Riesenmaschine

30.09.2006 | 17:46 | Berlin | Was fehlt

Besorgt um Entsorger

Die Berliner Entsorgung-, Wertstoff und Facilitymanagementfirma Alba macht neuerdings auf ihren Fahrzeugen Werbung, in Ermangelung anderer Partner erst mal für sich selbst, so weit in Ordnung. Auch das dafür eingesetzte Testimonial Henrik Rödl, geboren 1969 in Offenbach, wie vorsichts- und vollständigkeitshalber unter dem Namen mit vermerkt wird, fällt nur auf den ersten Blick gegen Genregrössen wie Beckenbauer oder die Gottschalk-Brüder ab – ist Rödl doch, wie eine kurze Internetrecherche ergibt, ehemaliger Nationalspieler und seit 2005 Trainer des von der Firma gesponserten und fast gleichnamigen Basketballvereins Alba Berlin. Von daher konsequent, also. Nur beim sloganhaften Testimonial-Zitat, das Herrn Rödl in den Mund gelegt wird, hat man es dann leider komplett vermacht: "Immer alles geben"! Sollte man von einem Entsorger nicht das exakte Gegenteil erwarten?


30.09.2006 | 06:27 | Anderswo | Alles wird schlechter | Sachen anziehen

Kopfgesteuert

Schon seit Urzeiten sind Videospiele nicht bloss auf die klassischen Steuermöglichkeiten Steuerkreuz/-knüppel plus Knöpfe beschränkt. So gab es Pistolen, Bongotrommeln, Kameras, Tanzmatten, und einiges mehr.
Bald steht allerdings ein weiterer Schritt ins Haus, die meisten werden davon schon gehört haben, Nintendo veröffentlicht demnächst die Wii (nein, nicht das hier) mit einem Controller, der aussieht wie eine Fernbedienung (und nebenbei noch einen eigenen kleinen Lautsprecher hat). Hier ist nun nicht nur das Gedrücke auf dem Controller entscheidend, sondern auch, wie man ihn in der Luft bewegt. Man schwingt beim Golf also wirklich mit dem Arm und fuchtelt beim Schwertkampf mit dem Wiimote wild vor sich in der Luft rum. Das klingt so, als würde Videospielen in Zukunft ein bisschen albern aussehen? Genau so ist es.

Aber es geht natürlich immer noch alberner: Bei einem neuen japanischen Plug&Play-Telespiel (wie gehabt via Kotaku) muss man, um Spielfigur Doraemon zu steuern, lustig mit dem Kopf hin- und herwackeln. Ein Heidenspass. Und ein zweites Spiel für diese Technologie ist auch schon in Planung: Es handelt sich um die Speed-Metal-Variante von Dance Dance Revolution.


Nominiert für die Infografik des Jahres, Kategorie Niedliches


29.09.2006 | 20:01 | Anderswo | Essen und Essenzielles

Kein trockenes Auge um Auge


Mach meinen Tag nass, Punk
(Foto von Yaniv Golan)
Mit zunehmender Menschendichte steigt die Anzahl der gesellschaftlich sanktionierten Regeln und Gesetze, um ihr Zusammenleben zu ermöglichen; die persönliche Freiheit des Einzelnen, ebenso wie der physikalische Raum, der ihm zur Verfügung steht, um seinen Fussabdruck reinzumachen, nimmt stetig ab. Der offensichtliche Ausweg, die vielen Menschen wegzumachen, ist aus guten Gründen verboten, und findet daher in der Regel nur in Kunst und Spiel statt, durch Abschaffung der Anderen oder Isolation des Einzelnen. Die Beispiele dafür sind Legion; eins der jüngeren ist StreetWars, gegründet vor zwei Jahren, seitdem in sieben Städten gespielt und soeben in New York zum achten Mal gestartet, bei dem die Mitspieler mit der Wasserpistole Jagd auf ein Opfer machen, während ihnen ihr eigener Spritzkiller im Nacken sitzt. Jeder Spieler bekommt Heim- und Arbeitsanschrift und ein Foto des zu Mordenden, und zahlreiche der Mitspieler verfallen während der Spielwochen in den Komplettsimulationsmodus, treiben sich stundenlang auf Dächern in Ninjakostümen herum und steigen in ihre eigene Wohnung nur noch durchs Badezimmerfenster des Nachbarn ein. Erfolgreiche Killer erledigen als nächstes das Ziel ihres Opfers, bis es am Ende wie im Eliminationsfilm Highlander nur noch einen gibt, weil alle anderen nass sind.


