Riesenmaschine

03.12.2006 | 03:05 | Anderswo | Fakten und Figuren | Essen und Essenzielles

Der goldene Rachen – kein Märchen


Und hier die Lösung
Vieles wurde vermutet, am Ende aber hatte keiner wirklich Recht. Bei dem Produkt, das wir weiter unten suchten, handelt es sich nämlich keineswegs um ein Kondom, Toupet oder Damenbinden, sondern um die nicht nur in China berühmten Jinsangzi Houpian, verenglischt Golden Throat Lozenges, also Kräuterbonbons, die Wassermelonenzucker, Luohan-Frucht, Eukalyptusöl, Mentholkristalle sowie chinesische Kräuter enthalten, und die unter anderem bei Halsschmerzen und Heiserkeit ausgezeichnet helfen. Das traurige Gesicht aber gehört Professor Wang Yaofa, einem bekannten chinesischen Biologen, der das Rachengold Chinas erfand.

Rachengold im wahrsten Sinne des Wortes. Der Umsatz der Guangxi Jinsangzi Co. bzw. Guangxi Golden Throat Group, die 1994 aus Süssigkeitenfabrik Nr. 2 in der südchinesischen Stadt Liuzhou hervorging, allein mit diesen Lutschbonbons beträgt pro Jahr 50 Millionen Euro. Dieser Erfolg ist aber nicht nur der Rezeptur des ernsten Professors Wang geschuldet, sondern auch den Theorien Deng Xiaopings und den "Drei Repräsentationen" des ehemaligen Staatspräsidenten Jiang Zemins, die der Firmenvorstand konsequent auf die Produktion, die Verpackung und Werbung anwendet. Vorstandsvorsitzende ist die ehemalige Arbeiterin Jiang Peizhen. Stellvertretend für ihr Kollektiv und die wohlschmeckenden Halsbonbons wurde Frau Jiang mit unzähligen Auszeichnungen überhäuft, darunter zuletzt "Hervorragende Arbeiterin auf dem Gebiet der nationalen pharmazeutischen Industrie" (2001), "Ausgezeichnete Pionierfrau 2002" und "Nationale Rote Banner Schrittmacherin" (2004).

Inzwischen gibt es das hervorragende Produkt auch in Australien, Russland, den USA, Japan, Singapur und den Vereinigten Arabischen Emiraten zu kaufen, sowie leider nicht bei DoorOne, sondern hier. Dass trotzdem nicht ein RM-Leser wusste, wer und was da zu sehen war, zeigt die anhaltende Ignoranz gegenüber überlegenen chinesischen Produkten sowie Glatzentestimonials in Deutschland. Immerhin, ganz nah dran war Leser/in everywear. Er/sie hat gewonnen, und zwar eine Packung der goldenen Halstabletten und ein Bier, im nächsten halben Jahr hier in Peking abzuholen. Der unwissende Rest möge die Seite der Goldenen Rachen-Gruppe sorgfältig studieren, den Golden Throat Spirit ("strict, diligent, creative, excellent") auf- und annehmen und mit uns am Ende die Hymne vom Goldenen Rachen anstimmen, die da auf Englisch lautet: "Show your golden throat!"

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Teures Gesicht

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (5)


02.12.2006 | 19:04 | Anderswo | Zeichen und Wunder

Die untere Etage


Vorsicht mit Chesterfield-Sofas! (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Island, Elfen, Bevölkerung, entspanntes Verhältnis, Elfenbeauftragte des Bauamts Reykjavik, dazu müssen wir nichts mehr sagen, das hat inzwischen selbst die Apothekenrundschau mehrfach erledigt. Aber auf die neue isländische Betonpflasterplatte Huldufolk (via Mocoloco) kann man schon noch mal gesondert hinweisen. Sie ermöglicht auch etwas kleineren und unsichtbareren Isländern das bequeme Emporsteigen aus dem Untergrund trotz Flächenversiegelung. (Eine Version mit Aufzug für im Rollstuhl sitzende Elfen muss warten, bis die Isländer eine Elfengleichstellungsbeauftrage einführen.) Jedenfalls ein relativ kleines Entgegenkommen für relativ kleine übernatürliche Staatsbürger – in Hongkong werden schon mal ganze Etagen weggelassen, damit Drachen bequem durch das Haus gucken können.


