Riesenmaschine

10.06.2008 | 11:40 | Alles wird besser | Was fehlt

Egal gibt's wieder

"Was ist das grösste Problem in Deutschland: Unwissenheit oder Gleichgültigkeit?" – "Weiss ich nicht. Ist mir aber auch egal." So geht ein alter Witz und wie in allen alten Witzen steckt natürlich auch in diesem kein Fünkchen Wahrheit. In Wirklichkeit hat Gleichgültigkeit nicht das Geringste mit Unwissen zu tun, es handelt sich dabei viel eher um eine höhere Entwicklungsstufe des Wissens, vergleichbar mit dem Pokémon Enteron, der höheren Entwicklungsstufe von Enton. Als Faustregel gilt: Wer viel weiss, dem ist auch viel egal.

Vorbildlich daher alle Internetabstimmungen, die "Ist mir egal" als Antwort zulassen und der oft verkannten Egalität zu ihrem Recht verhelfen. Wenn wir jetzt bei der nächsten Bundestagswahl auf dem Stimmzettel auch "Ist mir egal, ich will nur, dass es mir besser geht" ankreuzen können und Anne Will am nächsten Sonntag ihren Gast Guido Westerwelle mit den Worten vorstellt "Steuerpolitik ist ihm eigentlich egal, er will nur so gern ins Fernsehen", ja, dann würde uns das freuen. Ach nein, stimmt nicht. Es wäre uns egal.


09.06.2008 | 13:21 | Supertiere | Sachen kaufen

Vage Therapie


Die Verbindung von Computerspielen und Clearsil bei Amazon ist auch anderswo notiert worden.
Seit der Entdeckung der Bakteriophagen – den Viren der kleinen Mikroben – vor über 90 Jahren hofft man auf deren Nutzung in der Therapie von bakteriellen Infektionen. Eigentlich sollten wir die Phagentherapie längst täglich praktizieren, während uns das Hoverauto ins papierlose Büro teleportiert, oder wenigstens ab morgen dann.

Die Idee ist wirklich gut: Jeder Typ Phagen attackiert nur einzelne Baketerienspezies, man könnte also nur die bösen Keime im Körper erledigen und den Rest der Mitbewohner am Leben lassen. Leider lässt sich die Phagentherapie hauptsächlich dann erfolgreich anwenden, wenn die Infektion direkt zu erreichen ist, und war hat heute noch Interesse an offenen, infizierten Wunden?

Nach all den Jahren berichtet nun der Short Sharp Scientist, dass dem Mikrobiologen Michael Davis die Infektionen in den Gesichtern junger Menschen – vulgo Akne – aufgefallen sind und er sich fortan ihrer Heilung verschrieben hat. Pubertierende geben ja bereits ihr sauer auf dem Schulhof abgezocktes Taschengeld für Gesichtswasser aus, für Designer-Viren sollte man doch da offen sein. Wir prognostizieren schon mal Werbung für Viren in Computerspielen, die gemeinsamen Verkäufe bei Amazon (im Bild) sprechen die deutliche Sprache des Marktes.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Der Feind im Kleinen


07.06.2008 | 10:14 | Anderswo | Sachen kaufen

Das neue It-Bag

Für diese Saison reichlich spät zeichnet sich nun doch noch das ultimative It-Bag des Sommers ab. Es kommt aus einer Richtung, die kein Insider aus der Fashionwelt auf dem Schirm hatte. Dabei hätte man es ahnen können. Hatte nicht Marc Jacobs im letzten Sommer die Cargo-Bag mit Migrationshintergrund aus den Slums und Flüchtlingslagern der Dritten Welt bzw. den herausgeforderten Stadtvierteln des Westens auf den Laufsteg gezerrt? Hatte er. Ein Leichtes nun für einen Global Player wie IKEA, den Markt aufzurollen und durch die dezente Verkleinerung des Allzeit-Klassikers, der blauen IKEA-Tasche, das New-Ugly-Glamour-Segment zu entern. Im Testmarkt Schweiz ist die "kleine Blaue" bereits voll eingeschlagen. Am Paradeplatz tragen Bänkerinnen in Pumps und Prada darin in der Mittagspause ihre Laptops spazieren, am Belvue sieht man bored rich Teenagerinnen demonstrativ lasziv damit herumschlenkern. Lässig lässt sie sich zudem beim Dinner im Restaurant Rossi an die Stuhllehne knoten. Wenn uns nicht alles täuscht, dann kann den weltweiten Siegeszug dieses Kult-Bags in spe kaum noch etwas wirksam aufhalten.