29.09.2006 | 14:56 | Alles wird schlechter | Papierrascheln

Aber die Billyregale hat er gebaut

Es gab eine Zeit, da war der IKEA-Katalog ein Kleinod in der Kunst des Gebrauchstexts. Okay, Kunst ist vielleicht eine etwas steile Ansage, aber man hatte 300 fluffig geschriebe Seiten vor sich, angenehm unterhaltsame Wortspiele, kleine Gags mit den eigenen Produktnamen. Der Job Werbetexter war noch verhältnismässig neu im Volksbildungsverständnis und eigentlich erst mit der genialen Anzeige "schreIBMaschinen" für den nachmaligen Computerhersteller ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Der IKEA-Katalog sagte dem Volk, "Ach sieh, Werbetext muss nicht öde oder schmierig oder beides sein, er kann auch ganz einfach okay oder sogar gut sein".

Inzwischen ist das anders. Mangelndes Geschichtsbewusstsein kann man niemandem vorwerfen. Totaler Quatsch, mangelndes Geschichtsbewusstsein kann man jedem vorwerfen, der es hat. Denjenigen, die beruflich mit Sprache umgehen, muss man es vorwerfen. Der IKEA-Katalog wurde von mindestens fünf Textern geschrieben, er ist durch die Augen von mindestens drei Agenturvorgesetzten dieser Texter gegangen, eine grössere Anzahl von IKEA-Marketingverantwortlichen hat jedes Wort gelesen und sich über die Hälfte beschwert, anschliessend haben mindestens zwei externe Korrektoren ihn durchgelesen, man kann blind jede Wette eingehen, dass kein einziger Kommafehler im gesamten IKEA-Katalog ist. Aber dass mitten im bunten Reigen der Überschriften der bekannte KZ-Spruch "Jedem das Seine" zu finden ist, das ist niemandem aufgefallen. Wir warten auf die Tischdecke "Maidanek" und die Dekortapete "Buchenwald".


29.09.2006 | 03:48 | Anderswo | Alles wird besser | Sachen anziehen | Zeichen und Wunder

Der allerletzte Kaiser


Kessar Impreore, Umrumqi

"Vorstandsmitglieder in der Firmenzentrale in Rom"

"Seit den fünfziger Jahren arbeitet Chefdesigner Giorgio für Kessar"

"Gründer 1881: Feilibonuo Kaisa"
Buchstabensalat- und Louisbranding, das Umbranden von Paris und Fashion La Vico sind beileibe nicht alles, was die Chinesen im Weltbrandingskrieg aufzubieten haben. Den bisherigen Höhepunkt bilden ihre Anstrengungen rund um die Schuhmarke "Kessar impreore". Schon der Name signalisiert einen imperialen Anspruch. Kessar – so entnimmt man den Schriftzeichen – soll für Kaiser stehen, und impreore für Imperator, so dass wir den ganzen Firmennamen als "Kaiser Kaiser" dechiffrieren können.

Das klingt nun fast schon wie Hohn und etwas Spott, und soll vielleicht auch so gemeint sein. Eventuell ist es aber auch ein grosser Test? Das legen nämlich die Fotos nahe, die in einer Shopping-Mall im westchinesischen Urumqi die Geschichte der Firma Kessar erzählen. Die freundlich lachenden Herren auf dem zweiten Bild sind angeblich Kessars "Vorstandsmitglieder in der Firmenzentrale in Rom, Italien." Auf Foto Nummer Drei soll man "Qiao Qi Ou" sehen, also Giorgio, ein Mann, der "in den fünfziger Jahren als Kessars Chefdesigner eingestellt wurde". Das vierte Foto zeigt Herrn "Fei Li Bo Nuo Kai Sa" (=Philipp oder Filipino Kaiser), der die Firma 1881 gegründet hat, im selben Jahr übrigens, in dem auch Nino Ceruttis Vater geboren wurde.

Nun wissen wir zufällig, dass der Mann auf diesem Foto nicht Philipp heisst, sondern Sigmund, und zwar Sigmund Freud (vgl. besonders dieses Foto). Der gründete 1881 keinen Schuhladen, sondern promovierte mit dem Thema "Über das Rückenmark niederer Fischarten" zum Doktor der Medizin. Und auch die anderen abgebildeten Herren heissen sicher anders, als man in Urumqi so behauptet. Nur wie? Das ist die Frage, die wir an Sie weitergeben wollen. Drucken Sie diesen Beitrag bitte aus, zeigen Sie ihn jedem, den Sie kennen, hängen Sie ihn an Bäume und Laternenpfähle und helfen Sie uns so, Giorgio und die Vorstandsmitglieder zu identifizieren. Wenn uns das gelingt, dann würden wir den sauberen Modekaisern von China zeigen, dass sie uns nicht für komplett dumm verkaufen können. Wenn aber nicht, können sie es eben doch.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Figarau, Figarau, Figarau

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (11)


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