Riesenmaschine

23.09.2008 | 05:22 | Anderswo | Nachtleuchtendes | Alles wird besser

Rauchende Japaner

Wie Riesenmaschinekorrespondent Christian Y. Schmidt kürzlich hier erzählte, werden die Raucher in Hongkong hart an die Kandare genommen. In Japan ist es ähnlich. Einerseits kann man zwar nach wie vor in Bars und Restaurants kräftig qualmen. Ein Verbot wäre auch widersinnig, weil die beliebten Yakitorilokale sowieso schon dermassen russig und verraucht sind, dass es so aussieht, als rauchten die Raucher gegen den Rauch an. Vielleicht ist ihnen das so peinlich, dass man jetzt zum Ausgleich auf den Strassen ein generelles Rauchverbot erlassen hat. Verbotsschilder stehen an allen Ecken. Aus dem Automaten kann man Zigaretten nur noch mit einem Taspo ziehen, einem Raucherpass. Manche haben sogar einen Erwachsenen-Erkennungsknopf, der muss gedrückt werden, dann fotografiert der Automat den Kunden und schätzt sein Alter anhand der Falten und Tränensäcke. Ist der Kunde klar über 20, gibt der Automat die Zigaretten heraus. Im Zweifelsfall verlangt er einen Ausweis, den die Kamera auch lesen kann. Und weil die Japaner so gerne und so emsig tüfteln, haben sie jetzt einen neuen Trend erfunden. Nachdem alles immer leichter geworden ist, Joghurt wie Zigaretten, und nicht noch leichter werden kann bzw. in Kanada sogar verboten wird, hat nun der japanische Marlboroableger eine extrastarke Mentholzigarette auf den Markt geworfen. Es wird beworben mit einem grossen schwarzen Pferd, vielleicht eine versteckte Botschaft auf die Schädlichkeit des inhalierten Teers? Schliesslich sind ja schwarze Pferde so ziemlich das Schädlichste, was man rauchen kann.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: No smoking in hell


19.09.2008 | 03:54 | Anderswo | Alles wird besser | Essen und Essenzielles

Crowdsource the disco


Die neue längste Theke der Welt (Foto, Lizenz)
Provinz- und Grossraumdiskotheken waren immer schon Horte des besinnungslosen Fortschritts. Seit Jahren werden die Getränke dort vollkommen elektronisch mit ausgegebenen Chip- oder Magnetkarten bezahlt, und an den Kassen akzeptiert man auch EC-Karten. Die Verbannung des Kleingelds, ein uralter Traum der Menschheit, ist zwischen den Themenräumen Discostadl und Rittersaal längst Realität. Im Agostea Koblenz hat man beispielsweise den Gedanken der Automatisierung völlig verinnerlicht. Nicht nur, dass die Chipkarten hier beim Eintritt durch ein hochkompliziertes visuelles Aufnahmeverfahren mit einem Bild des Gastes versehen werden, um Missbrauch vorzubeugen. Es wurden auch, vorerst als Ergänzung zur Theke, Getränkeautomaten aufgestellt, die kalte Softdrinks und Bier zu vergünstigten Preisen bereithalten. Informanten berichten, dass sich Ähnliches anderswo schon viel länger beobachten lässt, aber das lässt es sich ja immer.

Die Einführung von Getränkeautomaten in Clubs steht dem Geschäftsmodell der Tanz-Gastronomie jedenfalls nur auf den ersten Blick diametral gegenüber. In Wirklichkeit ist damit der Grundstein gelegt, um endlich auch hier das Prinzip des Crowdsourcing durchsetzen zu können: In Zukunft werden Diskotheken alle Bars abschaffen und nur noch Getränkeautomaten aufstellen. Kostspielige DJs werden ersetzt durch die Möglichkeit für Gäste, eigene CDs mitzubringen, für die Lichteffekte hat einfach jeder eine bunte Taschenlampe dabei und den Strom macht man auch selbst. Morgens früh räumen dann alle zusammen auf und putzen die Klos. Das alles zu "vergünstigten Eintrittspreisen"! Wer würde da nicht gerne in der Provinz oder im Grossraum wohnen?


17.09.2008 | 07:15 | Anderswo | Essen und Essenzielles | Papierrascheln

Fruchtig, frisch und urgesund

Man kann heute nicht mehr alles so dahinbehaupten, selbst im Fachgewerbe für gezieltes Dahinbehaupten, dem Marketing. Vor allem auf dem Feld der Gesundheitsbehauptungen schauen Verbraucherschützer in letzter Zeit ganz besonders genau hin, ein Zeichen dafür ist die seit Juli 2007 gültige EU-Verordnung zu nährwert- und gesundheitsbezogenen Angaben von Lebensmitteln.

(Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Auf Herstellerseite gilt es nun, nach neuen Wegen zu suchen. So wird derzeit von einem uns nicht genauer bekannten Grosskonditor, der unter anderem das Café des Diakonie-Wohnstifts am Westerberg in Osnabrück beliefert, das Mittel der masslosen Übertreibung und Satire angetestet. Möglichen Klagen durch Verbraucherschutzverbände hofft man entgegensetzen zu können, dass die Behauptung, ein Sahneteilchen sei "urgesund", nun beim besten Willen nicht ernst gemeint sein könne. Sollte das durchkommen, ist es bis zum Musterprozess für Kunstfreiheit auf Warenetiketten dann nur noch ein kleiner Schritt.


