Riesenmaschine

12.11.2006 | 18:24 | Alles wird besser | Fakten und Figuren

Knie kabellos

Im Knie sitzt die Seele des Menschen, sagen jedenfalls irgendwelche Indianer. Wenn das stimmt, dann hat man nach dem Einbau künstlicher Kniegelenke endlich Ruhe vor dem faulen Schmarotzer, der seine Zeit ansonsten damit verbringt, die Füsse hochzulegen. Ausserdem erfährt man so endlich, was das (nun seelenlose) Titan-Knie den ganzen langen Tag so treibt, denn die Firma MicroStrain hat es geschafft, eine Wanze ins Knie einzubauen. Bisher meldet sie nur unnütze Testdaten, Kräfte und Drehmomente etwa, die auf das Knie wirken, einfach nur Zahlen mit Kommastellen also, aber das immerhin kabellos, energielos und vollautomatisch. Was man damit in Zukunft alles noch anfangen könnte bzw. wird! Man wird Bilder aus dem Knie (Blitzlicht) senden und live ins Internet stellen. Man wird per Skype mit seinem Knie reden können. Man wird jederzeit wissen, ob das Knie noch da ist und wie es ihm geht, also auch, wenn man auf Reisen ist. Man wird sein Knie bei Second Life anmelden, und beide Knie werden in Online-Rollenspielen gegeneinander antreten. Herrliche Möglichkeiten, dafür kann man ja wohl getrost auf die Seele verzichten.


12.11.2006 | 14:25 | Alles wird besser | Sachen kaufen

Scharf halten


"Das Rasterelektronenmikroskop beweist es."
Zugegeben, die folgende Geschichte klingt schwer nach Pyramidenhut
meets Antikalkulator.

Nichtsdestotrotz will sie hier erzählt werden: Es ist die Geschichte eines Patents von 1996 mit der Nummer 196 45 592. Sie beginnt mit dem Ärger von Ludwig Kemmelmeier über schnell abstumpfende Rasierklingen und endet fast schon mit der Erfindung des BladeMaster . Ein starker Dauermagnet sollte helfen, die hauchdünnen Schneidkanten von Systemklingen zu stabilisieren, zu härten und zu reparieren. Oder in der Sprache Kemmelmeiers: " Die ungeordneten Kristalle im Klingenstahl werden durch die Feldlinien des Magneten geordnet." Sämtliche Versuche, die Erfindung über einen der beiden Quasimonopolisten Wilkinson oder Gillette zu vermarkten blieben erfolglos. Kein Wunder, schliesslich gehören die Gewinnmargen bei Systemklingen zu den besonders lukrativen im Drogerie-Segment. Eine Vervierfachung der Lebensdauer von Rasierklingen? Da könnte die Industrie ja genau so gut das Nirosta-Auto, den ewigen Kalender oder die Feinstrumpfhose ohne Laufmaschen auf den Markt werfen! Der Erfinder schabte zunächst knapp an der Insolvenz vorbei und vermarktete den Scharfhalter selbst im Internet. Allmählich sprach sich der Spareffekt unter Nass-Rasierern und bei Bikini- Zonenkindern rum. Folge: Wirtschaftlich schneidet Kemmelmeier inzwischen ganz gut ab. Je teurer die 2-, 3-, 4- oder 5-fach-Klinge, desto schneller erreicht man die Gewinnschwelle . Auch wenn das jetzt schwer nach Milchbartmädchenrechnung klingt.

Jörg Meyerhoff | Dauerhafter Link | Kommentare (10)


12.11.2006 | 02:03 | Anderswo | Alles wird besser | Vermutungen über die Welt

Untergang der Morgensonne


Thinking of Japan
Es soll auf dieser Welt eine Insel geben, deren Bewohner täglich bis zu 19 Stunden arbeiten, dabei immer so gerade noch dem Karoshi von der Schippe springen, anschliessend zum Pachinko gehen oder sich mit ein paar druckfrischen Hentai in ein Capsule-Hotel legen und dabei ein paar Jussipussi und Big Nuts mit Fart herunterspülen.
Wenn Menschen mit einem solch extremen, über Jahre hinweg praktizierten Lebensstil plötzlich auf ihrer Insel nicht mehr sicher sind, weil z.B. irgendwelche Platten an ihr ruckeln, dann kann das natürlich auch nur besonders extrem über die Bühne gehen. Etwa so wie in Shinji Higuchis neuem Film "Sinking of Japan", dem Remake eines Films von 1973, der gerade (am 26.10.) in Singapur angelaufen ist und in dem sich Erdbeben, Vulkanausbrüche und Tsunamis ein Stelldichein geben, um Shinkansen, Tempel, Fernsehtürme und eben auch oben erwähnte Bewohner durch die Gegend zu wirbeln, dass es nur so kracht. So verrät es bereits das Filmplakat, und viel mehr, als darauf zu sehen ist, passiert dann auch im ganzen Film nicht, zumindest fast nicht – die Regierung versucht nämlich noch, ihre Bewohner von der Insel aufs sichere Festland zu retten aber dann ist auch schon Schluss und die eigentlich schlimmste Katastrophe wird ausgespart: Die Bewohner müssen sich in der neuen Heimat einen neuen Lebensstil zulegen.

