Riesenmaschine

30.09.2005 | 19:07 | Sachen kaufen | Vermutungen über die Welt

Gewehrlauf der Dinge

Vielleicht wird es Zeit, unserer Liste der Standardmassnahmen für uninspirierte Designer einen weiteren Punkt hinzuzufügen: Das Produkt ganz oder teilweise in die Form einer Waffe bringen (siehe auch Happiness is a Hot Gun). Andererseits passt die bei Strange New Products gesehene Tommy Guns-Wodkaflasche auch ganz gut zum kürzlich vorgestellten Bong Vodka. Gelten Wodkatrinker als besonders innovationshungrig bzw. -durstig? Oder verhält es sich so, wie wir insgeheim schon lange vermuten und ein Wodka schmeckt so unvertuschbar wie der andere, dass man als Wodkahersteller geradezu dazu gezwungen ist, das Alleinstellungsmerkmal um das eigentliche Getränk herum zu konstruieren?
Für die erste These spricht der Bass in MG-Form, der Erotic Gunslinger-Vibrator in Revolverform und der Energy Drink Bomba in Handgranatenform. Aber vielleicht handelt es sich ja auch nur um die Gegenbewegung des im Kalten Krieg gepflegten Designtrends, Waffen in die Form unauffälliger Alltagsgegenstände zu bringen – so gesehen ein echter Fortschritt.


30.09.2005 | 13:34 | Zeichen und Wunder | Vermutungen über die Welt

Future me

In einem Teil von "Back to the Future" spricht der junge Biff Tanner mit dem alten Biff Tanner. Es geht dabei nur ums Autoanlassen und um Sportwetten – jedem ist klar, was an dieser Stelle versäumt worden ist! Man hätte Jugendsünden in der Wurzel bekämpfen (oder fördern) können, man hätte den Generationenkonflikt mit sich selbst austragen können! Während im Film die Chance weitgehend vertan worden ist, kann man zumindest einen Teil dieses Dialogs mit sich selbst wirklich erleben. Lifehacker informiert uns über die (schon drei Jahre währende) Existenz von FutureMe. Auf dieser Mailplattform kann man eine Mail an sich selbst in der Zukunft schreiben, die zu einem frei einstellbaren Datum tatsächlich versandt wird. Der kurzfristige Nutzen dürfte eher im Erinnerungsbereich liegen ("Heute Zahnarzt, Du Schisser!"), der langfristige Nutzen hingegen ist noch gar nicht unbedingt klar. Denn wer weiss schon, was er seinem Alten Ego in sagen wir 20 Jahren mitteilen will? Und welche Mailadresse er dann hat? Alles in allem also eine hübsche Idee, die etwas unausgegoren daherkommt. Vielleicht verbirgt sich dahinter aber auch eine Guerilla-Werbemassnahme der Klonsekte der Raelianer: Die Zukunft endet bei FutureMe nämlich 2035 – exakt zur von Rael vorhergesagten Ankunft der ausserirdischen Elohim, die über den Umweg der Apokalypse eine ganz neue Zukunft erschaffen werden. Zufall?


29.09.2005 | 18:44 | Alles wird besser | In eigener Sache

Ein Buchstabe weniger

Über Rechtschreibung zu diskutieren ist genauso unzivilisiert wie frühmorgens aufstehen oder die Schwerkraft in Frage zu stellen. Daher diskutieren wir hier auch nicht, sondern verbieten schlichtweg die Verwendung dieses Ersatz-Doppel-S-Buchstabens in der Riesenmaschine, und zwar ab sofort, also praktisch jetzt gleich. Mangelnde Diskussionsbereitschaft hat übrigens keinesfalls etwas mit einem Mangel an Argumenten zu tun, das wird oft verwechselt. Zum Beispiel könnte man leicht begründen, dass ein Bollwerk aus sperrigen Rundbögen in seiner Kompromisslosigkeit und Eindeutigkeit viel zu dogmatisch für unser undogmatisches Leben ist. Dagegen ist das Doppel-s von einer so angenehm leichten, zischenden Unverbindlichkeit, dass man bei angestrengter Betrachtung schon bald nicht mehr weiss, wo vorne, hinten, rechts und genau das ist es ja, was unsere Zeit auszeichnet. Jeder kann klar erkennen, dass dieses jetzt verbotene Tarn-SS gegen alle Regeln der Globalisierung, der Volksgesundheit, der Aerodynamik und der öffentlichen Ordnung verstösst. Von der Rechtschreibreform (zu Recht) zurückgedrängt, ist es ohnehin nur noch eine Frage der Zeit, bis das Buckel-S von alleine ausstirbt – wir möchten die Riesenmaschine mit diesem langwierigen Prozess nicht unnötig belasten. All diese guten Argumente spielten bei unserem rein willkürlichen Entschluss natürlich gar keine Rolle. Da in letzter Zeit jede ordentliche Publikation eine eigene Hausschreibung praktiziert jeder machen kann, was er will, behalten wir uns vor, in Zukunft weitere Schritte zu unternehmen – im Gespräch ist derzeit unter anderem ein Verbot des grossen C ohne stützendes 'h' (as in Creation). Dieser Beitrag verfolgt keinerlei ironische Absicht.


