Riesenmaschine

28.02.2007 | 21:29 | Sachen kaufen

Materialismus heavy


Na komm schon, Geist!
Schon bei Platon war der Geist männlich, die Materie hingegen weiblich, ergo: neglegabel bis suspekt. Marx und Engels unternahmen dann noch einmal den Versuch, sie zu rehabilitieren und in den Fahrersitz der Weltgeschichte zu hieven – der allerdings, spätestens seit Grobi die Mauer (Stahlbeton made in GDR) wie das Haus der drei Schweinchen wegpustete, endgültig als gescheitert gilt. David Chalmers schliesslich tritt noch mal nach, zieht den Dualismus wieder ein und verweist die Materie dorthin, wo sie vermeintlich hingehört: zu den Zombies in den Kofferraum.

Das konnte nicht so ohne weiteres unwidersprochen bleiben und blieb es auch nicht: Schon formiert sich der Widerstand gegen die Geringschätzung der Materie. Sein geistiges (haha!) Hauptquartier dürfte ein Geschäft namens "Matter" in Brooklyn sein, auf dessen programmatischer Shopsite Mattermatters sich tolle Dinge finden, die ganz und vollständig aus Materie bestehen. Dort findet sich unter anderem dieser monströse grosse Korken aus massivem Kork, aber auch ein 4000 Seiten starkes Buch aus recyceltem Papier. Wenn man den Korken als Hocker benutzt, kann man es als buchstäblichen Büchertisch dazustellen. Oder man kann alles reinschreiben, was einem sonst noch so zur Materie-Geist-Problematik einfällt.


28.02.2007 | 12:43 | Vermutungen über die Welt

Die Leiden von Fujiya & Miyagi


Kulturelle negative Rückkopplung (Foto: photocapy / Lizenz)
Europhilie vermutet man törichterweise, wenn sich Ostasiaten Kopien europäischer Bausubstanz in ihren Dschungel oder so stellen, deren Gegenwert wie beim japanischen "Huis ten Bosch" etwa einer Million Flugreisen nach Holland entspricht. In Wirklichkeit nämlich wird Europa damit zu einem niedlichen, technisch unterlegenen Kuriositätenkabinett stilisiert, dessen Errungenschaften eben nicht mehr wissenschaftlich rational sind, sondern sich auf eine vormoderne folkloristische Ästhetik beschränken (steht jedenfalls hier). Dass jemand das Wakizashi umdreht, ist überfällig.

Die britische Band Fujiya & Miyagi referiert netterweise keine Visual-Kei-Zitate, sondern bastelt sich eine Klangwelt, in der Zen und Krautrock hübsche Synergisten sind und der Rest irgendwie den Geruch von Bordeaux und Baguette verströmt. Klar erkennbar ist der Versuch der subversiven Rückeroberung des absoluten Geltungsanspruches europäischer Kultur nicht. (Das amüsant verzerrte Stereotyp des Japan-Sounds findet man eher bei der Französin Michiko Kusaki.) Es gab keinen Fujiya-Miyagi-Hype, trotz dieser Kritik. Das aktuelle Album erscheint bald zum dritten Mal. Das Label wird von Herbert Grönemeyer getragen. Kein Blog hat sie begleitet.

Jan-Christoph Deinert | Dauerhafter Link | Kommentare (1)


28.02.2007 | 02:54 | Berlin | Anderswo | In eigener Sache

Donnerstag ist Riesenmaschinentag


Meide Informationen von Menschen, die vor Mikrofonen reden. (Foto: Jan Bölsche)
Montags ist Nudeltag, Dienstag Strudeltag und Mittwoch Knödeltag. Freitag ist Fasttag, Samstag ist Zahltag und Sonntag natürlich Zweitligatag. Donnerstag hingegen ist Riesenmaschinentag, ein Feiertag in 21 (sehr kleinen) Ländern, das ZDF überlegt bereits die Einführung eines "Worts zum Donnerstag". Und wie jeden Donnerstag finden deshalb auch an diesem Donnerstag wieder in drei verschiedenen Städten drei Veranstaltungen mit Riesenmaschine-Autoren statt: In Berlin trifft Holm Friebe um 20 Uhr im Grünen Salon auf die baldige Ex-Zitty-Chefredakteurin Mercedes Bunz und andere Leute um über "Kein Geld, aber tausend Ideen" zu reden. Fast zeitgleich, nämlich um 19.30 Uhr, halten Klaus Nüchtern und Tex Rubinowitz in der Buchhandlung Leporello in Wien die szenische Lesung "Wir können vor lauter Kraft ein Lyrikbändchen von Rilke zerreissen". Und in München beginnt im Literaturhaus ebenfalls um 20 Uhr Riesenmaschine TV, mit Sascha Lobo und Kathrin Passig an den Mikrofonen und Michael Brake am Laptop.


