Riesenmaschine

27.07.2018 | 10:47 | Anderswo | Alles wird besser | Essen und Essenzielles

Ein schöner Tag an den Vilsa-Quellen

Der Druck war grösser als der eines Geysirs! Nur zwei Wochen, nachdem Merterhens seine Stelle als Junior Water Portfolio Manager bei Vilsa angetreten hatte, sickerte durch, dass die niedersächsische Traditionsmarke beim grossen Mineralwasservergleich der Stiftung Warentest mit der Gesamtnote 3,5 erneut auf einem der letzten Plätze landen würde.

Da musste schnell eine Produktinnovation her, denn wen man im traditionell sturen nordwestdeutschen Markt erstmal als Kunden verliert, den verliert man für immer. Mit Geschmack konnte Merterhens nicht arbeiten, da hätte er unweigerlich in den trüben Gewässern der Abteilung H2Obst gefischt. Auch das Premiumsegment war durch die Vilsa-Gourmet-Reihe bereits besetzt, ein darüber hinausgehendes High-Society-Produkt a la Bling H2O hätte sich nicht mit dem Vilsa-Markenkern (sauber – flüssig – bräsig) vertragen.

Zu verrückt durfte Merterhens ohnehin nicht werden: Sein Vorgänger wurde nach der Havarie seines Konzepts für "Mittelstrahlquellwasser" aus der Firma gespült. Also mied er alle Versuche in Richtung Functional Water – in Deutschland hatte sich ja nicht mal Vitaminwater durchgesetzt – oder gar mit farbigen Produkten wie der Teufel das Weihwasser.

Die Tage vor der Präsentation waren härter als eine Chinesische Wasserfolter. "Denk nach, Merte, denk nach!", feuerte Merterhens sich an. "Du hast nicht umsonst die Ausbildung zum Wassersommelier mit Auszeichnung bestanden." Dann hatte er es! Die ewige Trias aus Wasser mit Kohlensäure (classic), ohne Kohlensäure (naturelle) und, für die Generation Unentschlossen, Wasser mit ein wenig Kohlensäure (medium) wurde aufgebrochen und durch das wahnwitzig in lachsorange gehaltene Vilsa leichtperlig mit nur ganz wenig Kohlensäure ergänzt.

Es war ein Dammbruch in der Karriere von Merterhens, nun würde er bald nach ganz oben gespült. Denn mit Vilsa starkperlig – stärker als Medium, schwächer als Classic! – hatte er seinen nächsten Trumpf ja schon in der Schublade. Es muss nicht mehr viel Wasser die Weser hinabfliessen, dann würde er der jüngste Senior Water Portfolio Manager der über 100-jährigen Vilsa-Firmengeschichte sein.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Ein historischer Tag in der mittelständischen Schokoladenfabrik


04.07.2014 | 21:26 | Anderswo | Papierrascheln

Automatische Literaturkritik Preis 2014

Die Riesenmaschine ist für den Automatische Literaturkritik Preis nicht mehr zuständig. Links:

Punkteliste 2014
Bei der Punktevergabe helfen
Der Preis ausführlich erklärt
Crowdfunding des Preisgelds 2014


07.07.2013 | 08:44 | Anderswo | Papierrascheln | In eigener Sache

Automatische Literaturkritik Preis 2013


Der Preisträger beim Preistragen. Bild: @mitnichten


Das Räderwerk der Riesenmaschine steht still. Einmal im Jahr aber kommt es in Gang, und kurze Zeit später produziert die Maschine einen Automatischen Literaturkritikpreis. Im sechsten Jahr hat sich der Preis professionalisiert, die Punkte werden nicht mehr durch überforderte, schwitzende Riesenmaschineredakteure vergeben, die alle Punkte mit ausgetrockneten Filzstiften in eine in 4-Punkt-Schrift ausgedruckte Kriterienliste eintragen und dann an den Fingern das Ergebnis ausrechnen müssen. 2013 gab es eine übersichtliche Tabelle, in der jeder Leser seine gefundenen Punkte registrieren und mit einer Belegstelle versehen konnte.

