Riesenmaschine

24.04.2009 | 22:26 | Berlin | Sachen anziehen

Genderwäsche

In der Ohlauer Strasse hat ein neuer Waschsalon aufgemacht, das Waschhaus 38 (Claim: "Hier geht es rund – von weiss bis bunt"). Es ist trotz seines Namens speziell geeignet für Zahlenanalphabeten, denn die Maschinen sind nicht durchnummeriert, sondern mit Namen versehen. Was an sich okay ist, aber es gehört dann doch eine gewisse Schmerzbefreitheit dazu, sämtlichen Waschmaschinen Frauennamen zu geben: Clara, Ida und Dora dürfen den Kreuzberger Junggesellen also die Socken säubern. Männliche Namen (Heiko, Bernd) sind hingegen nur für die Trockner vorgesehen, die entsprechend grösser und wuchtiger daherkommen, aber bei weitem nicht so viel zu tun haben.

Das erinnert doch sehr an das Geschlechterrollenbild von Ikea, wo Stühle, Schreibtische und Regalsysteme männliche Vornamen tragen, während Stoffe, Gardinen und Decken nach Frauen benannt sind. Wie sich das Waschhaus 38 in seiner ausgewählt genderbewussten Nachbarschaft etablieren will, könnte interessant werden. Aber vielleicht wird ja verfahren wie beim Institut für Meteorologie der FU, wo Hoch- und Tiefdruckgebiete jahresweise das Geschlecht wechseln dürfen. Bis dahin muss man sich damit begnügen, dass die Frauen (3,50 Euro) immerhin deutlich besser bezahlt werden als ihre männlichen Kollegen (0,50 Euro).


22.04.2009 | 19:31 | Alles wird besser | Was fehlt | In eigener Sache

"Weil es geht"-Award 2009

14:54 michaelbrake kannst du mir euren drehplan schicken?
14:55 michaelbrake ich wollte euch vielleicht mal besuchen
16:40 punkteundstreifen gerne
16:44 punkteundstreifen aber die meiste zeit sind wir (hoffentlich) gar nicht am set

16:52 michaelbrake achso
16:52 michaelbrake egal, schick erstmal, seh ich dann ja
16:53 punkteundstreifen moritz sitzt da dran
16:54 michaelbrake äh... versteh ich nicht genau?
16:55 michaelbrake es gibt ein word-doc und du kommst nicht rein?
16:55 michaelbrake ihn fragen kann ich nicht bzw. hab ich schon und er reagiert nicht
16:57 punkteundstreifen word?
16:57 punkteundstreifen quatsch
16:57 punkteundstreifen indesign!

16:57 michaelbrake ihr habt den drehplan nur als indesign-datei?
16:58 punkteundstreifen klar
16:58 punkteundstreifen wir sind halt styler!

16:58 michaelbrake entweder hab ich das funktionsspektrum von indesign noch nicht verstanden oder ihr habt ein absolut bescheuertes projektmanagement


Der obenstehende Skype-Dialog mit der aufstrebenden kleinen Filmproduktion Punkte und Streifen ist nicht ausgedacht. Wieso auch, InDesign als Zeiterfassungstool, total naheliegend. Überhaupt sollte das starre und schematische Denken, das in den meisten Büros herrscht, endlich aufgebrochen werden. Warum nur stumpfes Matching von Arbeitsvorhaben mit den immergleichen Spezialprogrammen? Warum muss immer alles genau so genutzt werden, wie es vorgesehen ist? Hätte die Menschheit Teflon-Pfannen wirklich nur zum Braten verwendet, gäbe es noch immer keine Städte auf dem Mond!

