Riesenmaschine

15.07.2008 | 02:40 | Berlin

Kehrwoche


So sieht sie aus, die neue Gastfreundschaft der Berliner.
Seit Kurzem gibt es, wie der Tagesspiegel meldet, nach dem befestigten Rheinländer-Brückenkopf der StäV nun auch einen Verein namens Westwind, in dem sich Nordrhein-Westfalen in Berlin organisieren. Darüber können die Süddeutschen nur lachen, einen entsprechenden Verein für Baden-Württemberger gibt es nämlich schon seit 2000 (Motto: "Fühlen Sie sich ganz wie zu Hause – und benehmen Sie sich auch so.") Allen voran sprichwörtlich die Schwaben, die auf der Flucht vor der Bundeswehr und angelockt von den Ärzten hier traditionell ihre Zelte aufschlagen und sesshaft werden. Auf eine ähnlich lange Tradition blickt die Reaktanz der Eingeborenen zurück. Seit Ewigkeiten kontert etwa der schaue Fil den sich als Berliner fühlenden Schwaben mit der rhetorischen Frage: "Wie lange muss ein Huhn durch den Wald laufen, bis es ein Fuchs wird?" Nun wird im Territorialkonflikt zwischen Urberlinern und solchen mit schwäbischem Migrationshintergrund anscheinend ein anderer Ton angeschlagen und die Gangart verschärft. Unklar, ob aus allgemeinem Ressentiment oder unschöner Individualerfahrung heraus, wird seit kurzem im Prenzlauer Berg von anonymer Seite mittels Plakataushängen der Schwaben Spiessigkeit, Überwachungswut in der Nachbarschaft (soll damit womöglich pars pro toto der amtierende Innenminister gemeint sein? Aber warum dann Nachbarschaft?) und das allgemein fehlende Verständnis für die Berliner Kultur (Schwaben und andere vermuten hinter dem Begriffspaar seit jeher ein Oxymoron) angeprangert. Die seit Jahrzehnten ungeklärte und bohrende Frage "Was wollt ihr eigentlich hier?" wird darob noch einmal mit aller Nachdrücklichkeit gestellt. Und vermutlich wird es in Zukunft nicht bei drei oder mehr Fragezeichen bleiben. So hat es in Belgien nämlich auch angefangen.


Kommentar #1 von gnaddrig:

Es passt ganz zum Ton des Plakats, dass die Anrede klein geschrieben wird – was wollt ihr hier?

15.07.2008 | 09:49

Kommentar #2 von M:

Angelockt von Die Ärzte, bitteschön. Sonst führt das nur zu Verwechslungen.

15.07.2008 | 10:58

Kommentar #3 von F aus S:

Was ist eigentlich so lustig am Wort "Kehrwoche"?

15.07.2008 | 11:44

Kommentar #4 von gnaddrig:

Das ist halt die Woche, die immer wiederkehrt. Ganz im Sinne von "Es gibt nix neues unter der Sonne", und die Geschichte wiederholt sich.

15.07.2008 | 13:30

Kommentar #5 von Duden-Redaktion:

Die Anrede "ihr" ist völlig korrekt. Es handelt sich nicht um den (immer noch gross geschriebenen) Pluralis majestatis, der nur dann zum Einsatz käme, wenn es in Berlin genau einen einzigen Schwaben gäbe und der Plakataushang sehr alt wäre.

15.07.2008 | 13:34

Kommentar #6 von T aus KA:

De Inneminischdr is koi Sauschwob sondern Badener! Näkschdmol gnaur rescherschiere!

16.07.2008 | 10:22

Kommentar #7 von vert:

der fachausdruck dafür heisst "anti-suevismus" (daniel kulla) und man kümmert sich an anderer stelle schon rührend um das phänomen:
http://www.classless.org/2008/07/08/einige-meiner-besten-freunde-sind-schwaben/

17.07.2008 | 01:37

Kommentar #8 von Frau Grasdackel:

Und was ist T aus KA nun? Spricht schwäbisch, kommt aber aus Baden.

17.07.2008 | 03:34

Kommentar #9 von Sochse Sing:

Ei, wes will de Schwob? Schaffe, schaffe, Häusle baue! – un heisst des nit Badenser?

17.07.2008 | 13:12

Kommentar #10 von irgendwem:

Badener, Badenser... willst du anfangen Haare zu spalten ? Ausgerechnet, wenn es darum geht alle über einen Kamm zu scheren ?

17.07.2008 | 17:32

Kommentar #11 von Patrick:

Als Badner ist man schon glücklich, nicht mit sonstigen Bewohnern des gemeinsamen Bundeslandes verwechselt zu werden.
Beleidigt uns, gebt uns Tiernamen. Nennt uns bitte nur nicht "Schwabe".

