Riesenmaschine

08.09.2008 | 02:01 | Berlin | Supertiere | Sachen kaufen | Vermutungen über die Welt

Spitznasige Zielgruppen


Foto mit freundlicher Genehmigung von hcl.
Sehr spät, aber nun doch, hat die Werbeindustrie endlich den Maulwurf als Zielgruppe entdeckt: Dank seiner geringen Lebenserwartung (4 Jahre) ist er besonders konsumfreudig, denn langfristige Geldanlagen lohnen sich sowieso nicht. Er neigt zu Impulskäufen, will sich aber von opulent gestalteter Werbung und klangvollen Namen verführen lassen – starke, traditionsreiche Marken haben hier beste Chancen. Da die Mehrheit der Maulwürfe dem sozialen Milieu der erdverbundenen Traditionalisten angehört, zeitigen Internet- und auch Fernsehwerbung zu grosse Streuverluste, um sinnvoll eingesetzt werden zu können. Das Mittel der Wahl ist daher die klassische Aussenwerbung. Im Bild eine speziell angefertigte Litfasssäule nahe des Reichspietschufers in Berlin, mit Anzeigen für Nagelreiniger, Leselampen und Staubsauger.


05.09.2008 | 12:04 | Alles wird schlechter | Sachen kaufen

Playmobilienkrise


Eine Schildkröte im Computertomographen! (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)

Selbstentfremdung deluxe: Der Sklave freut sich über sein Dasein. (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Auf die Immobilienkrise folgt die Playmobilienkrise. Ein mittelmässiges Wortspiel, das sich aber angesichts der Neuheiten aus dem Playmobil-Katalog 2008/2009 kaum vermeiden lässt. Der fränkische Spielwarenhersteller setzt weiterhin auf eine verantwortungslose Schönfärberei der Welt, die selbst den dümmsten Kindern sauer aufstossen müsste wie zu viel Capri-Sonne.

Begonnen hatte die fatale Entwicklung hin zur kompletten Realitätsignoranz bekanntlich mit einem Krankenhaus voller lachender Menschen. Statt diese groteske Umdeutung der Welt im neuen Katalog mit dem Ergänzungsset "traurige Onkologie" zu korrigieren oder sich aktuellen Themen wie dem Klimawandel oder dem Kaukasuskonflikt zu stellen, lautet das Motto nun "Sprechstunde in der Tierklinik": Kühe, Esel und Ponys werden mit Pflastern und Verband versorgt, während in der echten Welt Menschen sterben. "In der Tierklinik geht's heut rund / Hier kommt ein verletzter Hund", heisst es naiv-aktionistisch in der zugehörigen Werbejingle. "Zur Behandlung kommt die Ärztin rein / Beim Röntgen sieht man sein gebrochenes Bein. / Jetzt noch schnell den Verband angelegt / Dann ist er schnell gesund gepflegt." Von den Tieren, die nicht mehr gesund werden, ist natürlich nicht die Rede.

Auch in der historischen Abteilung ist die Ausblendung aller negativen Seite der Geschichte virulent: eine Spielwelt Ägypten, schön und gut. Aber was denkt man bei Playmobil, wer die Pyramiden gebaut hat? Lachende Sklaven? Wohl kaum. Dass im Zubehörkatalog immer noch ein Set Konförderierten-Truppen angeboten wird, wirkt in diesem Zusammenhang besonders zynisch. Die echte Welt ist leider nicht so gut gelaunt und "von drei Seiten bespielbar" wie der Dachs- und Fuchsbau mit der Artikelnummer 4204, das weiss auch der kleinste Dreikäsehoch-Kunde. Playmobils Plan, ihn für dumm verkaufen zu wollen, wird nicht aufgehen.

Alle Hoffnungen ruhen jetzt auf dem kommenden Lego-Katalog. Erste Bilder, die im Internet aufgetaucht sind, verheissen jedoch nichts Gutes: Auch hier scheint sich der der Trend fortzusetzen, zum Preis von 170 Euro Modelle anzubieten, die so aussehen, wie das, was Volker Jahr mit sieben aus den Resten in der Legokiste selbst zusammengebaut hat. Kinderzimmer, quo vadis?


04.09.2008 | 17:54 | Anderswo | Was fehlt | Zeichen und Wunder

Gottes Bruder


Nein, diese Ähnlichkeit!
Wie Gott früher aussah, weiss praktisch jeder. Dagegen kennt eigentlich keiner das Antlitz von Wikipedia, dem Allwissenden von heute. Gut, dass wir jetzt zumindest ein Bild seines kleinen Bruders Wekipedia haben. Der ist offenbar CEO der Beijing Wekipedia Foods Co., Ltd., eine Bäckerei, die schon seit rund einem Jahr in Peking kleine und grössere Brötchen backt. Natürlich weiss das auch Gott, schliesslich ist er ja allwissend.

Grosszügigerweise hat er aber nichts dagegen, was sein kleiner Bruder da in China macht. Im Gegenteil, Wikipedia-Sprecherin Sandra Ordenez fand bereits im letzten Jahr "Wekipedia" in China "sehr lustig." Vielleicht ist das ja auch der eigentliche Grund, weshalb Wikipedia (mit leichten Einschränkungen) seit April diesen Jahres in China nicht mehr gesperrt ist, wie all die gottlosen Jahre zuvor. Grosszügigkeit bei Copyright- und Markennamensrecht zahlt sich eben aus. Vielleicht sollten dieses Gebot der Nächstenliebe auch deutsche Abmahnspezialisten zukünftig beherzigen.