Deshalb ruft die Riesenmaschine den "Weil es geht"-Award 2009 aus. Gesucht werden ernstgemeinte Vorschläge für den innovativen Einsatz bestehender Technik, nachweisbar existierende Praktiken bekommen einen Sonderpunkt. Wenn in Ihrer Firma also die Grafikabteilung Broschüren in Thunderbird erstellt ('Vorteil: Ist mit einem Klick an die Druckerei geschickt'), oder wenn Sie selbst eine richtig praktische Idee haben, wie man den Windows-Taschenrechner zum Erstellen von To-Do-Listen nutzen kann, dann schreiben Sie uns. In die Kommentare. Teilnahmeschluss ist der 30. April 5. Mai, als Preis stiftet Kathrin Passig eine handbetriebene Taschenlampe, mit der man Nägel in sehr weiche Wände schlagen kann.


16.04.2009 | 11:31 | Essen und Essenzielles | Gekaufte bezahlte Anzeige

Tu was für Deine Sinne!


"Die fünf Sinne" von Hans Markart, Stand: spätes 19. Jahrhundert
Es heisst, im digitalen Zeitalter stumpften die Sinne ab, weil jegliche Erfahrung nur noch dosiert und gefiltert durch mediale Kanäle an uns herandrängt. Ferner käme es zu einer Privilegierung der Fernsinne (Sehen, Hören), während die Nah- bzw. Kontaktsinne (Riechen, Schmecken, Tasten) mangels Reize verdümpelten. In Design, Kunst und Technologie lässt sich derzeit aber der genau gegenläufige Trend beobachten: Künstler arbeiten mit Gerüchen, Designer mit neuen taktilen Oberflächen und optischen Effekten, die Molekularküche revolutioniert die Gastronomie und Forscher basteln an der Erweiterung des Wahrnehmungsspektrums. Kulturwissenschaftler wie Madalina Diaconu plädieren deshalb bereits für eine neue Ästhetik, die wieder an der unmittelbaren Erfahrung aller Sinnen ansetzt und auch ihren synästhetischen Querbezügen Rechnung trägt.

Diese Spur soll beim (von mir kuratierten) 5 Gum Vision Lab unter dem Titel "MAKING SENSES" am 24. und 25. Juni 2009 in Berlin aufgenommen und mit Praxis hinterlegt werden. Zwei Tage geht es in den Clubräumen des Week End in Präsentationen und Workshops um die Frage: Wie wird die Sinnlichkeit der Zukunft aussehen? Und wie lassen sich daraus neue Funken für Musik und Mode, Design und Lifestyle schlagen? Als Keynotes und Best Practices der Felder Look, Smell, Hear, Taste und Touch sind geladen: der Modedesigner Marc Eley und Wakako Kishimoto, die Duftforscherin Sissel Tolaas, der Musikproduzent Ewan Pearson, die Gastro-Visionärin Telse Bus, die Produktdesignerinnen von Front und – gewissermassen als Joker – der Modefotograf und -blogger Scott Schumann. Sie werden auch die exklusiven Workshops bestreiten.

Ab heute können sich visionäre Projekte, die die Sinne zum Thema haben und die Wahrnehmung herausfordern, über die Website bewerben. Zu gewinnen gibt es – neben der Teilnahme am 5 Gum Vision Lab – ein Preisgeld von 10.000 Euro. Einige Tickets gibt es auch im Losverfahren. Die Abschlussparty am Abend des 25. Juni inklusive Preisverleihung ist dann wieder öffentlich. Anlass des ganzen ist die deutsche Markteinführung des neuen zuckerfreien Kaugummis 5 Gum von Wrigley.


05.04.2009 | 13:52 | Berlin | Nachtleuchtendes | Zeichen und Wunder

¡Ya Raucher!