17.07.2008 | 20:34

Kommentar #12 von irgendwem:

schon die verkrampfte abgrenzungshaltung der badener gegenüber schwaben hier in b-w ist unerträglich, leute, die bei karlsruher open air-festivals gelb-rote-gelbe fahnen aufpflanzen. erschütternd.

18.07.2008 | 08:52

Kommentar #13 von Frau Grasdackel:

Der Badener lebt in Freud und Fried,
solang er keinen Schwaben sieht.

18.07.2008 | 16:20

Kommentar #14 von irgendwem:

Ach so, niedlich. Die Schwaben fliehen vor den Baden(s)ern in den Prenzlberg und die Baden(s)er vor den Schwaben.

18.07.2008 | 16:28

Kommentar #15 von Peter:

es gibt badische und und unsymbadische.

19.07.2008 | 03:43

Kommentar #16 von Udo:

Ich empfehle das Spätzle Express im Multi-Kulti-Paradies KREUZBERG! Wiener Str, U-Bhf Görlitzer Bhf!

20.07.2008 | 05:57

Kommentar #17 von Rezensent/Rezensentin:

Als Karlsruher fühl ich mich irgendwie dazu gezwungen mich hier einzumischen.

20.07.2008 | 20:33

Kommentar #18 von Rezensent/Rezensentin:

Spieissig, überachungswütig – trifft das nicht auf alle Deutschen zu? Also was wollen überhaupt alle hier (und dort)?

20.07.2008 | 20:34

Kommentar #19 von irgendwem:

D'rum grüss ich dich mein Badnerland,
du edle Perl' im deutschen Land.
frisch auf, frisch auf; frisch auf, frisch auf;
frisch auf, frisch auf mein Badnerland.

21.07.2008 | 04:05

Kommentar #20 von gnaddrig:

T aus KA (#6): Du lässt ausser Acht, dass die Schweizer alle Baden-Württemberger Schwaben nennen. Ob die sich jetzt selbst als Schwaben, Badener, Hohenloher oder Expats aus anderen Teilen Deutschlands begreifen, interessiert in der Schweiz eher nicht so. Feiertage in Baden-Württemberg werden in dort weithin "Schwoobefiirdäg" oder so ähnlich genannt und doof gefunden, weil dann die ganzen Schwoobe die Läden in der Schweiz verstopfen.
Hinter der Schwabenhetze in Berlin steckt also ganz bestimmt die dortige Schweizer Expat-Community.

22.07.2008 | 11:26

Kommentar #21 von gnaddrig:

irgendwem (#12): Baden ist gegen den erklärten Willen der Badener in den Südweststaat Baden-Württemberg gezwungen worden. Wäre es bei der Neuordnung im Südwesten rechtens zugegangen, wäre das Bundesland Baden-Württemberg nicht entstanden. Vor allem die Südbadener waren deutlich gegen den Zusammenschluss mit Württemberg, und sie haben ein langes Gedächtnis. Verkrampft ist da nix, man sieht nur nicht ein, dass man eine Schweinerei von vor fünfzig, sechzig Jahren einfach vergessen soll und so tun, als wären alle Baden-Württemberger, wo sie in Wahrheit entweder Badener sind, oder Württemberger (oder auch Hohenloher, aber das interessiert in Baden nicht weiter).

22.07.2008 | 11:55

Kommentar #22 von ganz aufgewühlt:

Mit Menschen, die von ganz woanders sind, gemeinsam in ein Bundesland gezwungen werden, das ist in der Tat eine Riesenschweinerei, die niemals vergessen werden darf.

22.07.2008 | 12:07

Kommentar #23 von gnaddrig:

Na endlich versteht das mal einer. Die Welt ist voll von Fremden von anderswo, etwa aus dem nächsten Tal, und die sind komisch da drüben. Von denen hält man sich besser fern.

22.07.2008 | 12:28

Kommentar #24 von irgendjemandem:

Das ist jetzt aber unlogisch und inkonsequent! Wenn Badener, Württemberger und ähnliches sich lieber von den "Fremden" aus dem nächsten Tal fernhalten, was machen denn dann so viele von denen in Berlin, wo fast jeder eigentlich von woandersher kommt oder zumindest von Leuten abstammt, die von woandersher kommen!

22.07.2008 | 13:21

Kommentar #25 von gnaddrig:

Och menno, jetzt kommen die mir mit Logik, wo ich grad so schön drin war. Das sind bestimmt die Schweizer, die die baden-württembergische Konkurrenz fürchten und Zwietracht säen. Die geben sich dann in Berlin als Schwaben aus und provozieren brave Berliner Anwohner so, dass die dann Hetzkampagnen mit Plakaten lostreten.