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (5)


03.09.2008 | 16:32 | Berlin | Fakten und Figuren | In eigener Sache

Riesenmaschine plant ihren Herbstanfang


(Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Endlich ist September. Der Sommer geht irgendwo anders hin, die Menschen gehen wieder rein und erfreuen sich an ihren Space-Invaders-Tastaturen, dem Start der NFL-Saison und dem reichhaltigen Herbstauftaktkulturprogramm von Riesenmaschine und Partner: Am ungewohnten Donnerstagstermin laden morgen das Supatopcheckerbunny und seine Freunde zur 29. Berlin Bunny Lecture, es geht um "Alles über die Welt" und zu Gast sind Klaus Ungerer, Autor des gleichnamigen Buchs, Leonhard Horowski, Fil und Jens Friebe (20 Uhr/nbi). Rund einen Monat vor dem Erscheinungstermin ihres kommenden Weltbestsellers Dinge geregelt kriegen haben Sascha Lobo und Kathrin Passig schon mal das dazugehörige Blog gestartet, mit nützlichen Tipps, lediglich leicht verspätet eingestellten aktuellen Infos und besinnlichen Weisheiten für sinnvolles und erfülltes Prokrastinieren. Und wer tatsächlich in der Nacht von vergangenen Samstag auf vergangenen Sonntag etwas Besseres vorhatte, als Deutschlandradio Kultur zu hören: "Sie haben gewonnen!", das Magazin für Zuversichtliche und die vierte Folge unserer Radioreihe Folge 137, kann nun auch bequem als Podcast runtergeladen werden. Am 15. September erscheint dann übrigens noch das Buch Marke Eigenbau von Holm Friebe und Thomas Ramge – hier muss man schnell sein, denn die schönsten Cover-Farben werden schnell vergriffen sein. Was es damit auf sich hat, kann man schon mal hier sehen (umliegende Baustelle bitte noch nicht beachten!). Am 29. September gibt es dazu im Radialsystem die Buchpremiere mit Sprühaktion als letzte Option auf die eigene Lieblingsfarbe. Aber das ist nun wirklich Zukunftsmusik von morgen.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Riesenmaschine plant wieder eine Woche (muss ja)


02.09.2008 | 16:11 | Nachtleuchtendes | Papierrascheln | Effekte und Syndrome

Und man sieht nur die im Dunkeln werben


Im Licht sieht man sie dagegen fast nicht. (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Verständlicherweise richten sich die Begehrlichkeiten von Werbetreibenden, die das mediale Rauschen durchdringen wollen, verstärkt auf solche Sonderwerbeformen und -flächen, die bislang für marktschreierische Botschaften nicht zur Verfügung standen und ergo allein wegen des Neuigkeitswerts schon Aufmerksamkeit erzielen. Dazu zählt auch das Magazin-Cover, quasi die gute Stube eines jeden Heftes. Blattmacher sehen sich hier einem Trade-off, genauer gesagt: einem Zeitinkonsistenz-Problem gegenüber. Kurzfristig können sie sich den Tabubruch teuer bezahlen lassen und ihre Einnahmensituation maximieren. Mittelfristig brechen die Kioskverkäufe ein, weil niemand ein Heft mit Werbung auf dem Cover kaufen will, und ihre Aufmerksamkeitswährung rauscht in den Keller. Eine elegante Lösung für dieses Problem hat man beim deutschen Vice gefunden. Das Cover der aktuellen Ausgabe zieren zwei unverdächtige – wenngleich etwas uninspiriert wirkende – Eisbecher. Erst im Dunkeln erkennt man die Werbung für das neue Sony-Vaio-Notebook, die mit nachtleuchtender Fluoreszenzfarbe darüber gedruckt ist, dafür aber die Eisbecher nicht mehr. Die beiden semantischen Sphären überlagern sich, ohne sich dabei ins Gehege zu kommen! Dahinter schlummert auf den ersten Blick eine weiter reichende Kompromissformel, um nicht zu sagen: die Chance, des ästhetischen Problems der Werbung generell Herr zu werden.

Bei Tag könnte die Welt so werbefrei sein wie São Paulo; unbehelligt von lästigen Botschaften schritte man durchs Paradies der reinen Sachlichkeit. Das gesamte Werbeaufkommen wäre in die Nachtschiene verbannt: Leuchtreklame würde nachts die Städte bunt machen, Fernsehspots liefen ausschliesslich nach Mitternacht, wenn eh kein vernünftiger Mensch mehr fernsieht, Pop-up-Fenster und Banner würden nur sichtbar werden, nachdem der Screensaver anspringt. Kurz: Wir könnten den Werbekuchen verschmähen und ihn gleichzeitig haben.

Bei näherer Betrachtung hat die Sache jedoch einen Haken. In dem Moment, wo Werbung wie die Geister der Untoten unterm Bett hervorglimmt, sich alsbald per Neuronenschnittstelle in unsere Träume einblendet und alles in allem unsere Nächte hässlicher macht als unsere Tage, ist doch wieder mehr verloren als gewonnen.


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