29.09.2005 | 18:02 | Anderswo | Sachen kaufen

Kackpulver

Im gleichen Maße, in dem die Zeit und Lust zum Selberbacken abnimmt, schrumpfen die Backpulverabsätze. In Deutschland haben sich die Hersteller damit abgefunden, dass pro Haushalt statt zwei Grammbriefchen pro Jahr künftig eben nur noch eines abgesetzt werden kann, aber auf dem nordamerikanischen Kontinent ist man wie so oft zwei Schritte weiter. In einem ersten Schritt zur gewinnbringenderen Vermarktung wird das Produkt in ein 2-Kilo-Paket abgefüllt, im zweiten denkt sich die Marketingabteilung eine Anwendung aus, die möglichst große Mengen des weißen Stoffs erfordert. "Kuchen nur aus Backpulver", so wird man in der Brainstorming-Sitzung gerufen haben, "zum Putzen verwenden", "auf Partys in großen Schüsseln herumstehen lassen", "Feuer damit löschen", "als Kunstschnee in Abfahrtsskihallen ausstreuen", bis jemand die zündende Idee hatte: "Katzenklo mit Backpulver füllen". Da war das Gelächter groß, die Idee jedoch ward noch am selben Tag auf die Packung gedruckt.


29.09.2005 | 17:36 | Alles wird schlechter | Sachen kaufen | Vermutungen über die Welt

Brainshrink to fit

In der verstorbenen Literaturzeitschrift "Der Rabe", genauer im maritimen Raben schreibt der sehr lustige Joseph von Westphalen im totkomischen Essay "Das Tretboot", dass man sich nicht über etwas lustig machen solle, über das jeder spotte, das sei keine Kunst. Im Prinzip hat er damit völlig recht, es gibt jedoch Grenzen, denn für gewisse Sportgeräte besteht gewissermassen Spottpflicht. Hier ist zunächst die Gazelle Silhouette zu nennen. Das im Schweizer TV vom bekannten Tony Little angepriesene Fitnessgerät lässt sich durch die Abbildung in seiner ganzen Erbärmlichkeit leider nur erahnen. Man muss gesehen haben, wie Arme und Beine in irrwitziger Geschwindkeit hin- und herzischen, um zu erahnen, dass wir hier vermutlich die technische Speerspitze einer Sekte vor uns haben, deren Ziel die Vernichtung der Menschheit durch eine letale Lächerlichkeitsdosis ist.
Nicht weit hinterher steht das Produkt Exycle, nur soll hier offenbar neben der Lächerlichkeit eine zweite Vernichtungsmethode angewandt werden: Die Unfallgarantie im Strassenverkehr. Den, das oder die Excyle hat Riesenmaschinen-Leser Toni entdeckt – dankeschön. Natürlich wissen wir zu würdigen, dass die Fitness-Industrie alle möglichen (und auch unmögliche) Anstrengungen unternimmt, um mit immer neuen wirren Produkten die immer gleichen verwirrten Zielgruppen zu erreichen. Trotzdem wagen wir an dieser Stelle, dem Leser explizit mitzuteilen, was er bereits ahnt: Ein halbes Jahr regelmässiges Joggen oder Radfahren verbraucht wesentlich mehr Kalorien als einmal auf der Strasse zu "excyclen", von Kindern ausgelacht zu werden, schamgerötet mit der absurden Lenkerkonstruktion gegen einen Baum zu fahren und dann monatelang im Krankenhaus zu liegen.


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"Just Walking", Agustín Díaz Yanes (2008)

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