Sechs von vierzehn Autoren schrieben schwarze Zahlen: Joachim Meyerhoff, Verena Güntner, Zé do Rock, Heinz Helle, Katja Petrowskaja und Roman Ehrlich. Den 2012 überraschende vier Mal vergebenen, ansonsten sehr seltenen Alison-Bechdel-Pluspunkt konnten Nadine Kegele und Cordula Simon verbuchen. Roman Ehrlich kam mit einem Auszug aus seinem Roman "Das kalte Jahr" auf 6 Punkte, liegt also deutlich vor Joachim Meyerhoff und Verena Güntner (je 2 Punkte). Damit stammen fünfzig Prozent aller Preisträger (Tilman Rammstedt, Dorothee Elmiger, Roman Ehrlich) aus dem Dumont-Verlag, in dem man offenbar irgendwas richtig macht.

Eine weitere gute Nachricht: Das Rahmenprogramm des Automatischen Literaturkritikpreises, die Tage der Deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt, wird es auch 2014 noch geben, wie ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz der Riesenmaschine-Redaktion in der Nacht zum Sonntag in die Hand versprach.

Der mit 500 Euro und einer von Riesenmaschine-Grafiker Martin Baaske gestalteten Urkunde dotierte Preis wurde um 10:30 im Garten des ORF-Sendehauses verliehen. Die Riesenmaschine gratuliert. Punktevorschläge für 2014 können in den Kommentaren eingereicht werden.

Was bisher geschah:
Der Preis erklärt (2008)
2008, Tag 1, Tag 2, Preisverleihung
2009, Tag 1,Tag 2, Tag 3, Preisverleihung
2010, Tag 1, Tag 2, Tag 3, Preisverleihung
2011, Tag 1, Tag 2, Tag 3, Preisverleihung
2012, Tag 1, Tag 2, Tag 3, Preisverleihung
Kriterienliste 2013


02.11.2012 | 00:14 | Anderswo | Fakten und Figuren

Ach wie flüchtig, ach wie wichtig


"Vergänglichkeit", Dresden. Die ursprünglich das Denkmal krönende Seifenblase
wurde im 2. Weltkrieg zerstört. (Foto: Kathrin Passig)

So vieler wichtiger Dinge wird weltweit in Marmorstein und Eisen gedacht: Männer auf Pferden, sehr grosse Männer auf sehr grossen Pferden, Männer falschherum auf Pferden, Männer falschherum ohne Pferd, Robocop, Käsemilben, Wiarton Willie, Penisse, grössere Penisse, aber auch Daumen, Riesenstühle, Haifische, die in Hausdächern stecken, aufgespiesste Insekten, Ho Chi Minhs Hintern, Tiere, die im Krieg gedient haben, Carhenge, Büroklammern, Büroklammern, Gabeln, Gabeln. Aber zu selten gedenken wir einer der wichtigsten Angelegenheiten, der Vergänglichkeit. Vermutlich, weil wir zu selten an sie erinnert werden. Es sei denn, wir halten uns gerade in Dresden auf, wo ein dauerhaftes Spezialdenkmal die Vorüberkommenden mahnt: Bedenke, Mensch, dass du nicht aus Stein bist! Nicht dass du viel davon hättest, wenn du aus Stein wärst, schau mich an, früher oder später erwischt es uns alle, dich etwas früher als mich, du glibbriges Spektakel. Wer jetzt keinen Bausparvertrag hat, kauft sich keinen mehr.


