Riesenmaschine

13.08.2018 | 09:48 | Alles wird besser | Fakten und Figuren

O Waldo, Where Art Thou?

Schach – schön und gut. Go – who cares? Poker – kommt Leute, da gewinnt jeder mal. Quake 3 Arena – hallllooooo, es ist ein Computerspiel, was habt ihr bitte erwartet? Aber dass die Maschinen jetzt auch noch besser in Where's Waldo sind, das sollte uns wirklich zu denken geben.

Konkret handelt es sich um den Roboter "There's Waldo" aus dem Innovation Lab der US-amerikanischen Agentur redpepper: Ein Rasperry-Pi-gesteuerter Roboterarm, ausgestattet mit einer putzigen Hand und einer Kamera, macht Fotos von Waldo-Wimmelbildern, nutzt OpenCV um Gesichter zu extrahieren und anschliessend das noch recht neue Google AutoML Vision um Waldo zu idenfizieren. Bei mehr als 95-prozentiger Übereinstimmung schlägt die putzige Hand zu bzw. deutet auf Waldo. "While only a prototype, the fastest There's Waldo has pointed out a match has been 4.45 seconds which is better than most 5 year olds", schreibt redpepper über seine Schöpfung.

Nun kann man sich Sorgen machen, dass im Terminator-Zeitalter ein "There's [hier bitte den eigenen Namen einsetzen]"-Roboter unterwegs sein wird, bloss anstelle einer putzigen Hand mit einer putzigen AK47. Man kann das Ganze aber auch positiv sehen: Wie viel Zeit gewinnt die Menschheit bitte, wenn wir nicht mehr selbst nach diesem nervtötenden Waldo suchen müssen? Sollte es jetzt noch Roboter geben, die unsere Sudokus ausfüllen, unsere Zeit-Magazin-Kreuzworträtsel lösen und unsere Pokémon-Go-Box aufräumen, hätten wir endlich genug Freizeit, um die Dinge zu tun, die uns Spass machen.


06.01.2013 | 11:26 | Alles wird besser | Fakten und Figuren | Zeichen und Wunder

Was bleibt


Nicht so haltbare Informationen (Windell Oskay, Flickr, CC-BY 2.0)
Johannes Trithemius, Abt von Sponheim, wies schon 1494 darauf hin, dass man Wichtiges nicht auf der Rückseite von Kaugummipapierchen notieren solle: "Gedrucktes aber, da es auf Papier steht, wie lange wird es halten? Geschriebenes, wenn man es auf Pergament bringt, wird an die tausend Jahre Bestand haben ... wenn Gedrucktes in einem Band aus Papier an die zweihundert Jahre Bestand haben wird, wird es hoch kommen ..."

Schon ein halbes Jahrtausend später fiel das auch auch den Autoren der Riesenmaschine auf: "Wenn allerdings nicht bald Geräte auf den Markt kommen, die Festplattenbackups auf Tontafeln brennen, werden wir womöglich einst selbst zu den Kulturen gehören, von denen nur einige rätselhaft beschriftete Jackenknöpfe bleiben." (Lexikon des Unwissens, Rowohlt 2007). Was tun, wenn das Finanzamt demnächst die Aufbewahrungsfristen aller Unterlagen auf fünfzigtausend Jahre verlängert?

Die Lösung des Problems kommt zur Abwechslung aus Österreich: Memory Of Mankind bietet genau den von uns herbeigewünschten Service und brennt zum Preis von 153 Euro alles Wichtige auf Tontafeln, die dann im Salzberg von Hallstatt gestapelt werden. Die Tafeln sind ein paar hunderttausend Jahre haltbar, und "der Ort des Archives liegt hoch genug, um bei Anstieg des Meeresspiegels nicht geflutet zu werden und damit sich bei Eiszeiten die Gletschererosion nicht stark auswirkt."

Die geschätzten Kommentatoren dieses Beitrags sind aufgefordert, Vorschläge einzureichen, welchen Beitrag der Menschheit (Umfang bis 25.000 Zeichen, mit Bildern weniger) wir für die Zukunft retten lassen sollen: Den Wikipediaeintrag über Kuhmagnete? Oder die ersten 25.000 Zeichen von Bahnübergang (Deutschland)? Ein wichtiges Igelbild? Gehen nur unseriöse Vorschläge ein, wird die Redaktion einen einzigen Riesenmaschinebeitrag ihrer Wahl brennen lassen, zum Beispiel diesen hier. Oder die Kommentarsammlung. Oder eine leere Tontafel. Dann tut es euch leid, aber dann ist es zu spät, oder wie Memory Of Mankind es ausdrückt: "Wer nicht dabei ist, wird nie existiert haben."


