Riesenmaschine

13.09.2007 | 02:02 | Nachtleuchtendes | Essen und Essenzielles

Nieder die Tassen!


Das kleine Frühstück "Wuppertal"
Wenn Rauchen und Kaffee trinken gut sind, wie gut muss dann erst Rauchen und Kaffeetrinken in Geschirrunion sein! Solche oder ähnlich schwungvolle Gedanken muss der russische Produktdesigner Alexander Lyapunov in sich getragen haben, als er sein Amalgam aus Aschenbecher und Untertasse ersann und hiermit eine Win-Win-Win-Situation entstehen liess: bei innenliegender, illuminierter Zigarette (optionales Zubehör) bleibt der Kaffee heiss, die hässliche Asche unsichtbar – und auf dem bekanntermassen kleinen, runden Existenzialistenfrühstückstisch ist endlich Platz für die Gesamtausgabe von Camus' Tagebüchern.


12.09.2007 | 15:57 | Anderswo | Supertiere

Der letzte Beetle


Ruhm macht einsam, bisweilen tot.
(Foto: chidorian) (Lizenz)
Die Geschichte des hybriden Karten-Arcade-Spiel Mushiking ist schnell erzählt: Die Elfe Popo und der Hirschkäfer Mushiking müssen den Wald vor anderen bösen Schrötern bewahren. Es kommt zum Showdown Käfer gegen Käfer.

Den Namen der Protagonisten nach zu urteilen ist die internationale Vermarktung des Spieles noch nicht angedacht. Dabei sind die weltweiten Auswirkungen schon überall zu spüren: Hirschkäfer und ihre Verwandten sind bei Kindern in Japan mittlererweile begehrte Haustiere geworden; sie werden in Anatolien gesammelt und von deutschen Mittelsmännern nach Japan verschifft, wie uns die Times berichtet. (Glücklicherweise werden die Mittelsmänner aus dem Geschäft gedrängt). Die Sammelwut bekommt den Käfer-Populationen in der Türkei schlecht. Mit imaginären Feen ist in Japan natürlich auch kein Stich zu machen.

Obschon es niemanden überraschen sollte, dass es populären Videospielhelden an den realen Kragen geht: die blauhaarigen Igel, praktisch alle Pokemons und Klempner sind in freier Wildbahn bereits ausgestorben.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Die Spiele der Grillen


12.09.2007 | 04:17 | Berlin | Was fehlt | Fakten und Figuren

Riesenwelten


Neben der Fernbedienung steht übrigens eine 1,25-Liter-Flasche. Ja, 1,25 Liter, verrückte Welt.
Es war das Jahr 1988, als Nintendo in Super Mario Bros 3 für das Super Famicom eine Vision schuf: In Level 4, Big Island, befand sich Mario plötzlich in einer Welt, in der alles riesig gross war, ausser er selbst (eine Umkehrung dieses Motivs findet sich dann im 2006er-Retro-Spiel New Super Mario Bros für das Nintendo DS). Das hatte die Welt fast noch nie gesehen und damit war eines endlich klar: Die bestmöglichste aller denkbaren Welten kann nur eine enorm vergrösserte sein.

Es dauerte nur ein Jahr, da hatte dieser Traum bereits Einzug ins Blockbuster-Kino gefunden, doch mit der konkreten Umsetzung tun sich die Menschen bis heute schwer. So kleidete man in der Arena auf Schalke und im Rostocker Ostseestadion eine Zeit lang die Wände, die die tiefergelegte Spielfläche umgaben, so mit Werbung aus, dass der Zuschauer den Eindruck hatte, es handele sich um die klassischen Fussballwerbebanden. Die Spieler waren aber bloss halb so gross wie die vermeintlichen Banden und wirkten also wie Zwerge – eine fast perfekte Illusion, doch dummerweise hatte man den Ball und die Tore vergessen, die nicht massstabsgetreu mitvergrössert wurden. Auch vereinzelte lobenswerte Aktionen wie das überlebensgrosse Auto-Modellbauset inkl. vergrösserter Klebstoffflasche oder die Riesenlegofiguren, nachgebaut aus Legosteinen verpufften ohne Wirkung.

Aus Berlin werden nun die beiden jüngsten Versuche gemeldet: Vor der Schrippenkirche in der Ackerstrasse steht seit Ende August eine gigantische Riesenschrippe (s. ganz oben), die sich bei genauerem Hinsehen allerdings als Kunstaktion von Michael Spengler entpuppt und durch ihre isolierte Stellung im Strassenbild nur mässig den gewünschten Effekt erzielt. Viel besser ist da die Riesenfernbedienung, die vergangene Woche im Rahmen einer Verkaufsaktion bei Plus angeboten wurde: So, hofft der Betrachter, sieht die Welt von morgen aus. Und träumt weiter von einem Maximundus-Themenpark, wo man durch die bizarren Welten von gigantisch vergrösserten Küchentischen wandern, die Tiefen fremder Hosentaschen erkunden und einen kilometerhohen Schreibtischmüllberg besteigen kann.