Eine Ausstrahlung in Deutschlands Kinos lässt übrigens auf sich warten. Man arbeitet wohl noch an der Übersetzung des Titels.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Plattenkritik


11.11.2006 | 19:05 | Fakten und Figuren

Datenverlust als Weg

Als die Krankheiten noch etwas bedeuteten, konnte man eben bei Halsweh die Zumutungen der Neuzeit nicht mehr schlucken, und wer Fusspilz hatte, dem zehrte der Zweifel die Fundamente seines Daseins auf. Heute sind Krankheiten nur noch Krankheiten, aber vielleicht haben ja wenigstens unsere Fehlleistungen noch einen Sinn?

In Oxford wurde gerade der Zusammenhang zwischen versehentlich ungespeicherten Daten und anderen Fehlleistungen erforscht (via Improbable Research). Wer in den letzten zweieinhalb Jahren seine Dissertation eingebüsst hat, weil er zu speichern vergass, dessen allgemeine Unfallhäufigkeit ist also nicht erhöht, auch Linkshänder leben in dieser Hinsicht nicht riskanter als andere Menschen. Wohl aber gibt es einen Zusammenhang zwischen Schusseligkeit ("Werfen Sie oft die Streichholzschachtel weg und behalten das abgebrannte Streichholz?") und Datenverlust. Wer sich in dieser Beschreibung wiedererkennt, aktiviert daher am besten überall die "Auto-Speichern alle 5 Minuten"-Option und vermeidet den Umgang mit Handgranaten.


11.11.2006 | 06:55 | Anderswo | Alles wird besser | Sachen kaufen | Vermutungen über die Welt

Shopping mit Rudi


Von vorne

Auf dem Dach

Drinnen
Wie man vielleicht weiss, ist der kleine, bizarre Inselstaat Singapur ein Land der Shopping Malls. Auf 4,4 Millionen Einwohner kommen mehr als 150 grosse Einkaufszentren, also auf ca. 30.000 Bewohner eines. Seit dem 7. Oktober kann der Singapurer in einer weiteren Mall Sachen kaufen. VivoCity ist mit gut 335.000 qm Verkaufsfläche momentan das grösste Einkaufsding der Insel, und jetzt schon das erfolgreichste. Nach einer Woche wurden knapp eine Millionen Besucher gezählt, inzwischen dürfte sich also jeder Singapurer das Trumm einmal angekuckt haben.

Gebaut hat die "Lifestyle Mall" der japanische Architekt Toyo Ito, der sein Bauen auch irgendwie auf Gilles Deleuze bezieht. Aber VivoCity – der Name soll sich von vivacity = Lebhaftigkeit oder Lebendigkeit herleiten – erinnert doch wohl eher an anthroposophische bzw. organische Architektur im Geiste Rudi Steiners, was recht lustig ist, weil eine Shopping Mall wohl so unanthroposophisch ist wie höchstens noch Heroin spritzen. Aber Herr Ito vermeidet (oder kaschiert) brav rechte Winkel, aussen und innen dominieren ovale, geschwungene Linien und Formen. Auf dem Dach steht Wasser in flachen, natürlich geformten Teichen, daneben gibt es ein Amphitheater; ein Open-Air-Kinderspielplatz findet sich im zweiten Stock. Zur organischen Inszenierung passen auch die gewählten Signature-Farben – ein Lindgrün und ein Hellblau wie aus dem Weleda-Katalog – und programmatische Sätze auf der VivoCity Homepage: "The VivoCity identity is inspired by a sense of natural energy and flow. Its organic and dynamic nature expresses the stimulating experience, reflects the energy in the name and complements the architectural vision."

Interessant an der neuen Waldorf-Mall ist gewiss auch, dass ihr Bauherr und Betreiber die Mapletree Investments Pte. Ltd. ist. Diese ist nun eine hundertprozentige Tochter von Temasek Holdings, welche wiederum dem Singapurer Finanzministerium gehört. Das heisst, VivoCity ist, wie viele andere Firmen in Singapur, ein Staatsbetrieb. Kann es also sein, dass die Waldorf-Mall ein Zeichen dafür ist, dass das kleine Land, dessen Regierung seit der Unabhängigkeit irgendwie zwischen Hardcore-Kapitalismus und Softcore-Sozialismus lavierte, jetzt anthroposophisch wird? Wird es demnächst auf Singapore Airlines-Flügen statt der gewohnten Sicherheitsturnübungen Eurythmiekurse geben? Und werden Singapurs Manager, Investmentbanker und Immobilienmakler zukünftig jeden Morgen gemeinsam auf dem Raffles Place singen, nasenflöten, malen und plastizieren? Möglich wär's. Auf jeden Fall in Singapur.

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (10)


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