einfach und lustig, aber trotzdem schickte niemand vor Einsendeschluss die richtige Lösung, was wohl daran gelegen haben könnte, dass der schnellste Postweg 50.000 Jahre dauert. Aber bitte! Ist das etwa ein Grund?

Zur Abwechslung, dachten wir uns vor einigen Jahren, machen wir die Rätsel doch ein bisschen schwieriger, so dass man es schon als Mensch, also als Angehöriger einer hochentwickelten Zivilisation, nur versteht, wenn man vorher 58-seitige PDF-Dokumente durcharbeitet. Sie werden also eine Weile zu kniffeln haben auf ihren Plastikplaneten, aber dafür können sie ihre Antwort praktisch persönlich vorbeibringen, denn unsere Zuhörer draussen an den Geräten wohnen diesmal nur ein paar Lichtjahre entfernt. Bei der Gelegenheit können sie auch gleich ihren Preis mitnehmen; dieses Jahr verlosen wir unter allen richtigen Antworten einen hochwertigen Liegestuhl aus Tropenholz und zehn Abonnements auf die nächsten hundert Rätsel.

Aleks Scholz | Dauerhafter Link


05.04.2006 | 16:33 | Alles wird besser | Sachen kaufen

In einer besseren Welt

In einer besseren Welt erwachen abgestürzte Rechner wieder zum Leben, wenn man mit der Maus auf die Schreibtischplatte hämmert. Autos lassen sich reparieren, indem man energisch gegen die Reifen tritt. IKEA-Möbel werden zusammengesetzt, indem man schreiend auf den Einzelteilen herumtrampelt. Und Zelte baut man auf, indem man sie einfach in die Luft wirft. Ungefähr so:


(Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)

(Zelt 2 Seconds, gesehen bei OhGizmo!. Gibt es sicher auch bald für Liegestühle.)


05.04.2006 | 12:17 | Alles wird schlechter | Sachen anziehen | Papierrascheln

Vorsicht, ein Trend geht um


Hedi Slimane und seine tollen Trends sehen Sie hier
Trends zeichnen sich im Allgemeinen dadurch aus, dass sie schnell kommen und schnell gehen und meistens ist das auch ganz gut so. Das Problem ist dabei, dass diejenigen, die von der Beschreibung oder Vermarktung dieser undurchsichtigen, kaum greifbaren Zeitgeistphänomene leben, unglaublich schnell sein müssen – sonst ist der Trend schon vorbei, ehe man ihn totschreiben oder ausverkaufen konnte. Was in diesem Geschäft zählt, ist alleine Schnelligkeit. Ahnung vom Objekt zu haben ist eher von Nachteil.

Max beispielsweise, offenbar nicht unbedingt ein Blatt, das zu grossen Wert auf "Inhalte", "Richtigkeit" oder sonstigen überflüssigen Ballast legt, erklärt seiner Leserschaft in der aktuellen Ausgabe unter der Rubrik What's Hot die neue Kollektion des französischen Designers Hedi Slimane anhand popkultureller Referenzen. Geschrieben steht da: "Besonders schöne Kombination: schwarzer Schlips aus Leder zu weissem Hemd und dunkler Röhrenjeans. Der neue Glam-Rock-Look erinnert an eine Mischung aus Mick Jagger und den Sex Pistols. Gefühlte Temperatur: heiss wie ein Gitarrenriff von Jimi Hendrix."

Auf eine Weise ist es schon wieder bewundernswert: Hier stimmt keine der genannten Referenzen, kein einziger Zusammenhang ergibt Sinn oder hat mit dem vorher Gesagten zu tun. Schlips und Jeans haben nichts mit Glam-Rock am Hut, Glam-Rock nichts mit Mick Jagger, Jagger nichts mit Sex Pistols und diese nichts mit Hendrix. Gottseidank muss man Slimanes neue Kollektion nur ansehen und nicht anhören. Einmal angenommen, sie sähe tatsächlich aus wie von Max beschrieben, man müsste mit dem schlimmsten Musikverbrechen seit Bastard-Pop rechnen.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Das Z am Ende ist am Ende


05.04.2006 | 07:40 | Berlin | Sachen kaufen | Vermutungen über die Welt

Themenhalden

Wenn man in Berlin aufgewachsen ist, konnte man beobachten, wie hier nach dem Fall der Mauer ein stadtökonomischer Mechanismus langsam, aber sicher Fuss fasste, den man nur aus anderen europäischen und amerikanischen Städten kannte: Die Häufung von Fachgeschäften einer Richtung in einem Viertel. Früher war Berlin sehr stark nach Kiezen organisiert, jedes grössere Viertel hatte seine 37 verschiedenen Läden, in denen man sich versorgen konnte. Inzwischen gibt es rund um den Hackeschen Markt so viele Schuhläden, dass die hippen Schuhe, die man im ersten Laden gekauft hat, schon wieder out sind, wenn man bemerkt, dass sie im letzten Laden die Hälfte billiger gewesen wären.

(Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)

Aber Berlin wäre nicht Berlin, wenn das gnadenlose Hinterhinken im Ballungstrend nicht durch übertriebenes Rechtsüberholen des Trends und Vermischung mit einem völlig anderen Zweittrend ausglichen würde. Während in New York und London nämlich seit Jahren die immer gleichen PopUp-Stores und -Clubs gehypt werden, sind in Berlin schon PopUp-Müllhalden in. Und zwar nicht irgendwelche, sondern eben geballte Themenmüllhalden. Oder wie ist es sonst zu erklären, dass an der oben fotografierten Stelle am Mauerpark in Berlin Prenzlauer Berg fünf zerfetzte Kinderwägen stehen? Und sonst kein Gramm Andermüll?


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