11.09.2007 | 18:10 | Alles wird schlechter | Sachen anziehen

Risikosportart Gummischuh


Sommertrend 2008: Schuppen und Krallen
(Foto, Lizenz)
Der Sommer ist nahezu vorbei; was bleibt anderes übrig, als Bilanz zu ziehen, nach fünf Monaten im Banne des Sommertrends Gummischuh. Es fing damit an, dass Kathrin Passig im April aus freien Stücken erfand, bald würden die Menschen mehrere Crocs auf einmal tragen, so massiv würden sie über uns hereinbrechen. Natürlich ging der widerliche und gewissenlose Wunsch in Erfüllung, wie es in der Prophezeihung stand. Vollkommen unerwartet jedoch das vernichtende Ausmass des Debakels in Folge der löchrigen Fussgummierung: Erst grosse Panik wegen elektrostatischer Aufladung, bis hin zum Versagen von lebensnotwendigem Equipment. Dazu ernstzunehmende Hinweise auf Wolken aus Blitzen, hervorgerufen durch nur scheinbar unschuldige Kautschukpantinen. Im selben Atemzug Warnungen vor dem Fallenlassen von scharfen Alltagsgegenständen wie Skalpellen und Infusionsnadeln, was da alles passieren kann, hat man ein Loch im Schuhwerk! Und schliesslich, selbstverständlich aus dem fortschrittlichen Japan, die ultimative, allerletzte Warnung vor einer Wiederholung des Croc-Sommers: 40 Fälle (vierzig!) von Japanern, die wegen ihres Schuh-Geschmacks versehentlich mit dem Fuss in Aufzugtüren steckenblieben. Vierzig mal Leid, Pein und Elend untenrum. Vierzig japanische Katastrophen, die nicht hätten sein müssen. Be warned.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Es wird ein extremer Sommer


11.09.2007 | 09:46 | Supertiere | Zeichen und Wunder

Wabi Sabi Spinne Auto


Mit etwas gutem Willen ist das Spinnennetz durchaus zu erkennen, jede Unterstellung, ich würde ein verkapptes Selbstportrait in die Riesenmaschine einschleusen wollen, muss also als an den Haaren herbeigezogen betrachtet werden.
Weshalb mein Automobil, ein goldener Mercedes 230 CE, '89er Baujahr, natürlich Automatik, alles andere ist scheinbeschäftigtes Gepose, fast ein Jahr herumstand, kann man hier nachhören. In dieser Zeit fand es neue Liebhaber, und jetzt, da ich wieder mit dem Auto herumfahre, teilen wir es uns zu dritt: zwei unsichtbare Spinnen wohnen jeweils in den Seitenspiegeln. Mittags, wenn ich zum Auto gehe, um zum Arbeiten in ein Café zu fahren, haben die Spinnen rechts und links Netze gesponnen, die vom Rückspiegel bis an den Türkorpus, manchmal sogar bis an die nicht vorhandene B-Säule reichen.

Es zeigt sich, dass Tier, Ding und Mensch eine nennen wir es Symtriose eingehen können, die zu dreierseitigem Nutzen ist. Das Tier profitiert technisch, weil die Netze im Fahrtwind nur in der Hälfte der Fälle kaputt gehen. Ansonsten werden in zehn Minuten Fahrt mehr Luft und Insektengetier durch das Netz getrieben als in hundert Jahren Windgetöse. Das Ding hingegen profitiert ästhetisch, weil es sein durch vieltausendeuroteure Reparaturen ramponiertes Image aufbessern und sein über die Jahre durchaus klobiger scheinendes Äusseres mit filigranen fliegenden Bauten aufpeppen kann. Der Mensch zum Schluss profitiert feinstofflich, weil er mit dem Spinnennetz der verborgenen Spinne am Rückspiegel endlich das Konzept Wabi Sabi versteht und fortan Gelassenheit und Frohsinn seine Lippen umspielen, wenn er im Strassenverkehr zum Fluche ansetzt.


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*  SO GEHT'S:

- Regen von oben

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- Regen von der Seite

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"Excision", Richard Bates Jr. (2012)

Plus: 3, 9, 12, 33, 37, 72, 132
Minus: 1, 7, 42
Gesamt: 4 Punkte


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