Riesenmaschine

30.04.2007 | 21:25 | Sachen kaufen | Zeichen und Wunder

Schlüsselerlebnisse


Warum fragen eigentlich immer alle bei Produkten nach dem Sinn?
Der grosse Schliess- und Schlüsselkongress in Las Vegas war sowohl dem Marketingmanager als auch dem Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung noch in lebhafter Erinnerung, als sie eines Freitags abends vom Vorstand gebeten wurden, für Montag früh eine Präsentation vorzubereiten. Ein Grossinvestor wolle "die ganze Hütte kaufen", Bedingung sei jedoch, so der Aktienoptionen besitzende Vorstand, dass man "ordentlich Innovationen am Start" habe und besonders die "schliessaffine Zukunftszielgruppe 14 bis 29 Jahre" bedienen könne. Und so dachten die beiden eine Viertelstunde intensiv herum, und als immer noch nichts herausgekommen war, malten sie einen bunt bedruckten Schlüssel in ihr Powerpoint, flanschten die selben Finanzierungsfolien wie beim (leider gescheiterten) Projekt "magnetischer Siliziumschlüssel" hinten an die Präsentation und gingen zur Weinprobe.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Ein schöner Tag in der Firma


30.04.2007 | 12:33 | Supertiere | Sachen kaufen

Die Volksmarke


Wie Fettcreme für die Ohren
Nivea ist eine der wenigen generationenübergreifende Weltmarken aus Deutschland und gilt als leuchtendes Beispiel für erfolgreiche Markenpolitik durch bedachtsame und konsequente Markenführung. Die Kernwerte der Marke – Familie, Geborgenheit, Pflege – wurden schon vor Dekaden installiert und werden seither behutsam kultiviert und weiterentwickelt. Wer als Kind am Strand unter dem blauen Nivea-Ball gespielt hat, wird die Marke an seine Kinder und Kindeskinder weiterreichen. So ähnlich funktioniert auch Herbert Grönemeyer. Jedenfalls hat sich das wohl der Grafiker gedacht, der mit der Gestaltung der Aussenwerbung für Grönemeyers neues Album "12" betraut war. Raffiniert, aber irgendwie auch ein bisschen schmierig.


30.04.2007 | 03:03 | Berlin | Alles wird besser | Zeichen und Wunder

Der traurigste Geldautomat der Welt

Banken sind over. Als man sich in den 1970er Jahren noch kritisch mit dem Kapital auseinandersetzte, bemühte der aufgeklärte, aber nostalgische Studienrat einen Vergleich: "Früher waren die Kirchen die höchsten Gebäude der Stadt, um Glanz und Macht zu zeigen – inzwischen sind es die Türme der Banken." Heute gibt es andere Herrscher der Finanzwelt, "Masters of the Universe" nennen sich Fondsmanager selbst und nehmen ihr Selbstbewusstsein daher, dass sie in ihrer lebenslangen 29-Jährigkeit 400 Jahre alten Banken sagen, wo es langgeht. Gleichzeitig beginnen P2P-Banken wie Zopa oder das deutsche Smava von unten an den Banken zu kratzen (auch wenn auf Smava Kreditnachfragen über 5.000 Euro für 1.000 "hocheffiziente Holzsparkocher" in Nigeria von einem anonymen Mitglied einer "Nicht-Regierungs-Organisation" nur begrenzt vertrauenserweckend scheinen).

Insgesamt litt und leidet das Image der Banken von allen Seiten. Oft genug gelten sie irgendwie als heuschreckoid, aber sind gleichzeitig deren Opfer. Sie entlassen in Scharen, schliessen Filialen, man ist entweder sauer auf sie oder sie sind einem egal und die meisten Menschen beschäftigen sich mit Banken nur noch, wenn sie ihre Spammails löschen.

Da passt es gut, wenn in einem Supermarkt in Berlin ein Geldautomat den denkbar grössten Kontrast zu der marmornen Eingangshalle einer altehrwürdigen Grossbank mit Zedernholztresen darstellt: Zwischen dem handgeschriebenen Brötchenangebot des Frischebäckers, Plastiknachbildungen von Terrakotta-Blumenkübeln und einem Sortiment Blumensamen im Papp-Display, nur zwei Meter von der stinkenden Pfandflaschen-Rückgabe entfernt, steht ein weinender, verschmutzter Geldautomat, achtlos dort von seiner Bank hingerotzt und trauert der Zeit nach, als er noch regelmässig vom Klassenfeind mit Steinen beschmissen wurde, weil er ein stolzes Zeichen des herrschenden Bankenkapitalismus war.