"Ya" ist ausserdem das
aserbaidschanische Wort für "oder".
Der Streit um das Rauchverbot in Berliner Gaststätten nimmt zunehmend erratische Züge an. Als neues Agitationsgimmick der aktuell laufenden Unterschriftensammlung für ein Volksbegehren hängen seit kurzem in den Fenstern diverser Eckkneipen LED-Schilder mit der Aufschrift "Ya Raucher". Was mag das nun bedeuten? "Ya" ist spanisch für "schon/sofort/jetzt" – ist "Ya Raucher" also ein Appell, sich spontan eine anzustecken und so den Protest auf die Strasse zu bringen? Referiert das Schild gar auf die Redewendung "¡Ya Basta!" ("Es reicht!"/"Enough is enough!")? die seit Jahren das zentrale Motto im Befreiungskampf der Rebellenbewegung EZLN im südmexikanischen Bundesstaat Chiapas ist? Hat sich hier heimlich eine Allianz zwischen Zapatisten und Freirauchern gebildet? Und kann es Zufall sein, dass in Chiapas Tabak angebaut wird? Oder ist es doch bloss die nächste Vereinnahmung linken Symboltums, nachdem bereits das Palituch zum Modeaccessoire verkommen ist und die Junge Union Reinickendorf Werbung mit Che Guevara gemacht hat?


02.04.2009 | 18:18 | Alles wird besser | Sachen kaufen

Luftkissenmilch


Milchtüte der frommen Denkungsart
In den 1970ern war die Zukunft pneumatisch. Wenn wir gross wären, würden wir auf aufblasbaren Sitzlandschaften in schwimmenden Traglufthäusern lümmeln, und uns mit Luftkissenbooten besuchen fahren. Die Milch für unsere Frosties kam damals noch aus galobberig wobbelnden Plastikschläuchen, die mittels türkisener Haltevorrichtungen aus Kunststoff, die ästhetisch noch aus den 1950ern herüberlappten, in Form gehalten wurden. Trotzdem knickten sie immer ein und ergossen sich über das Plastikgeschirr auf dem Frühstückstisch. Es hat über dreissig Jahre an kubistischen Irrungen und Wirrungen in Tetrapak bedurft, bis unsere aufgeblasenen Zukunftsträume in einer pneumatischen Milchtüte gipfeln konnten, die nun wirklich keine Wünsche mehr offen lässt. Dass diese Revolution im Packaging ausgerechnet aus dem Ökodorf Brodowin nördlich von Berlin stammt, zeigt, welch langen Weg die Öko-Landkommune mittlerweile zurückgelegt hat. Ausführlich heisst es dazu auf deren Website:

Das Material unseres neuen Milchbeutels besteht zu 40 % aus Kreide (Calciumcarbonat). Verbunden mit recycelbarem Kunststoff entsteht daraus eine sehr leichte Verpackung, die mit ihrem Gewicht von 16 g, im Vergleich zu anderen Einwegverpackungen, sparsamer in Energie- und Wasserverbrauch ist. Sie reduziert Abfall, denn weniger Gewicht ist weniger Müll.

Und weiter:

Dieser Milchbeutel bietet Ihnen weiterhin den vollen Geschmack, weniger Aufrahmung durch flexible Hülle, Reissfestigkeit und Standfestigkeit bis zum letzten Tropfen, einfaches und bequemes Öffnen, weniger Verpackungsmüll, produktschonende Abfüllung und ein minimales Gewicht (16 g).

Weniger Aufrahmung und Verpackungsmüll – schön und gut. In falscher Bescheidenheit wird jedoch kein Wort verloren über die eigentlich genrestiftenden Innovation: den angeflanschten Aufblasgriff, der als Rückgrat der Tüte Halt gibt und damit das plastene Exoskelett überflüssig macht. Zudem und vor allem ist er derart handschmeichlerisch, dass nicht nur Materialfetischisten die Tüte nur sehr ungern wieder aus den Händen geben. Eigentlich möchte man – wie bei Blisterfolie -natürlich die Blase zum Platzen bringen und die Luft entweichen lassen, scheitert aber zwangsläufig mit schierer Muskelkraft. So trägt man die schlaffe Tüte unvollendet am immer noch formstabil-prallen Rückenwulst zur gelben Tonne, wohlwissend, dass es kein zurück mehr gibt – dass die Milch der Zukunft einen druckluftbetankten Henkel in Spindelform haben wird.


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"Demon", Marcin Wrona (2015)

Plus: 3, 11, 33, 34, 35, 41, 42, 56, 89, 132
Minus: 37, 135, 155, 183, 199
Gesamt: 5 Punkte


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