Riesenmaschine

19.03.2008 | 18:16 | Anderswo | Alles wird besser

Die letzten Antioasen


Zukunft (typähnlich)
Foto, Lizenz
Seit dem letzten Wochenende sind Buchmessen keine Orte ohne kostenloses Internet mehr. Aber der Kampf gegen die letzten Wüsten des Erdballs geht weiter. Busse, für drahtloses Netz in etwa das, was die Atacama für das Wasser ist, werden in Schottland und anderen Orten des Vereinigten Königreichs seit neuestem mit Internet ausgerüstet, nicht nur kostenlos, sondern auch vollkommen umsonst. Nicht mal bezahlen muss man dafür. Damit liegt Grossbritannien gleichauf mit Kalifornien (und Estland), im ewigen Wettrennen um das Fortschreiten des Fortschritts. Schon bald werden wir hier auch einen steinalten Vietnamveteranen zum Präsidenten wählen!


18.03.2008 | 17:55 | Supertiere | Alles wird besser | Fakten und Figuren

Ein sehr grosser Hund

Für den Fall, dass einem bei einer friedlichen Waldspazur ein nicht unelegant staksender, halsloser Doppelpaarhufer begegnet, der auf Hindernisse, Fusstritte und Glatteis bestenfalls stoisch reagiert und direkt aus der hochgradig sinistren Monsterkaderschmiede von Doom I zu stammen scheint, so muss es sich bei dieser Erscheinung nicht unbedingt um eine lysergsaure handeln. Es könnte auch der "Big Dog" des Unternehmens Boston Dynamics sein. Dem geneigten Wanderer wird dringend empfohlen, das Geist-/Maschinenwesen seines Weges ziehen zu lassen. Es interessiert sich eh nicht für einen. Wenn, dann höchstens als Hindernisüberwindungsübung.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Das vierte Gesetz


18.03.2008 | 13:59 | Sachen kaufen | Essen und Essenzielles

Runde Dinger


Unique and beautiful (Foto: joeshlabotnik) (Lizenz)
Für diejenigen, die es noch nicht mitbekommen haben: Die Krümmung der Banane lässt sich durch die Fruchtstände und das Wachsen der Früchte zur Sonne hin leicht erklären. Seit letzten Freitag sind wir aber noch schlauer und wissen auch, warum die Tomate rund ist. Eine Bande von Forschern aus Ohio berichtet, dass sie ein Rider-Retrotransposon erwischt haben, das das so genannte SUN-Gen einfach noch einmal in das Tomatengenom kopiert hatte; die betroffenen Tomaten wurden zu länglichen Früchten, kamen vom runden Pfad der Tugend ab und landeten alsbald in Gewächshäusern der alten Welt.

Erstaunlich, wie weit die Inhaltsindustrie die Propaganda vom geistigen Eigentum getrieben hat: Jetzt wird man schon beim Essen von Tomaten daran erinnert, dass Kopieren sich nicht auszahlen soll. Als williges Helferlei derselben erhob das Wissenschaftsmagazin Science die Studie auf ihre Titelseite. Die Geschichte vom ungezügelter Weitergabe von Informationen unter Bakterien in derselben Ausgabe hingegen wird jedoch nur unter ferner liefen geführt. Dabei hätte man die Visualisierung von horizontalem Gentransfer bei Bakterien mit nur wenig journalistischer Fantasie locker als Bakterienpornographie vermarkten können und sicher weitaus mehr Leser am Bahnhofskiosk gezogen. Die wunderbaren Geschichten und Filme von F-Pili und all den anderen schmutzigen Genübergabevorrichtungen sind jedoch nur hinter den Paywalls des Magazins zu bestaunen. Aber so ist das halt mit der interessanten Pornographie im Internet.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Die verkrepelten Pfirsiche von Askaban