21.10.2012 | 09:51 | Anderswo | Supertiere | Sachen kaufen

Endangered Animals Erasers

Radiergummis sind generell ein konfliktreiches Thema. Man erinnere sich nur an die viele träge Schultage überschattende Frage, wofür die blaue Seite ist. Es hiess, man könnte mit ihr Tinte radieren, aber das war eine Lüge. Auch ihr Geschmack war ein klein wenig fader als der der rötlichen Seite. Über die Kikkerland Design Inc. kann man seit einiger Zeit "Endangered Species Erasers" bestellen: bunte Radierer in der Form von Gorilla, Nashorn oder Eisbär. Zwei Prozent der Umsätze mit den Radierern gehen, so versichert die Website, an ein "Center for Biological Diversity". Auf Inhabitots.com – "Your Guide to green parenting, eco baby & green kids" [sic] – schreibt Julie Seguss hoffnungsvoll: "PVC-free Endangered Species Erasers Help Kids Remember Vanishing Animals".

Abgesehen von den im Tierschutz-Kontext etwas unglücklichen Formulierungen wie "Rhino Eraser" oder "Polar Bear Eraser", scheint der Nachhaltigkeitsgedanke dieses Produkts paradoxerweise erfüllt. Denn für die meisten Menschen stellt ein Radiergummi tatsächlich einen äusserst beständigen Gegenstand dar. Wer, der noch ganz bei Trost und frei von repetitiv-rhythmischen Zwangshandlungen ist, würde je einen ganzen Radiergummi wegradieren? Vorher kauft man sich doch einen neuen.


RHINO ERASER
Aber sehen wir uns dieses rote Nashorn an. Geht nicht eine dunkle Anziehungskraft von dem hervorstehenden Horn aus? Bestimmt ist es weich und lässt sich hin und her biegen. Es wegzuradieren scheint ein Leichtes, irgendetwas tief in uns verlangt danach, vor allem, wenn man ein Kind ist, das weit mehr Freude an Metamorphose als an Nachhaltigkeit empfindet. Nach kurzer Zeit würde das Gumminashorn ohne sein Horn dastehen, so wie das echte Tier, an dessen Leid es erinnern soll. Chinesische Potenzmittel. Jemenitische Dolchgriffe.

Ausserdem: "Help Kids Remember"? So sicher es auch sein mag, dass das vom Aussterben bedrohte Tier niemals zur Gänze wegradiert werden wird, so sicher ist es auch, dass ein kleiner Teil, ein hervorstehender, auf alle Fälle dran glauben muss. Als erstes würde mit Sicherheit die Schnauze des Eisbären verschwinden, die Schädeldecke des Gorillas, das biegsame Horn. Und die Form des im Gedächtnis der kommenden Generation zu bewahrenden Tieres wäre für immer verändert.

Und doch bleibt es eine interessante Idee: ein Produkt so zu designen, dass es – unter idealen moralischen Vorraussetzungen des Käufers – nicht mehr nach seiner eigentlichen Funktion verwendet werden kann. Das Design des Produkts erweckt Mitleid und verhindert, dass das Produkt überhaupt je zum Einsatz kommt. 'Design vs. Funktion' als ethisches Dilemma. Aber der Gummi, der als verwendetes Material ebenfalls zum Designkonzept gehört, erweckt vielleicht auch andere, dem Mitleid entgegenwirkende Ideen – er ist weich, formbar, er schreit nach Veränderung.

Die "Endangered Wildlife Erasers" sind nicht die erste Erfindung ihrer Art. Eine Internetsuche ergab bei "endangered wildlife soap" tatsächlich einige Treffer. Die Drogerie-Kette The Body Shop verkaufte im Jahr 1991 ihre Animals in Danger Soap. Seifenstücke in der Form von bedrohten Tierarten, von deren Verkauf ebenfalls ein bestimmter Prozentsatz einen guten Zweck unterstützte. Doch wenn ein Seifenstück aufgebraucht war, kam, als Überraschung, eine kleine Spielfigur desselben Tieres zum Vorschein, die man sich dann tatsächlich irgendwo hinstellen konnte – für immer. Aber das war 1991.


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"The Congress", Ari Folman (2013)

Plus: 1, 3, 18, 97
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Gesamt: -7 Punkte


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