Riesenmaschine

31.07.2007 | 18:31 | Anderswo | Sachen kaufen | Vermutungen über die Welt

Automaten

Im Film "Warenwelten" des Deutschfarsen Harun Farocki streiten sich zwei Regalbestücker eines Supermarkts, wer oben liegen darf und wer unten liegen muss, man feilscht darum, wessen Produkt auf welche Ebene kommt, liegt ein Produkt ungünstig, bekommt das nächste einen besseren Platz. Mitte ist gut, ganz oben schlecht, ganz unten am allerschlechtesten, stigmatisierte Bückware halt. Kaugummiautomaten sind für Erwachsene hingegen generell zu niedrig angebracht. Sie befinden sich auf Augenhöhe der Zielgruppe, Kinder streben immer nach oben, als nächstes ist der Zigaretten- und der Kondomautomat dran.

In Korea gibt es eine sehr markante, unübersehbare Berufsgruppe, das sind die Binlang Mädchen, sie stehen in dem relativ grauen und verschimmelten Land in bunt beleuchteten Plexiglaskuben und verkaufen mit Löschkalk und einer roten Paste gefüllte Betelnüsse, sie machen das Stadtbild bunt, die Zähne ihrer Kunden rot und deren Blick glasig. Jetzt kann sich der, der sich nicht zu den Frauen traut oder die Nuss nicht braucht, sie (die Frauen) auch als kleine Plastikfigürchen aus dem Automaten ziehen. Diese sind aber ganz unten, unter allen anderen Automaten angebracht, weil das offenbar ein für Kinder uninteressanter Bereich ist. So geht der Kreislauf, wenn die Kinder oben angekommen sind, beginnen sie wieder ganz unten. Warum man präparierte Betelnüsse noch nicht aus Automaten ziehen kann, ist allerdings ein Rätsel, vielleicht weil man sich nicht auf die Höhe einigen kann.

Tex Rubinowitz | Dauerhafter Link | Kommentare (8)


31.07.2007 | 11:09 | Fakten und Figuren | Essen und Essenzielles

Nah am Wasser gebaut


Das Missing Link zwischen Wasser und Grafschafter
Das Near-Water-Segment boomt. Waren früher die Welt der Mineral- und Tafelwässer und die der Limonaden kategorial getrennt, verzeichnet die Grauzone dazwischen seit Jahren die stärksten Zuwachsraten, was man mit Slavoj Žižek (PDF) als Symptom der allgemeinen Homöopathisierung des Konsums interpretieren könnte, aber keineswegs muss.

Besonders wild pastös treibt es das Haus Gerolsteiner, das – sehr zum Gefallen des "Erlebnistrinkers" unter den Trinktypen, der "ein Lebensgefühl, das sich weg von der Leistungsgesellschaft orientiert" mit "Lebensdurst auf immer neue und vielfältige Geschmackserlebnisse" verbindet – die Produktinnovationen in so schneller Abfolge raushaut, dass der Konkurrenz schwindelig wird. Auf Naturell plus Frucht und die rustikalere Variante Moment (beide Mai 2006) folgte unmittelbar das schlanke und isotonische Gerolsteiner Sport (Juni 2006), nicht zu verwechseln mit dem schon länger im Markt befindlichen Gerolsteiner Fit. Die 2005 pünktlich und passend zur Klimakatastrophe mit dem Produkt Milder Winter begonnene Saisonalisierung wurde diesen Sommer mit Gerolsteiner Sommer Frische fortgesetzt.

Der jüngste Coup ist mit Gerolsteiner Linée ein in den Geschmacksrichtungen Ananas-Zitronengras, Litschi-Limette und Mango-Grapefruit erhältliches "natürliches Vitalgetränk", das im Sinne des Functional Food mehr kann als nur den Durst löschen. Was nämlich? Es "stabilisiert den Energiehaushalt" (Etikett vorne). Präziser: Es "hilft den Blutzucker und damit den Energiehaushalt zwischen den Mahlzeiten zu stabilisieren" (Etikett Seite). Oder anders: "Es stabilisiert den Energiehaushalt und überbrückt auf gesunde Weise die Zeit zwischen den Mahlzeiten" (Etikett hinten). Ein Diagramm "typischer Energiehaushalt" auf der Rückseite zeigt zudem die "Schwankungen bei unausgewogener Ernährung" (rote Kurve) im Gegensatz zum "Stabilen Verlauf bei ausgewogener Ernährung und mit Linée" (grüne Kurve), wobei unklar bleibt, welcher Anteil der Glättung auf die ausgewogene Ernährung, welcher auf das Produkt entfällt. Den Beitrag dazu leisten jedenfalls "langsame Kohlenhydrate aus Rüben, die vom Körper langsam und länger genutzt werden können".

