Riesenmaschine

17.09.2007 | 21:58 | Was fehlt | Zeichen und Wunder

Nice try, though


Foto, Lizenz
Drüben bei den anderen Kindern ereifert man sich über eine Eismaschine, die, je nach Glücklichkeit des Benutzers, mal mehr (sehr unglücklich), mal weniger (auch ohne Eis glücklich) Softeis ausspuckt – das ganze in einem Projekt von Demitrios Kargotis, das auf der Ars Electronica in Linz landete. Einige erinnert das Gerät freudetrunken gar an das von Douglas Adams beschriebene Nutri-O-Matic ("Share and Enjoy"). Jetzt aber mal stop hier.

Warum bitte ist es eine Errungenschaft, wenn der, lediglich am Klang der Stimme übrigens, erkannte Glückszustand des Benutzers in eine extrem schlichte quantitative Eismenge übersetzt wird? Sind wir nicht mehrere tausend Jahre vom Sklavenmarkt entfernt, dem letzten Ort, an dem komplexe menschliche Bedürfnisse noch ungestraft in eindimensionale Zahlenangaben übersetzt werden durften? Ist Glück als Produkt nicht wenigstens etwas komplexer als eine Eistüte frei konfigurierbarer Grösse, sagen wir, so komplex wie ein Individualurlaub in der Dominikanischen Republik mit Voodoo-Zauber und Seeigel im Fuss? Eismenge als Handelsäquivalent für Glück, wie gestern ist das denn bitte.


17.09.2007 | 11:07 | Anderswo | Supertiere

Inder können grausam sein

Eine Bemerkung vorweg: Das anschauliche Exemplar der Cobra (Königsgattung) befindet sich eindeutig in einer ungewohnten Verteidigungsposition. Die Sympathien im Kampf sollten deshalb nicht vorschnell verteilt werden.

Die Schlangenbeschwörer-Eltern des Menschenbabys haben dem Tier offenkundig die Giftzähne gezogen. Das erscheint im nebenstehend vorliegenden Anwendungsfall – Babyschaukampfkönigscobra – auch mit Sicherheit sinnvoll. Beachtlich ist die Geschwindigkeit, mit der die Giftschlange ihre kampftaktische Radikalwende vollzieht. Sie benötigt nur vier Stösse um zu erkennen: Läuft irgendwie nicht so wie früher. Dann schaltet sie umgehend auf das Programm Würgeschlange um. Wir gehen einmal davon aus, dass die ungleiche Bataille von den menschlichen (mindestens humanoiden) Ringrichtern Sekundenbruchteile nach Ende des Videos abgebrochen wurde – und somit nicht ernsthaft geprüft wurde, wie gut die Ex-Giftschlange mit der von Anverwandten abgeschauten Würgetaktik zurecht kommt. Wir denken noch eine Weile darüber nach, ob und wenn ja wie sich Jürgen Rüttgers Wahlkampslogan "Kinder statt Inder" dem Video zuordnen lässt. Danach bitten wir die Kollegen der indischen Bloggergemeinde noch um Antwort auf die Frage: Wer hat den giftzahnziehenden Schlangenbeschwörer-Eltern eigentlich das Hirn gezogen?


16.09.2007 | 16:29 | Sachen kaufen | Vermutungen über die Welt

Scheinkaufsvergnügen


"Richtig besitzt man die Güter, wenn man auf sie verzichten kann." (Ingvar Kamprad)
Wir besitzen zu viel, weil wir zu viel kaufen, jeder weiss es, alle leiden darunter, aber keiner tut etwas dagegen. Keiner, ausser das sympathische Möbelhaus aus Schweden. Nur bei IKEA ziert das abgebildete Online-Not-Shopping-Icon die Mehrheit aller Produkte, nur bei IKEA erfährt man beim Klick auf "Verfügbarkeit prüfen", dass das abgebildete, online nicht bestellbare Produkt in keiner IKEA-Filiale der Welt erhältlich ist. Das gilt insbesondere für alle Produkte in grüner Farbe, die ausschliesslich im Printkatalog existieren. Dieses schöne System resultiert aus der Einsicht, dass das eigentliche IKEA-Glück im besitzwunschlosen Durchblättern des Katalogs und Ausmalen eines neuen, weil neu möblierten Lebens liegt. Der eigentliche Besuch einer IKEA-Filiale ist, wie jeder weiss, eine vulgäre Tortur und das Leben hinterher noch das gleiche alte unaufgeräumte wie vorher, nur um eine Kilopackung Haferkekse bereichert. Das IKEA-Scheinkaufsvergnügen dagegen gewährleistet, dass der Kunde nur die positiven Seiten des IKEA-Erlebnisses geniesst, ohne seine Lebenszeit mit Schlangestehen zu vergeuden oder die wertvollen Quadratmeter seiner Wohnung mit belastenden Couch- und Beistelltischen anzufüllen. Denn das schönste Zuhause der Welt ist immer noch der eigene Kopf.