15.09.2008 | 16:12 | Anderswo | Alles wird schlechter | Vermutungen über die Welt

No smoking in hell

Das allgemeine Rauchverbotbashing, das in Deutschland seit der Teil-Einführung des Rauchverbots in der Gastronomie betrieben wird, ist öde und überflüssig, und der Bruderschaft der Raucher, die sich über Nacht im Widerstand formierte, möchte man kein Bruder sein, auch als Raucher. Ein Rauchverbot in Gaststätten, Kneipen und an ähnlichen Örtlichkeiten ist zu begrüssen, denn es nützt nicht nur den Nichtrauchern, sondern auch den Rauchern, einfach weil sie weniger rauchen. Rauchen ist nämlich kein Spass oder gar Genuss, sondern ein üble, ungesunde Sucht; das weiss eigentlich jeder langjährige Raucher. Allerdings sind Rauchverbotsfanatiker erst recht unangenehme Menschen. Und in Hongkong treiben sie es zu weit. Nicht nur in öffentlichen Parks und an allen Stränden darf man seit einigen Jahren nicht mehr rauchen, sondern auch an öffentlichen Barbecue-Plätzen in der Natur, wie hier direkt neben dem Hap Mun-Strand auf der entlegenen und unbewohnten Kiu Tsui-Insel. Dort wo sich Schwaden glimmender Holzkohle mit denen von Kerosin und Paraffin der Grillanzünder mischen, dazu der Odeur von verkohltem Schweinebauchfleisch, können wohl selbst verqualmte Stangen amerikanischer Marlboro, chinesischer Panda oder koreanischer Esse kaum schaden. Als Nächstes darf man dann auch im Krematorium nicht mehr rauchen, auch post mortem, versteht sich. Und wohin dann mit den Leichen?

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (14)


10.09.2008 | 02:16 | Was fehlt | Papierrascheln | Vermutungen über die Welt

Das Internet ist zum Vergessen da


Irgendwas bleibt immer zurück. (Foto / Lizenz)
Das Schönste am neuen Google-Browser Chrome ist nicht die lustige Figur mit Schlapphut, Sonnenbrille und hochgeklappten Mantelkragen, die erscheint, wenn man ein Inkognito-Fenster öffnet, und auch nicht der Hinweis, dass trotz Inkognito-Fenster Vorsicht geboten sei bei "Überwachung durch Ermittlungsbehörden" und "Personen, die hinter Ihnen stehen". Das Schönste am neuen Google-Browser Chrome ist das Fehlen einer vernünftigen Verwaltung der Bookmarks. Dass eine fehlt, behaupten jedenfalls die einschlägigen Medien. Nachprüfen lässt es sich nicht. Wie bitte sollte man sich auch eine vernünftige Verwaltung von Lesezeichen vorstellen?

Der kaum zu überschätzende Burkhard Müller schrieb vor einiger Zeit im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung den für alle Ewigkeiten gemachten Satz, Romane seien zum Vergessen da. "Man weilt bei ihnen zu Gast, und ein Besuch währt nicht ewig. Mitnehmen darf man den Anklang einer Atmosphäre, die Färbung eines abendlichen Gesprächs, die Erinnerung an das Lächeln der Gastgeberin. Aber das Tafelsilber einzustecken, ist roh und taktlos. Man soll nicht darauf beharren, nach zwanzig Jahren noch genau den Handlungsgang und die Namen der Hauptfiguren zu rekapitulieren. Es bleibt schon was zurück, keine Sorge, und zwar das Beste; doch lässt es sich in seinem Bestand keine Kontrollen gefallen."

Was für Romane gilt, gilt für das Internet natürlich allemal. Wer einmal anfängt, irgendwo Zettel und Notizen hinein zu machen, sei es in Bücher oder Browser, hat die Kapitulation vor der unübersichtlichen Quasiunendlichkeit des menschlichen Wissens schon so gut wie unterschrieben. Wer einmal anfängt, irgendwo Zettel und Notizen hinein zu machen, der kann das Lesen eigentlich gleich sein lassen. Er wird eh nie das Gefühl haben, das Richtige gelesen und sich daraus das Wichtigste gemerkt zu haben.

Wer hingegen darauf vertraut, dass das Beste schon zurückbleiben und dass alles Wichtige und Interessante einem so oft über den Weg laufen und winken wird, bis man darauf aufmerksam geworden ist, kann ohne grosse Angst weiterlesen. Er wird auf seinem Sterbebett vielleicht auch nicht das Wichtigste vom Richtigsten wissen, durfte dafür aber sein Leben lang bequem ohne Bleistift in der Hand lesen und konnte mit seinem Geld statt Notizzettel und Lesezeichenverwaltungssoftware der Liebsten schöne Geschenke kaufen. Irgendwann wird ihm auch ein Browser zur Seite stehen, der beherzigt, dass das Internet zum Vergessen da ist. Das Fehlen einer vernünftigen Lesezeichenverwaltung bei Chrome ist da nur ein Anfang. Bestimmt.


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