Riesenmaschine

31.05.2006 | 15:01 | Alles wird besser | Alles wird schlechter | Sachen kaufen

Vorlaute Bescheidenheit


Getränke, die lauthals herummeinen, sind nicht jedermanns Sache.

Nicht jeder Pilz ist ohne Schnörkel, das haben die Forscher der Riesenmaschine längst bewiesen und besprochen. Und auch bei der Gestaltung von Pilsverkaufsgefässen wird zur Verzierung gerne mal kräftig in die Lamettaschatulle gegriffen, manchmal wird sogar Gold draufgeschrieben, um ganz sicher zu gehen. Eichblätter, Frakturschriften, kastrierte Rindviecher, ewig wildgeredete Mitteljungschauspieler und andere landgasthofästhetische Elemente zieren Flaschen und Dosen, dass einem oft schon schlecht wird, bevor man noch halbwegs anständig betrunken ist.

Freudig, wenn auch mit Dosenpfandgewissen wahrgenommen wurde deshalb zunächst die Pilsvariante "5,0 Original", kommt sie doch in schwarz und weiss daher, ganz ohne Bauernhof- und Waldhornschnickschnack. Leider währt die Freude nicht lang, denn es wird zwar – theoretisch bescheiden – auf "keine aufwendige Prägung" und "ohne Schnörkel" hingewiesen. Allerdings konnte man sich vor lauter Sparen wohl auch keinen dieser irrsinnig kostspieligen Punkte am Ende des Satzes leisten. Nur so ist zu erklären, dass der sparwillige Neunundzwanzig-Cent-Trinker es sich gefallen lassen muss, von seinem Bier angebrüllt, ja, angebrüllt zu werden – und das noch vor dem ersten Schluck. Da kann man ja gleich heiraten, denkt der geneigte Alkoholkonsument, wohl zu Recht.

Die kurzfristig anberaumte Verkostung – eine ausführlichere, riesenmaschinenunabhängige findet sich bei Frank Sesselmann – ergab übrigens, dass "5,0 Original" tatsächlich auch mit Goldaufdruck nicht besser schmecken würde.


31.05.2006 | 10:24 | Berlin | Anderswo | Nachtleuchtendes

Mobile Home interior design


Überall ist draussen.
Vom Eskapismus im Kleinen handelt Stefan Canhams schön und opulent ausgestatteter Bildband Bauwagen – Mobile Squatters. Über 100 Bauwagenplätze gibt es allein in Deutschland, und geschätzte 10.000 Menschen leben auf diese permanent provisorische Weise, die Designer nicht müde werden, mit allerlei urban-nomadischem Schnickschnack neu zu erfinden. Dabei zeugen die improvisierten Innenräume (Hier als Diashow) von mindestens ebenso viel gestalterischem Formwillen, katalysiert durch die alltägliche Praxis des Lebens auf engstem Raum. Suggestiv ist Canhams Methode, die Aussenansichten schwarz-weiss zu belassen, wodurch die wohl sortiert chaotischen Innenräume noch bunter und – sagen wir es ruhig – "hippieesker" wirken. Wenn, wie Hermann L. Gremliza einmal bemerkte, alle Hausbesetzerei letztlich die Eigentumswohnung zum Ziel hat, dann ist auch den "Mobile Squatters" zumindest ein Sinn für gehobene Innenarchitektur keineswegs abzusprechen.


30.05.2006 | 19:18 | Anderswo | Supertiere

Masse und Macht


Pfandgrube
Gustave Le Bon beschrieb in seiner soziologischen Studie, dem Klassiker Psychologie der Massen, wie die Unterordnung des Individuums in einem Kollektiv funktioniert, wie eigene Interessen zugunsten eines Konsens aufgegeben werden, um die wohltuende Wärme und Trägheit in der Masse nicht zu verlieren.
Auch wenn man nicht Teil einer Massenbewegung ist, sondern ein schlechtintegrierbarer Einzelgänger oder fauler Sack, vermag der Anblick von etwas Massenhaftem einen wohligen Schauer auszulösen, wie diese Wohnung mit 70.000 Bierdosen. Selbst wenn eine Masse etwas Sinnvolles erreicht, wie z.B. den bislang als unzerstörbar geltenden Flakturm im Wiener Augarten, in dem Tauben inmitten von 2,5 Meter hohen Bergen von Taubenkot und -kadavern neues Leben heranbrüten, und der vermutlich genau deswegen jetzt gerade zerbröselt.
Gemeinsam etwas geschaffen, was den anderen Massen dient, hat das namenlose Arbeiterheer des Schachtürken bei Amazon: 10.000 nach links blickende Schafe, vermutlich um mit der Symbolhaftigkeit des Tieres etwas Albernes wie die Milliondollarhomepage zu persiflieren. Für jedes Schaf gab es dabei 2 Dollarcent, das macht immerhin im Schnitt 69 Cent pro Stunde. Und dabei ist dann noch eine tolle Tapete entstanden, mit vielen freundlichen Tieren, vor allem 945, 4144, 1532, 8988, 8816 und 9262.