Roland Krause | Dauerhafter Link


18.03.2008 | 01:25 | Nachtleuchtendes | Alles wird besser

Eine Uhr, sie zu einen


Screenshot: Ironic Sans
Im ersten Vorwort seines letzten grösseren Werks "Zeitverschwendung" bezeichnete der famose Wissenschaftsphilosoph Paul Feyerabend die Sonnenuhr als Sinnbild für "die wechselhafte, perspektivabhängige Natur der wissenschaftlichen Messung". Ein scheinbar harmloser Nebensatz – in Wirklichkeit ein spätes, eher unfeines Nachtreten gegen seinen Lehrer Karl Popper. Dieser hatte in verschiedenen Aufsätzen und Briefen das Bild der Sonnenuhr benutzt, um zu veranschaulichen, wie einfach und unmittelbar eine nachzuvollziehende Messung an der Natur selbst stattfinden kann. In Vorlesungen in Berkeley verspottete Feyerabend Popper als "Sonnenuhrwissenschaftler", der bei wolkenverhangenem Himmel seine Arbeit einstellen müsse, weil seine Methoden offensichtlich nicht funktionierten. Popper, in der Sache oft aggressiv, stänkerte indirekt zurück, indem er dem Schüler eine Sonnenuhr zustellen liess mit der Bemerkung, er möge sie ruhig "nachts mit einer Stehlampe benutzen", seine Einstellung zur Wissenschaft lasse das sicherlich zu.

Jetzt, vierzehn Jahre nach dem Tod beider, ist ein Ende des Streits in Sicht: eine Sonnenuhr, die auch nachts funktioniert und sich von der schlichten Naturbeobachtung und -messung erkennbar gelöst hat. Im Blog "Ironic Sans" mit dem schönen, wissenschaftsaffinen Untertitel "It seemed like a good idea on paper" wurde die abgebildetet Idee vorgestellt: drei rotierende Lampen werfen jeweils den stunden-, minuten- und sekundenanzeigenden Schatten. Wie schön, dass ausgerechnet das erste bekannte wissenschaftliche Messinstrument in seiner neuzeitlich-künstlichen Verbrämung – die noch dazu nur im Halbdunkel funktioniert – Popper und Feyerabend versöhnt.


17.03.2008 | 13:11 | Supertiere | Vermutungen über die Welt

Bilderbuchkrankheit


Kameshaku: Besitzt Schutzhut

Umakan: Mag Hitze, besonders obenrum
Krankheit, der Film noir unter den sonst rotwangigen Lebensphasen, hat meistens Ursachen, die sich dem Blick des Normalsterblichen entziehen. Nun will natürlich niemand selbst schuld sein an seiner Misere, wäre ja noch schöner. Die Lösung, nämlich ganz kleine und wehrlose Sündenböcke der Vergiftung und Zersetzung zu bezichtigen, gelang erst Louis Pasteur zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Reichlich spät, Menschen wurden schliesslich auch viel früher schon krank, selbst in Ostasien.

Doch: In chinesisch-japanischer Kollaboration hatte man die Erkenntnisse der keimignoranten Europäer schon dreihundert Jahre früher vorweggenommen. Unter dem mit üblen Assoziationen belegten Titel Harikikigaki und mit kawaiilastigen Illustrationen entstand eine überzeugend und charmant gebrandete Mikrobenmenagerie. Die hundert Jahre danach vom Niederländer Antoni van Leeuvenhoek tatsächlich entdeckten sogenannten animalcules versprühen dagegen aus Sicht des Marketing den Esprit einer schimmligen Pflaume und wurden folglich als harmlos abgetan.

Insgesamt 63 Kreaturen schöpfen den Kessel der psychischen und somatischen Pein indes voll aus. Sie stossen wie Kanshaku aus der Leber wild in Richtung Brusthöhle, oder berichten, wie der fiese Gyochu, dem Herrscher der Unterwelt von Missetaten des Wirtes, (jedenfalls gemäss pinktentacle). Solch gewieftes Charakterdesign nimmt das einstige Riesending namens Pokémon komplett vorweg, und woher die Erfinder der notorischen Kuscheltiermikroben ihre Ideen hatten, wissen wir jetzt auch endlich.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Die drei Plüschtiere der Apokalypse

Jan-Christoph Deinert | Dauerhafter Link


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