22.07.2008 | 13:33

Kommentar #26 von Erich:

Will sagen, Schwaben sind die Ostdeutschen Süddeutschlands?

22.07.2008 | 17:48

Kommentar #27 von Rezensent/Rezensentin:

Nein, Schwaben sind für einen Badenser eher sowas wie Schwaben für einen Schweizer, wie wir weiter oben gelernt haben. Nur dass es eben richtige Schwaben sind.
Unabhängig davon haben die allermeisten Badenser/Schwaben keine Ahnung warum sie sich eigentlich hassen. OK, ausser dass Schwaben schon eher dazu neigen, einem mit ihrer schwäbischen Art auf den Sack zu gehen...

22.07.2008 | 19:34

Kommentar #28 von K. Fater:

Die Schweizer soll'n ruhig sein. Wer hat denn angefangen mit den frechen Dependancen überall? 67 Stück allein in Deutschland. Na, wer war's? Eben. Hier die Liste der aktuellen Schweizen: http://tinyurl.com/6pr2yd Blinder Aktionismus, das. Als ob's nicht pro Land EINE Universalschweiz getan hätte!

23.07.2008 | 12:46

Kommentar #29 von gnaddrig:

Bleibt immer noch die Frage, was wollen die alle in Berlin? Da sind doch schon so viele Berliner, die brauchen nicht auch noch Schwaben, Badener, verkappte Schweizer und so.

23.07.2008 | 15:57

Kommentar #30 von Pom-Bär:

Sie ziehen in die Wohnungen, die von Berlinern verlassen wurden, die nach München oder Stuttgart gezogen sind (wegen Arbeit).

23.07.2008 | 16:04

Kommentar #31 von irgendjemandem:

Meine Herrn! Es funktioniert immer – schreibe einen Text, der die Wörter "Schwaben" und "Berlin" beinhaltet, und du hast binnen weniger Tage 30 Kommentare.

24.07.2008 | 11:41

Kommentar #32 von Rezensent/Rezensentin:

#30: Und werden die Berliner Jobmigranten in Stuttgart dann wegen ihres mangelnden Verständnisses für die schwäbische Kultur wenigstens genauso mit Plakat-Kampagnen gemobbt wie die Schwaben in Berlin?

24.07.2008 | 12:55

Kommentar #33 von gnaddrig:

Also, ein Schulfreund von mir ist im Schwäbischen gelandet, und der sagt, wenn man da kein Schwäbisch kann, sondern nur Hochdeutsch, hat man ganz schlechte Kachten. Man darf davon ausgehen, dass die Berliner, auch wenn sie nicht im engeren Sinne hochdeutsch sprechen, da nicht viel zu lachen haben.

24.07.2008 | 22:03

Kommentar #34 von irgendjemandem:

immer wenn ich da unten bin, werde ich regelrecht dafür angehimmelt, dass ich aus Berlin komme – schon fast unangenehm. Berlin scheint für Schwaben eine Art Nirvana zu sein. Versteh's nicht, wenn ich so aus dem Fenster gucke...

25.07.2008 | 00:09

Kommentar #35 von horst:

also.. von Norden aus gesehn sind Schwaden und Badener eigentlich jetzt .. ähm.. die selben, um ehrlich zu sein. ich denke, es geht nicht darum, Schwaben zu bashen, sondern so Nuschelnde.
aber das kann ja die badenwürtembergische Landesregierung benutzen, um das Land zu einen, schliesslich werdense alle gleichermassen gehasst...

01.08.2008 | 18:08

Kommentar #36 von Na sowas:

Die Badner hassen die Schwaben, während es den Schwaben scheissegal ist, ob einer aus Freiburg oder Villingen oder sonstwoher kommt – die stehen da nämlich drüber. Und in Reutlingen, Tübingen oder Ochsenhausen interessiert das sowieso keinen mehr.
Und die Badner haben 1970 mit über 81% abgestimmt, dass sie kein eigenes Bundesland wollen. Ist auch gut so, denn sonst müssten die Württemberger heute Ausgleichsabgabe nach Baden leisten.

20.06.2010 | 23:07

Kommentar #37 von schmunz:

erst reisen menschen in exotische lebensräume um tiere und natur zu zerstören und nun wird umgesiedelt – nicht etwa wg der arbeitsplätze – sondern eher weil es hipp ist in einer bewegten stadt zu leben um die letzten lebensräume von minderverdienern und kreativen zu zerstören. um die gleichmacherei in die letzten orginellen winkel einer stadt zu transportieren. ich werde es wohl nie begreifen warum man irgendwohin zieht, um es dann wie zuhause haben zu müssen.

12.12.2010 | 20:29

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