Tex Rubinowitz | Dauerhafter Link | Kommentare (3)


30.05.2006 | 16:11 | Nachtleuchtendes | Vermutungen über die Welt

Blut und Kulleraugen


Hat keine Karten bekommen
Laut aktuellen Prophezeiungen sollte sich am 27. Mai 2006 erneut die Hölle auftun in der Berliner Columbiahalle. Die japanische Band Dir En Grey hatte sich zum zweiten Mal nach ihrem spektakulären Auftritt Ende letzten Jahres in Berlin angekündigt, und mit ihr sollten Heerscharen der dunkelsten Visual-Kei-Anhänger aus ihren Brunnen kriechen. Tokio Hotel würden zweifellos bei lebendigem Leibe die Köpfe abgebissen, wenn sie zufällig in die Nähe des Konzertgebäudes gerieten, denn die Fans der Band wirken auf den ersten Blick alles andere als kawaii. Als neutraler und auffällig gekleideter Beobachter konnte man in der Warteschlange also leichtes Unwohlsein verspüren.
Unbegründeterweise, denn als die Musiker den Saal betraten, fielen die Schatten von den bemalten Gesichtern. Was blieb, waren verliebte Blicke und sirenenhaftes Gekreische, welches die Musik bei weitem übertönte. Man hätte meinen können, bei "The Dome" zu sein, hätte sich der Sänger Kyu nicht zufällig mit einem ausgeschlagenen Zahn die Brust zerkratzt und andere autoagressive Verhaltensweisen zur Illustration der Songs gezeigt. Zuweilen stand er mit blutverschmiertem Gesicht vor einem Publikum, das dahinschmelzend seinem "Schnucki" beim Leiden zusah, als würde er über Butterblumen philosophieren anstatt über Tod und Schmerz. Paradoxer wirkte die Prozedur nur noch dadurch, dass Kyu und seine Musikerkollegen in Jeans und Shirts gekleidet regelrecht bieder im Vergleich zu ihren Fans wirkten.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Cute Culture in Deutschland


30.05.2006 | 12:35 | Anderswo | Zeichen und Wunder

Verdammt, aber gut beleuchtet

Nicht nur Pjöngjang in Nordkorea, sondern auch jede mittelgrosse ostdeutsche Stadt verfügt über ein BSP: eine bauliche sozialistische Peinlichkeit. So steht in Jena der fehlkonzipierte ehemalige Uni-Turm, im Fachjargon Penis jenensis genannt, in Leipzig das gigantisch-geschmacksichere Marxrelief, in Chemnitz der ebenso intransportable schwergewichtige Kopf von ebendiesem Karl Marx – und in Gera die legendären "drei Essen", das höchste Bauwerk im Lande Thüringen. Drei Essen sind es zwar, die zum ehemaligen Heizkraftwerk (HKW) Nord gehören, in Betrieb war aus ungooglebaren Gründen jedoch nur die kleinste von ihnen, die beiden grossen stehen seit mindestens den 70ern sinnlos funkelnd in der Industrielandschaft herum. Wer es schafft, am Hermsdorfer Kreuz in die einzige Richtung zu fahren, die nirgendwo hin führt (Osten), kann dieses Wahrzeichen der gesellschaftlichen Fortentwicklung ("Wir dampfen auf dem letzten Schlot") nicht verpassen – es leuchtet und blinkt im Dunkeln selbst noch Jahrzehnte nach Abschaffung der Fünfjahrespläne.

Nun sollen die Essen endlich abgerissen werden, weil sie der Bundesgartenschau 2007 im Wege sind, obwohl man genausogut auch Europas grösste Outdoor-Kletteranlage (nach den Alpen) daraus bauen könnte. Mit Recht regt sich Laienprotest in der Provinz, denn a) wird man Gera ohne Essen überhaupt nicht mehr finden und b) wird es noch nicht mal spektakuläre Abrissbilder geben, wie im Februar beim HKW Süd, denn dafür stehen die Türme zu dicht am McDonald's und am Discount-Möbelmarkt. Und zudem, und dies sollte am meisten Gewicht finden, versinnbildlichen allein die verbliebenen BSPs in zeitgemässer Art und Weise, dass der Sozialismus eine Sackgasse ist, und zwar eine Sackgasse, die auf einer grünen Wiese endet. Der Kapitalismus dagegen ist ein Kreisverkehr.

(Beitrag angeregt von Leser Björn Helm)

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Das Grosse Hässliche Ding


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Minus: 1, 140, 155
Gesamt: 2 Punkte


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