27.02.2007 | 20:49 | Alles wird besser | Alles wird schlechter

Nichts Neues aus der Privatsphäre


Tagesablauf des Autors in Slife, völlig unrepräsentativ, da Eclipse, Emacs und das grosse Programm zur Weltrettung nicht aufgezeichnet werden. Habe wirklich nicht nicht die ganze Zeit im Web gesurft. Also, nur wichtige Programmierdokumentation. Echt jetzt.
Überwachung ist angesagt: Mit dem Thema kann ein deutscher Film einen Oscar absahnen, obwohl gar keine Nazis vorkommen. Mit Computern überwacht es sich von Natur aus leichter, besonders wenn die Arbeit an einem geleistet wird. In Neal Stephensons "Snow Crash" beispielsweise überwachen die Überbleibsel der staatlichen Behörden die gesamte Arbeit ihrer zahlreichen Programmierer. Jene entwickeln daher Strategien, wie eine Dienstanweisung zur Selbstversorgung mit Toilettenpapier entlangzuscrollen ist, so dass es aussieht, als habe man sie gelesen. Die Software zu diesen Zwecken ist kaum jünger als der Roman, schön aber, dass es sie endlich mit abgerundeten Ecken gibt und sie für jeden zur Produktivitätssteigerung durch freiwillige Gesinnungskontrolle zu haben ist.

Slife (via LifeHacker) passt auf Macs auf: mit welchen Tippfehlern man seine Lieben über iChat versorgt, wie lange man auf den Panorama-Seiten des Spiegels surft und sich über die Kettenbriefe aufregt, die einem der Kleine aus der Buchhaltung geschickt hat. Spannend wird es, wenn man das Ganze live mit den Freunden teilt, die dann zugucken dürfen und einen beim Abendmahl Vorhaltungen machen können. Natürlich gibt es Möglichkeiten, Aktivitäten zu verheimlichen – aber deine Lücken werden auffallen, Freundchen. Was die eigene Person an Disziplin vermissen lässt, fügt sich so trefflich von aussen ein.


27.02.2007 | 16:18 | Supertiere | Fakten und Figuren

Linksschwimmen gegen Rechts


An exercise in futility (Foto: You are the conductor / Lizenz)
Donnerwetter. Kaum glaubt man, es liesse sich nichts mehr unternehmen gegen die starke Strömung, die einen mitsamt dem notdürftig gezimmerten Floss den donnernden Fluss hinunter auf die tödlichen Stromschnellen zutreibt, da liest man im bordeigenen Internet von einer möglichen Rettung, die sich ausgerechnet das Bakterium Escherichia coli ausgedacht hat, von dem man eigentlich am wenigsten Hilfe erwartet hatte: Man muss sich nur mit einem Propellerantrieb aus Flagellen versehen, damit hydrodynamisch nach links kreiseln und so effektiv helizitär gegen den Strom schwimmen, bis sich am Ufer eine Crevasse zeigt, in der man überwintern kann. So, schreibt Prof. Hür Köser aus Yale, der mit seinem Namen im Zirkus auftreten könnte, kann man, jedenfalls ungefähr, unter anderem einen Blasenkatheter hinaufschwimmen, wenn einem daran etwas liegt, oder eben auch irgendeinen anderen Fluss. Think simple, so sagt Survivalpapst Bakterie, und hält sich konsequent links. Was aber letztlich egal ist, denn derselbe Mechanismus würde auch komplett andersherum funktionieren.


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