06.06.2008 | 12:45 | Anderswo | Alles wird besser | Fakten und Figuren | Papierrascheln

Verpasste Riesenmaschinenchance


So macht sich Peking die Welt gefügig
Nur ein paar schale Kaurimuschel-Witze war unseren Lesern die Prophezeiung vor knapp zwei Jahren wert, Afrika sei das nächste grosse Ding, weil China dort im grossen Stil investiere. Und natürlich folgte niemand unserer Aufforderung, sich sofort nach Mombasa aufzumachen, um dort Equity-Kisuaheli zu lernen; wir haben den ganzen Kontinent per Google Earth abgesucht und ihn auf Riesenmaschinenleser überprüft. Zu Hause zu bleiben allerdings war ein grosser Fehler, denn inzwischen beginnt sich Afrikas Aufschwung noch deutlicher abzuzeichnen. In den vergangenen sechs Jahren, so schreibt der Wirtschaftsjournalist Frank Sieren in seinem neuen Bestseller Der China Schock. Wie Peking sich die Welt gefügig macht, war das gesamtafrikanische Wirtschaftswachstum höher als fünf Prozent. Einzelne Volkswirtschaften wie die Angolas sind in den letzten Jahren sogar jährlich um 15 Prozent gewachsen. Auch Sieren meint, Afrika boome, weil sich die Chinesen dort in hohem Masse engagierten. "Die Europäer" allerdings, so stellt er fest, "haben den Aufstieg Afrikas durch China verschlafen."

Weshalb das so ist, das erklärt sich und uns Allan Green, ein britischer Geschäftsmann in der Blüte seiner Siebziger, den Sieren in der nigerianischen Grossstadt Lagos trifft: "Ich rate den jungen Leuten in Europa immer wieder, ihr sollt nach Afrika gehen.... Dort habt ihr alle Möglichkeiten. Sie haben diesen Unternehmergeist verloren. Das Leben hat sie verwöhnt. Sie können einfach für eine Internet-Firma arbeiten, in Chicago, London oder sonst wo. Sie gehen nirgendwo mehr hin." Das ist jetzt mal ziemlich stramm dahinbehauptet. Es gibt allerdings ein paar stichhaltige Beweise für Greens These. Der beste sind Sie, denn Sie verschwenden offensichtlich ihr Leben auch nur damit, im Internet zu surfen, um Texte von Leuten zu lesen, die für Internet-Firmen in Europa arbeiten, statt endlich einmal auszuwandern und ein bisschen Geld zu verdienen. Jetzt machen Sie doch einfach mal.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Equity-Kisuaheli in Mombasa

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (5)


05.06.2008 | 12:03 | Sachen kaufen | Essen und Essenzielles

Überraschungsei


So frühstückt man im Turbokapitalismus
Eine der wichtigsten Quellen der Allgemeinbildung der heute 25- bis 45jährigen ist der klassische Kanon der Lucasfilm-Adventures: Hier lernte man u.a., dass man Zeitmaschinen nicht mit falschen Diamanten betreiben sollte (Day of the Tentacle), wie man an Trollen vorbeikommt (Monkey Island), was man alles für eine Voodoopuppe braucht (Monkey Island II) und dass man gewisse Dinge nicht in Mikrowellen stecken sollte, nämlich Hamster (Maniac Mansion) und Eier (Zak McKracken). 20 Jahre nach Zak McKracken ist dieses Wissen jedoch hinfällig, denn mit dem Turbo-Ei für die Mikrowelle vom Onlineshop arktis.de, einer unscheinbaren Hülle aus Irgendwas, kann man in weniger als einer halben Minute sein Ei, nun, kaum zu glauben, aber, ja, man kann es tatsächlich in der Mikrowelle kochen. Ein weiterer wichtiger Schritt zur schon lange und mehrfach von uns geforderten Abschaffung der Küche.

Fast noch bemerkenswerter als das Ei ist allerdings die Rubrik "Unser Kommentar" am unteren Seitenrand. Dort steht: "Es funktioniert tatsächlich. Ich bin völlig begeistert!" (Rainer Wolf, Arktis Geschäftsführung). Soso. Sollte man daraus etwa schliessen, dass das bei den anderen Produkten von arktis.de nicht der Fall ist? Dass all die R2D2-Mülleimer, LED-Eiswürfel, Modellhelikopter und Mückenstichvernichter gar nicht einsatzfähig sind? Tragisch – aber sofern der sehnsüchtig erwartete "Turbo-Hamster für die Mikrowelle" funktioniert, können wir es verschmerzen.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Ich weiss es nicht, ich bin kein Huhn


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