02.12.2006 | 13:10 | Was fehlt | Vermutungen über die Welt

Screenshots


Hier stirbt keiner (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)

Und hier auch nicht (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Wer in den letzten Wochen Mainstreammedien aufschlug, konnte sich dem seltsamen Glauben hingeben, die wunderbare Welt der Computerspiele sei aufregend, gefährlich und grausam. Und das 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Während Eltern, Lehrer, Politiker und sonstige notorisch ahnungslose Mitmenschen vor Angst, Verachtung, Hass oder Angst allerlei forderten, waren jüngere Mitmenschen verunsichert: Irgendetwas machten sie offenbar falsch, immerhin kam bei dem ein oder anderen Computerspiel durchaus ab und an Langeweile auf, selbst wenn es darum ging, Menschen oder als Aliens verkleidete Menschen umzulegen.

Eine sehr hübsche Sammlung äusserst langweiliger Momente aus diversen Computerspielen legt somit eine ganz neue Lesart der aufgepeitschten Berichterstattung der letzten Wochen nahe: Das Problem der Gewaltcomputerspiele ist nicht, dass man in ihnen mit animierten Knarren auf animierte Lebewesen animierte Kugeln schiessen kann. Sondern dass sie früher oder später langweilig werden. Dann nämlich erreicht die sonst ja bestens beschäftigten Jugendlichen der stete Ruf der Mutter bzw. der Gesellschaft: Geh raus! Tu was! Triff Freunde! Und dann, erst dann, hat man den Schlamassel.


02.12.2006 | 01:38 | Berlin | Listen | Papierrascheln | Vermutungen über die Welt

Die Ordnung der Bücher


Man beachte auch die kunstvoll variierende Undzeichen-Schreibung der verschiedenen Kategorien (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Dank Jorge Luis Borges wissen wir, dass es in China früher vierzehn verschiedene Tierkategorien gab: 1. dem Kaiser gehörige, 2. einbalsamierte, 3. gezähmte, 4. Milchschweine, 5. Sirenen, 6. Fabeltiere, 7. streunende Hunde, 8. in diese Einteilung aufgenommene, 9. die sich wie toll gebärden, 10. unzählbare, 11. mit feinstem Kamelhaarpinsel gezeichnete, 12. und so weiter, 13. die den Wasserkrug zerbrochen haben, sowie 14. die von weitem wie Fliegen aussehen. Dank Sam and Max wissen wir, dass es vier Basic Food Groups gibt: Die Dough-and-Frosting Group, die Carbonation-and-Caramel-Coloring-Group, die Chewy-Nougat-Center-and-Chocolaty-Coating Group und Vegetables. Und dank Karstadt am Berliner Hermannplatz gibt es jetzt endlich auch für Bücher eine verbindliche trennscharfe Taxonomie.

Dieses Ordnungssystem, das Kinderliteratur, Reiseführer, Kochbücher, Bildbände, Nachschlagewerke und Fantasy/Science Fiction auf einer vorgeordneten Klassifizierungsebene ausschliesst, wurde im Verkaufsraum mit Hilfe von Themeninseln visualisiert. Demnach lassen sich Bücher in acht Kategorien aufteilen: 1. Chaos & Wissen. 2. Mord & Totschlag, 3. Abenteuer & Agenten, 4. Geschichte und Geschichten, 5. Selbstlesen & Vorlesen, 6. Jung und Crazy, 7. Kaleidoskop des Lebens und 8. Middlesex, Korrekturen & Co. Wieder ist also ein bedeutendes Stück Unordnung in dieser Welt beseitigt worden. Und jetzt darf jeder mal raten, auf welchen Tischen Benjamin Lebert, Harry Rowohlt, Bastian Sick, Friebe/Lobo, Cees Nooteboom und "Verschwende deine Jugend" zu finden sind.


01.12.2006 | 17:53 | Anderswo | In eigener Sache

United States of Cornelius


(Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)

Als Fry in der Futuramafolge "I, Roommate" eine riesengrosse, schöne und erstaunlich preiswerte Wohnung besichtigt und nach dem Pferdefuss fragt, erfährt er: "No catch. Although we are technically in New Jersey ..." Schnitt, Fry sucht weiter. ZIA-Kollege und Kulturwissenschaftler Cornelius Reiber teilt als Sopranos-Verehrer diese Vorurteile gegen New Jersey nicht und ist daher dem Ruf der Universität Princeton willig gefolgt. Statt einer ungeheizten Kammer in Berlin bewohnt er jetzt ein modernes Gebäude, vor dessen Fenstern schneeweisse Murmeltiere spielen. Agent Reiber wird in den kommenden Jahren die Supatopmacht USA von innen erforschen und seine Erkenntnisse in Form von Videos und (demnächst) Interviews vorstellen. Regelmässige Besucher der Berliner Après Bunny Formate kennen die ersten vier Folgen bereits, alle anderen können das Versäumte unter United States of Cornelius nachholen.


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