Schöner, das muss man der Innovations- und Marketingabteilung von Gerolsteiner allemal lassen, ist Rübenzucker selten verbal verpackt worden. Fehlt eigentlich nur noch ein Getränk ähnlicher Bauart, das neben dem Energiehaushalt zusätzlich auch den Koffeinhaushalt stabilisieren hilft. Es könnte zur Abwechslung einmal braun sein.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Single Cola, Single Cask


30.07.2007 | 18:17 | Zeichen und Wunder

Googlige Sprachreform


Sechs verbotene Verwendungen
des googligen Wortes als Substantiv.
Wir haben uns versündigt. Wir haben hier und anderswo die Behauptung zitiert, in Zukunft würden wir mit unserem Google zum Google fahren, um dort Google für unser Google zu kaufen. Dies geschah in Unkenntnis der in den Google-Genehmigungen nachzulesenden Anweisung: "Verwenden Sie die Marke immer nur als Adjektiv, niemals als Substantiv oder Verb und auch nie im Plural oder als Possessivum." Richtig hätte der Satz also lauten müssen: "In Zukunft werden wir mit unserem googligen Fahrzeug zum googligen Supermarkt fahren, um dort ein einziges und keinesfalls mehrere googlige Produkte für einen googligen Einsatzzweck zu kaufen."

Wie wir es allerdings vermeiden können, die Marke als Possessivum zu verwenden, ist uns noch nicht ganz klar. Wie soll man denn sonst vermitteln, dass die googlige Firma – nach dem vollständigen Aufrollen der übrigen Welt auf der googligen Firma ihren grossen Katamari-Ball – jetzt eben auch in Besitz der deutschen Sprache ist? Was wir natürlich keinesfalls kritisieren wollen, sicher wird schon bald alles besser. Die googlige Firma wird die drei albernen und überflüssigen grammatischen Geschlechter an die Basken verkaufen und endlich dafür sorgen, dass auch im Deutschen der Satz von Calvin & Hobbes gilt: Verbing weirds language. Nur das Googeln heisst in dieser googligen Zukunft eben "die googlige Tätigkeit".


30.07.2007 | 10:11 | Berlin | Vermutungen über die Welt

Fassadeure


Dieses Hausbild (Berlin, Senefelder Platz) ist zur Verdeutlichung elektronisch nachvertont worden.
Die meisten Leute kommen irgendwie mit ihrer Sterblichkeit zurecht, wenn sie in den unverdrängten Momenten der Verzweifelung was trinken oder an sich herumspielen. Die anderen werden Architekten. Sie wollen ausschliesslich grosse, monumentale, ewige Gebäude bauen, aber denken sich eine Menge Kulturgetöse drumherum aus, damit man nicht merkt, wie fixiert sie auf die Unsterblichkeit sind. Deshalb heissen auch sämtliche Architekturbüros wie ihre Gründer. Ewigkeit aber ist ein eher langzeitorientierter Ansatz, weshalb es den meisten Architekten schwerfällt, so etwas wie Trends oder Moden korrekt einzuordnen; prompt versagen sie auf diesem Feld wie selten versagt wird in der Kultur. Ein Beispiel, nein, Beweis für diese Unfähigkeit steht in Berlin Prenzlauer Berg. Das Haus wurde vor kurzem mit einer Fassade versehen und zwar mit einer gelb-ocker-orangenen Fassade in Schwämmchentechnik bemalt. Diese Wandbemalungstechnik wurde in Berlin zeitgleich mit den K&D Sessions von Kruder & Dorfmeister entdeckt, jene wie solche beherrschten dann die Cafés, um anschliessend als Teil der Fin-de-Siècle-Kultur pünktlich zur Jahrtausendwende im Nichts zu verschwinden. Und nun kommt so ein Architekt, erinnert sich an die 90er Jahre und malt die Fassade mit Kruder & Dorfmeister voll. Er wird seinen Tod nicht verhindern können, wie so viele.


29.07.2007 | 22:08 | Anderswo | Alles wird besser

Im WLAN, zu Wasser und in der Luft


Auch New Jersey, aber nicht Ocean City
(Foto: ableman) (Lizenz)
"SPIEGEL Online, guten Tag?" – "Hier Ocean City, New Jersey, hallo. Wir haben grad die Superidee, dass man ja auch beim Surfen surfen können könnte. Wir prökeln jetzt mal ein Jahr lang rum und zack! vielleicht kann man 2008 schon an unserem schicken Strand drahtlos ins Netz! Wahnsinn, oder? Macht doch da mal was drüber!" So oder ähnlich wird es sich zugetragen haben, und dabei heraus kam diese vorfreudige Meldung.

Hat man natürlich längst gelesen, im nassen Bikini nach gehabter Schwimmung. Zumindest wenn man in Wien lebt, denn das ehrwürdige Bad Gänsehäufl an der Alten Donau ist vorbildlich schon im dritten Jahr mit WLAN versorgt. Das ursprünglich als Pilotprojekt bis Ende 2005 eingerichtete Netz läuft unbeirrt auch in dieser Saison. Gut, kann man nun sagen, aber das ist ja kein Strand, denn dazu gehört nun mal Meer, und das hat Österreich halt weniger. Aha, könnte man weiterhin einwenden, aber jetzt bloss nur a bissl WLAN, ganz ohne Bezahlfunktion und Kinderüberwachung? Das soll alles sein? Da entgegnen wir doch ganz gelassen: Ja, das ist alles. Hier sind die Kinder mangels Brandung ja nicht mal in Gefahr. Und überhaupt, in Estland kommt man ohne das alles schliesslich auch aus, an jedem Strand. Das macht 2:0 für Europa. Na gut, 2: ca. 70.000.

Anna-Sophie von Gayl | Dauerhafter Link | Kommentare (2)


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