29.04.2007 | 19:45 | Alles wird besser | Zeichen und Wunder

Heil, Haus!


Vergangenheit, auch nicht mehr das, was es mal war (Foto: Effervescing Elephant, Lizenz)
Häuser gehen oft einfach kaputt. Man sieht es anfangs meist nicht, aber kaum wartet man mal ein paar hundert Jahre, kommt ein Krieg oder ein Tsunami und schon ist die schöne Immobilie dahin. Genaugenommen sind Häuser sogar deutlich zerbrechlicher als die meisten andere Dinge, Sterne z.B. halten klar länger und sogar die katholische Kirche ist älter als die allermeisten noch stehenden Häuser. Sehr besorgt über diese Sachlage ist man auch am NanoManufacturing Institute (NMI) in Leeds. "So kann es nicht weitergehen, wirklich nicht", haderte man dort täglich mehrere Stunden lang. Und fand die Lösung: Die Häuser sollen das Problem gefälligst selbst lösen. Ein erstes solches selbstheilendes Haus entsteht derzeit in Griechenland, einem Land voll mit leidgeprüften Ruinen. Hier die Grundidee: Zunächst stopft man das Haus voll mit Sensoren, Netzwerk und RFID-Küken, und bringt ihm bei, Selbstgespräche zu führen. "Riss, da, Ecke hinten rechts."- "Wie, Riss?" – "Weiss doch auch nicht, Erdbeben, Krieg, Schwertransporter, jedenfalls Riss." – "Ok, Riss." Hat sich das Haus auf eine Diagnose geeinigt, jammert es nicht gross rum, sondern sagt zunächst seinen Bewohnern Bescheid und füllt dann flüssige Riesenmoleküle in den klaffenden Riss, die, dort angekommen, erstarren, und die Wunde somit fachgerecht verschliessen. Anschliessend klopft sich das Haus selbstzufrieden auf den Giebel.


29.04.2007 | 10:50 | Anderswo | Essen und Essenzielles

Zwischen Biermilchbärten und Bierkreiszeichen


Die Museumsmeile in Nieheim
Das Westfalen Culinarium in Nieheim ist verspielt. Wenn man etwa einer Speise ein Getränk gegenüber stellt – ähnlich wie bei einarmigen Banditen – zeigt ein grünes oder rotes Licht, ob sie zueinander passen. Zum Beispiel: Weinbrand mit Rotkohl oder Lauchknust, Milch mit Pfefferpotthast mit Nieheimer Goldklumpen oder Herforder Pils mit Blutwurst vom Weideschwein gebraten. Dabei zeigt sich, dass Herforder Pils zu allem passt. Es passt zu: Kabeljau, Leberwurst, Sülze, Mettwurst, Knochenschinken, Holzofenbrot und Butter, zu Westfälischem Streusel- und Apfelsandkuchen. Herforder Pils passt auch zu Molke aus Menne's Schaukäserei natur oder zu Milchkaffee mit Söppkes, dem Sonntagsfrühstück der Westfalen.

Allgemein sind die Mitarbeiter des Westfalen Culinarium von Herforder Pils begeistert. Denn die gefühlvollen Dokumentarfilme, die das Museum zu Musik von Jan Garbarek und dem Hilliard Ensemble (Kirchenmusik mit irgendwelchem Sopraninosaxophonkram drüber) vorführt, weisen lange Einstellungen mit Herforder Pils-Plakaten auf. Es werden auch alte Herren gezeigt, die genüsslich Herforder Pils verdrücken und den Biermilchbart (gibt es das?) von der Oberlippe wischen.

Kurzum: Eigentlich könnte das Westfalen Culinarium auch Herforder Pilsianum heissen. Es bleibt nur noch, auf die Implementierung der Herforder Bierkreiszeichen zu warten.

Malte Borsdorf | Dauerhafter Link | Kommentare (5)


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