15.09.2007 | 00:31 | Berlin | Fakten und Figuren

Warten auf Girugämesch

Zu einem beinahe tumultuarischen Menschenauflauf kam es gestern am späten Nachmittag nicht nur auf Schloss Meseberg, das für drei Stunden dem Peuble offen stand, sondern zeitgleich auch in der Berliner Torstrasse vor dem Neo Tokyo. Grund bzw. Auslöser für den Andrang durchweg dunkel ge-, teilweise mit Häschenohren und Mundschutz verkleideter, vorwiegend weiblicher Teenager war eine Signierstunde der japanischen Visual Kei-Band Girugämesch angelegentlich ihres neuen Albums 13'S Reborn. Was klingt wie der verunglückte Versuch, den Titel des Gilgamesch-Epos ins Japanische zu übertragen, ist allem Anschein nach das nächste grosse Ding nach Dir en Grey. Tatsächlich markiert Girugämesch eine spannende Spielart innerhalb des Visual Kei, die man wohl am ehesten als "Visual Dark Cool" bezeichnen könnte – ergo auch die Mundschutze. In ein paar Jahren werden wir uns alle nolens volens mit diesen subtilen Verästelungen innerhalb der japanischen Populärkultur auskennen, wenn das Phänomen auch hierzulande grösser sein wird als Techno und Harry Potter zusammen. Wovon wir immer noch und mehr denn je überzeugt sind.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Blut und Kulleraugen


14.09.2007 | 02:23 | Berlin | Papierrascheln

Drive-Thru Literaturzirkel

Literatur, ein schreckliches Zeug, man kann sie so wenig in den Griff bekommen, wie man alle YouTube-Videos weggucken oder alle Häuser der Welt mit Kugelschreiber blau anmalen könnte. Arno Schmidt hat das genaue Ausmass des Problems schon mal für uns ausgerechnet: "Sagen wir, durchschnittlich alle 5 Tage 1 neues Buch – dann ergibt sich der erschreckende Umstand, dass man im Laufe des Lebens nur 3000 Bücher zu lesen vermag! Und selbst wenn man nur 3 Tage für eines benötigte, wären's immer erst arme 5000. Da sollte es doch wahrlich, bei Erwägung der Tatsache, dass es bereits zwischen 10 und 20 Millionen verschiedener Bücher auf unserem Erdrund gibt, sorgfältig auswählen heissen."

Sorgfältig auswählen – oder sich eben ein bisschen mehr beeilen. Der Drive-Thru Literaturzirkel der Riesenmaschine wird sich am Dienstag, 25.9. um Punkt 18:00 vor dem Dussmann-Eingang zusammenfinden. Die Teilnehmer begeben sich dann selbstständig zu den Belletristikregalen, wo sie fünf Minuten Zeit haben, ein paar Seiten in einem ungelesenen Buch ihrer Wahl zu studieren. Wir empfehlen, zunächst ein Werk eines bisher nur vom Hörensagen bekannten Autors zu wählen; mit Zweitwerken können sich Fortgeschrittene befassen, die bereits je ein Buch aller existierenden Autoren in der Hand hatten. Nach Ablauf der fünf Minuten trifft sich der Literaturzirkel im benachbarten Starbucks, wo zehn Minuten bei Getränken über das Gelesene diskutiert wird. Exakt um 18:30 geht der Literaturzirkel klüger und belesener wieder auseinander. Das Ganze wird (an Folgeterminen) entweder so oft wiederholt, bis die Weltliteratur bewältigt ist, oder vorzeitig abgebrochen. Eine vorherige Anmeldung ist nicht erforderlich.


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"Monsters vs. Aliens", Rob Letterman/Conrad Vernon (2009)

Plus: 1, 8, 49, 80, 93, 125, 126
Minus: 10
Gesamt: 6 Punkte


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