Riesenmaschine

20.01.2008 | 17:29 | Berlin | Vermutungen über die Welt

Ein schöner Tag in der Unibibliothek

Höbelmanns Telefon klingelte. "Spontan-Telko", bellte Bibliotheksleiter Möckel aus der Leitung. "Issue: Handyproblem." – "Hmhm", brummte Höbelmann, der schon lange bitterlich bereute, dass die Abteilung Möckel zum Geburtstag das Buch 'Marketingdeutsch für Anfänger' geschenkt hatte. – "Sehen Sie: Die Leute telefonieren immer noch. Sie scheinen unsere Verbotsschilder nicht zu bemerken." – "Aber, hm. Glauben Sie nicht, die Leute sehen die Schilder und es ist ihnen bloss egal?" – "Neinnein. Höbelmann, ein bisschen mehr Customer Trust! Da muss die Attentiveness erhöht werden." – "Vielleicht ... grössere Schilder?" – "Neinnein. Das Look+Feel muss stimmen. Nicht einfach nur Schilder. Das muss irgendwie begreifbarer werden. Ausserdem müssen wir edgier werden. Was machen diese junge Leute denn gerne?" – "Nun, im Int..." – "Genau, surfen. Beach! Wasser! Da müssen wir auch hin. Den Kunden in seiner Lebenswelt abholen, Consumer Insight ist das Stichwort." – "Ah, und ..." – "Höbelmann, kaufen sie Luftmatratzen. In Handyform. Viele!" – "Wie, ich ..." – "Genau, wir sehen uns dann zum um vier beim Profitcenter-Meeting im Konfi."

Möckel lehnte sich lächelnd zurück. Das Ganze war in Form einer Backloading Strategy angelegt, im Q2 2008 würde er den Werbedruck weiter steigern. Bloss wie? Mit Leuten, die als Handy verkleidet durch die Bibliothek laufen und von anderen Leuten, die als Polizisten verkleidet sind, vollkommen lautlos niedergeprügelt werden? Einem Zeppelin über dem Gebäude in Form eines durchgestrichenen Handys? Oder, er hatte es: einfach durch laute Durchsagen im 30-Sekunden-Takt!

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Noch ein ganz anderer Tag in der Firma


Kommentar #1 von Dr. Unart:

Ob Bibliothek, Konzertsaal oder Kino, ich empfehle ja schon seit Jahren den unauffällig in den Rahmen der Eingangstür integrierten kräftigen EMP-Impulsgeber, der unauffällig Ruhe prophylaxt. Gleichzeitig wird damit natürlich auch der Absatz neuer Handys, Mp3-Player und Herzschrittmacher angekurbelt, die Wirtschaft boomt und allen geht es gut. Toll!

20.01.2008 | 22:03

Kommentar #2 von Altbierwerner:

Herr Doktor Unart, das war unartig. Der Absatz der Herzschrittmacher wird reduziert: laut Wikipedia braucht man ca. alle acht Jahre einen neuen; nach Ihrem Vorschlag keinen weiteren mehr!

20.01.2008 | 22:12

Kommentar #3 von Jambalaya:

Wie gehabt: Während der deutsche Ingenieur die ganz grosse, möglichst die Gesamtlösung anstrebt (bei der auf Einzelschicksale selbstverständlich keine Rücksicht genommen werden kann), veranstaltet der pragmatische Gerneklein einfach eine Jam-Session:
http://en.wikipedia.org/wiki/Cell_phone_jammer
http://www.sesp.eu/
und schon herrscht Ruhe in der Hosentasche – nicht aber im Brustkorb.

21.01.2008 | 12:38

Kommentar #4 von HeimGärtner:

Sehr schön, die Bibliothek der TU Berlin in der Riesenmaschine. Da wird sich der gar nicht Möckel heissende Direktor aber freuen...

21.01.2008 | 17:11

Kommentar #5 von Lautlos:

Wenn es eines von Nokia wäre, könnte die "Ansage" gleich neue Dimensionen eröffnen.

21.01.2008 | 22:38

Kommentar #6 von wellwurst:

Ist tatsächlich wohl aus der Verzweiflung geboren. Selbst der Bibliotheksdirektor, der sonst kein corporate-design-fetischist ist und sonst pragmatischen Lösungen gegenüber offen, fand die Gummipuppe eher peinlich. Andererseits sind die Leute aber so ignorant, dass man ihnen mit dem ding eigentlich sogar noch eins überziehen müsste, damit sie merken, was damit erreicht werden soll.

24.01.2008 | 21:38

Kommentar #7 von Michael:

Die Handys, die am Freitag noch da waren, standen am Dienstag schon nicht mehr in der Bibliothek, wie unser Informat Philipp (von ihm kommt auch das Foto) berichtet. Vermutlich wurde dank unseres schonungslosen Aufklärungsjournalismus' auch die gesamte Bibliotheksleitung entlassen.

24.01.2008 | 22:44

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