Riesenmaschine

16.07.2019 | 15:00 | Anderswo | Zeichen und Wunder | Papierrascheln

Der Staubfänger überm Roggen


Da, etwas links von der Mitte, das kleine weisse Ding (Foto: Michael Brake)


Eine Subdisziplin der kulturwissenschaftlichen Technikarchäologie beschäftigt sich damit, wann und wie neue Technologien, neue Gegenstände, neue Wörter oder Verhaltensweisen zum ersten Mal in Kulturerzeugnissen auftreten. Das erste Skateboard in einem Hollywoodfilm, das erste Tinderdate in einem Chanson, die erste e-Zigarette in einem Roman. Solche Dinge.

Derartige mittelbare Vorkommen sind gewissermassen ein Plateau bei der Etablierung von Neuem. Und so könnte auch diese chinesische Briefmarke aus dem Jahr 2017 dereinst ein wichtiges historisches Dokument werden. Sie ist mutmasslich das erste Postwertzeichen, auf dem eine Flugdrohne zu sehen ist – gemeint ist das weisse Ding genau zwischen den beiden Mähdreschern mit einem runden Schatten (in echt sieht man es wenig besser, wirklich!). Da die Marke zur wunderbar retrofuturistisch gestalteten 2017er-Serie "Science and Technology Innovation" gehört und laut einer sehr verlässlichen der einzigen halbwegs annehmbaren Quelle ein "R&D Demo Project on Bohai-rim's Breadbasket" zeigt, passt eine Drohne auch inhaltlich gut.

Eine Besonderheit ist hier das Zusammentreffen einer neuen (Flugdrohnen) mit einer potentiell aussterbenden Technologie (Briefpost). Vielleicht wird die Marke die einzige ihrer Art bleiben und eines Tages sehr wertvoll sein. Als Blog mit Expertise für Trendentwicklungen und Wertanlagen werden wir sie deshalb gut aufheben, direkt bei unseren Aktien von Sun Microsystems und unserer Transrapid-auf-Lebenszeit-Dauerfahrkarte.


23.08.2018 | 23:56 | Essen und Essenzielles

Mink Shite Baby


"I prepared it as I bathed" (Foto: Aleks Scholz)
Manche Trends sind wie Schnecken – langsam unterwegs und in ihrer Trajektorie nur erkennbar, wenn man sich hinterher genau die Schleimspuren ansieht. Die Verschmelzung von Nahrungsmitteln und Hygieneprodukten ist so ein Trend. Die Ursprünge der Idee liegen verwaschen im vorigen Jahrtausend, eventuell wie so viele popkulturelle Extravaganzen in der amerikanischen Sitcom Seinfeld, wo Kramer damit anfängt, Essen in der Dusche zuzubereiten. Im Jahr 2006 berichteten Prof. Friebe und Dipl.-Ing. Lobo in der Riesenmaschine von ersten Hybridschleimsichtungen in freier Wildbahn: Duschgele in Geschmacksrichtung Avocadoöl & Mandelmilch, Haarprodukte aus Bier und Hautcreme, die wie Marshmallows riecht.

Kaum zwölf Jahre später hat sich die Erde und mit ihr der Trend ein paarmal um die Sonne gewendet. Palmolives Gourmet-Duschgelserie schmeckt wahlweise nach Coconut Joy, Strawberry Touch, Vanilla Pleasure, Chocolate Passion oder, ganz neu, Mint Shake, und wenn man nicht genau wüsste, dass es Duschgel ist, würde man es für Pudding halten, die Art, die Dr. Oetker Paradiescreme nennt, fluffig, steifgeschlagen, kaltgestellt. Während normales Duschgel sich leichtölartig am Körper verteilt, klebt die Gourmet-Body-Butter von Palmolive an Stellen und wartet darauf, mit der Zunge oder anderen geschickten Körperteilen vermanscht zu werden.

Wie Experimente zeigen, ist es ohne weiteres möglich, in der Achselhöhle durch Vermischung von Mint und Chocolate den Geschmack von After Eight zu erzeugen, eine Mix-und-Match-Idee, die vielleicht von der Jelly-Beans-Industrie übernommen wurde. Wir melden uns wieder in etwa zehn Jahren mit neuen Entwicklungen in dieser Sache.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Food & Non-Food Full Circle

Aleks Scholz | Dauerhafter Link


13.08.2018 | 09:48 | Alles wird besser | Fakten und Figuren

O Waldo, Where Art Thou?

Schach – schön und gut. Go – who cares? Poker – kommt Leute, da gewinnt jeder mal. Quake 3 Arena – hallllooooo, es ist ein Computerspiel, was habt ihr bitte erwartet? Aber dass die Maschinen jetzt auch noch besser in Where's Waldo sind, das sollte uns wirklich zu denken geben.

Konkret handelt es sich um den Roboter "There's Waldo" aus dem Innovation Lab der US-amerikanischen Agentur redpepper: Ein Rasperry-Pi-gesteuerter Roboterarm, ausgestattet mit einer putzigen Hand und einer Kamera, macht Fotos von Waldo-Wimmelbildern, nutzt OpenCV um Gesichter zu extrahieren und anschliessend das noch recht neue Google AutoML Vision um Waldo zu idenfizieren. Bei mehr als 95-prozentiger Übereinstimmung schlägt die putzige Hand zu bzw. deutet auf Waldo. "While only a prototype, the fastest There's Waldo has pointed out a match has been 4.45 seconds which is better than most 5 year olds", schreibt redpepper über seine Schöpfung.

Nun kann man sich Sorgen machen, dass im Terminator-Zeitalter ein "There's [hier bitte den eigenen Namen einsetzen]"-Roboter unterwegs sein wird, bloss anstelle einer putzigen Hand mit einer putzigen AK47. Man kann das Ganze aber auch positiv sehen: Wie viel Zeit gewinnt die Menschheit bitte, wenn wir nicht mehr selbst nach diesem nervtötenden Waldo suchen müssen? Sollte es jetzt noch Roboter geben, die unsere Sudokus ausfüllen, unsere Zeit-Magazin-Kreuzworträtsel lösen und unsere Pokémon-Go-Box aufräumen, hätten wir endlich genug Freizeit, um die Dinge zu tun, die uns Spass machen.


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"Happy Birthday", Casey Tebo (2016)

Plus: 5, 10, 22, 69, 74, 151, 157, 160
Minus: 75, 93, 102, 127, 128, 132, 141, 161, 194, 197, 199
Gesamt: -3 Punkte


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