22.12.2012 | 00:34 | Fakten und Figuren

Tickern bis zum Ende

Im Unterschied zu gewissen Hochkulturen der Bronzezeit werden wir unsere Weltuntergangsberichte als saubere, empirische Protokolle in Form von Livetickern an die nachfolgende Spezies weitergeben, und nicht als dunkles Raunen. Ein noch nie dagewesenes Experiment, das zudem nur im deutschen Internet stattfand. Wie mag es ausgegangen sein?

Vielversprechend vor allem der Versuch der taz, die zwölf Stunden lang, von acht bis acht, professionell und gut organisiert durchtickert. Am Anfang erfüllen sich die Erwartungen; man erfährt schon am frühen Morgen, dass Michail Gorbatschow mit einer Wahrscheinlichkeit von 1 zu 710.609.175.188.282.000 der Antichrist ist. Vorbildlich ausserdem die gründliche Benutzung des Korrespondentennetzwerks und die Kategorisierung der Meldungen (Hintergrund, Opfer, usw.) – Tagging für die Anthropologen der nächsten Welt. Allerdings baut das Team schon nach zwei Stunden radikal ab, liefert nur noch konzeptlos Zusammengefegtes und verbringt offenbar den gesamten Nachmittag beim Glühwein.

Der Marktführer Spiegel Online steckt das Genre gründlich ab. Spätestens ab neun Uhr morgens ist klar, dass der Weltuntergang ein Event ist, so ähnlich wie die Loveparade, ein Pokalendspiel oder eine Bundestagsdebatte, bei dem auch ungefähr genausowenig passiert. Demzufolge besteht der Liveticker ausschliesslich aus Nichtigkeiten ("Schildkröte umgefallen"), als Omen gedeuteten Nachrichten und dem Standardscherz mit der überraschend einbrechenden Dunkelheit, den die Autoren gründlich zu Tode trampeln. Wenigstens besaufen sich die Spiegel-Redakteure zum Schluss, vermutlich aus Frust über die verpasste Chance.

Kurzer Einschub zu N24, die zwischen 6 und 14 Uhr lachhafte 14 Meldungen abgeben, die üblichen Anekdoten aus China, Südfrankreich und Mexiko, alle knapp oberhalb der von SPON weit nach unten gedrückten Schmerzgrenze angesiedelt. Charakterloses Trittbrettfahren.

Charakterlos kann man den Ticker des Express nicht nennen, aber verantwortungslos schon. Die Kölner starten um 7 Uhr morgens und halten unter dem Motto "heute sind wir alle Maya" mit unglaublicher Penetranz bis Mitternacht durch. Anfangs bombardieren sie die Leser alle fünf Minuten mit neuen Banalitäten ("Es gibt Senfeier mit Kartoffelpüree"), ein Affentheater aus Kuriosem, ICH KANN DAS NIHCT ALLES LESEN!!!@!1 Zum Glück lässt die Frequenz gegen vier allmählich nach. Nur noch sechs müde Durchhalteparolen in den letzten drei Stunden.


Die Apokalypse wird geplant (Foto: Marshal Astor, CC-by-sa 2.0)


Der Liveticker der WAZ geht vertraulich mit seinen Lesern um und duzt erst mal alle. Vielleicht ein Versuch, die Angst zu mildern, denkt man zunächst, aber bald wird klar, dass der Berichterstatter wirklich alle seine Leser aus der Kneipe kennt. Zwei Drittel der Meldungen sind Insiderscherze über Hagen, Essen, Wattenscheid, Oberhausen und Soest, Nachrichten von einem anderen Planeten. An einigen Stellen jedoch überraschend interessante Informationen über frühere Weltuntergänge und wie man sich gegen Apokalypsen versichern kann. Hier blitzt in Ansätzen das Potential des Weltuntergangs für das Livetickergenre auf.

Eine interessante Alternative bietet der Ticker der Welt. Hans Zippert liefert einen Bürotag lang kompletten Schwachsinn. Kostprobe: " In Harsewinkel fing ein Adventskranz Feuer, einer Hausfrau in Grottenmühl brach der Henkel ihrer Teetasse ab, und in Dormagen wurde ein kleines schwarzes Kätzchen gesehen, das nach Aussagen mehrerer glaubwürdiger Zeugen irgendwie sehr verschlagen geguckt habe. Das Tier konnte eingefangen werden und wird zur Zeit verhört." Wenn es lustig wäre, hätte der Weltuntergang hier eine neue Existenz als postmodernes Humorspektakel beginnen können. Zippert geht pünktlich um fünf nach Hause.

Zurück im Mainstream beim Stern. Ein fauler, lästiger Liveticker, unter anderem über Baumarktumsätze. Als lustig gilt hier, dass Gott in Amerika nicht "der" oder "das" ist, sondern "the", eventuell ein neuer Minusrekord für Witze. Anschliessend folgen Texte von Herbert Grönemeyer. Der Ticker zerstört sich selbst am frühen Nachmittag.

Zum Schluss ein Blick auf die Kollegen von web.de, die sich vor allem für schlechte Milch, fehlende Brötchen und langsames Internet interessieren. Es handelt sich um den einzigen Liveticker, der schon Donnerstag Mittag anfängt und bis Freitag abend durchhält. Allerdings hält man sich auch hier wieder brav an die Bürozeiten und lässt den dunklen Teil des Weltuntergangs vollständig undokumentiert. Offenbar ist die Apokalypse im Unterschied zu Zweitligaspielen kein Ereignis, für das sich Überstunden lohnen.

Am Ende steht die Erkenntnis, dass es ein Fehler war, den 21. Dezember als Event aufzufassen. Stattdessen muss man den Weltuntergang wohl als ein grossskaliges Prokrastinationsexperiment begreifen, die Dokumentation des Nichts, das Warten auf die Leere, verwandt mit dem WETI-Experiment, nur nicht mit Bots, sondern echten Journalisten. Die Bushaltestelle am Ende des Universums.

Aleks Scholz | Dauerhafter Link


26.11.2012 | 01:22 | Was fehlt | Fakten und Figuren | Sachen kaufen

Die Depixilierung der Welt

Da fahren wir die Maschine extra zwei Jahre auf Reservemodus, damit da draussen wieder neue Dinge passieren können und was kommt dabei raus? Nichts. Damals: 8-Bit-Krawatte, 8-Bit-Uhr und 8-Bit-Halskette, die Rückkehr der Pixel in die mittelgutauflösende Welt der Nullerjahre. Heute: Minecraft-Spitzhacke aus Schaumgummi bei Amazon, die Retrofreunde von der VG Wort fluten das Netz mit Zählpixeln und, ganz neu: Das Original Windows Solitaire als ausgedrucktes Kartenspiel – die Rückkehr der Pixel in die HD-Welt der Zehnerjahre. Nicht auszudenken, wenn unsere Autoren auch noch mit sowas anfangen würden.

Das bleibt jetzt so, das geht nicht mehr weg, dafür sind die 8-Bit-Nostalgiker zu alt. Da hilft nur nach vorne schauen: Die Kinder, die heute mit Retina-Displays aufwachsen, werden in den 2020ern dafür sorgen, dass alles so superfeinauflösend ist. Berge werden durch Geröll ersetzt, Geröll durch Sand und Sand durch Mehl. Treppen werden zu schiefen Ebenen, weil niemand mehr diese groben Stufen sehen mag. Karohemden werden einfarbig. Es wird eine neue Flurbereinigung geben, nach der alle Felder nur noch bierdeckelgross sind. Leibnizkekse sind nur noch echt mit 52.000 Zacken. Badezimmerböden werden nur noch aus einer Riesenfliese bestehen. Legosteine werden so klein sein wie Atome. Und Atome so klein wie 1:100-Legomodelle von Atomen!

Bei Koalastothemax lässt sich der Depixilierungsprozess bereits wunderbar nachvollziehen. Und wenn dann alles eine hochauflösende Suppe ist, bleibt der Generation 8 Bit nur noch, ihren Schmerz mit 8-Bit-Bier zu töten.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Unscharf ist das neue Schwarz

Kathrin Passig, Michael Brake | Dauerhafter Link | Kommentare (2)


02.11.2012 | 00:14 | Anderswo | Fakten und Figuren

Ach wie flüchtig, ach wie wichtig


"Vergänglichkeit", Dresden. Die ursprünglich das Denkmal krönende Seifenblase
wurde im 2. Weltkrieg zerstört. (Foto: Kathrin Passig)

So vieler wichtiger Dinge wird weltweit in Marmorstein und Eisen gedacht: Männer auf Pferden, sehr grosse Männer auf sehr grossen Pferden, Männer falschherum auf Pferden, Männer falschherum ohne Pferd, Robocop, Käsemilben, Wiarton Willie, Penisse, grössere Penisse, aber auch Daumen, Riesenstühle, Haifische, die in Hausdächern stecken, aufgespiesste Insekten, Ho Chi Minhs Hintern, Tiere, die im Krieg gedient haben, Carhenge, Büroklammern, Büroklammern, Gabeln, Gabeln. Aber zu selten gedenken wir einer der wichtigsten Angelegenheiten, der Vergänglichkeit. Vermutlich, weil wir zu selten an sie erinnert werden. Es sei denn, wir halten uns gerade in Dresden auf, wo ein dauerhaftes Spezialdenkmal die Vorüberkommenden mahnt: Bedenke, Mensch, dass du nicht aus Stein bist! Nicht dass du viel davon hättest, wenn du aus Stein wärst, schau mich an, früher oder später erwischt es uns alle, dich etwas früher als mich, du glibbriges Spektakel. Wer jetzt keinen Bausparvertrag hat, kauft sich keinen mehr.


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"The proposition", John Hillcoat (2005)

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