Riesenmaschine

29.03.2010 | 23:51 | Anderswo | Alles wird schlechter | Listen

Apfelbäumchenpflanzen jetzt im Live-Ticker verfolgen

Das Geschehen am Large Hadron Collider ist als journalistisches Thema mittlerweile nicht mehr das freshste, aber das interessiert bild.de natürlich nicht. Stattdessen wollte man dort vom morgigen Protonen-Aufeinanderschiess-Experiment per Liveschalte berichten. Zwar wird ein Verantwortlicher zitiert, der die ganze Sache schon im vorhinein zum langweiligen Unereignis erklärte, doch, so die Humeschen Induktionsskeptiker von bild.de, "genau kann er es auch nicht wissen – ein Experiment dieser Dimension wurde noch nie durchgeführt".

Die Videoverbindung kommt aber nun nicht zustande wegen "technischer Probleme", vermutlich hat ein Vogel die aufgestellte Webcam mit Krümeln beworfen. Darum greift man bei bild.de jetzt zum last resort der Berichterstattung: dem Live-Ticker. In diesem Fall ergibt sich daraus natürlich ein interessanter Versuchsaufbau (viel interessanter als diese ewige Protonen-Aufeinanderschiesserei): Entweder bild.de stellt morgen früh ab 9 Uhr den Rekord für den langweiligsten Live-Ticker der Welt auf – oder aber (mit einer Wahrscheinlichkeit von immerhin 50%, denn "it's gonna either happen or it's gonna not happen") es ergibt sich für alle Nerds, Geeks und sonstige Stubenhocker die wahrlich einmalige Möglichkeit, für ihren Lebensentwurf ein letztes Zeugnis abzulegen: "Weltuntergang? Ach, das lasse ich nebenbei im Live-Ticker laufen!" Wir werden es vermutlich nie erfahren, denn morgen um 9 Uhr schlafen wir natürlich noch.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Zen-Sportberichterstattung


26.03.2010 | 12:09 | Papierrascheln | In eigener Sache

Wenn man nicht alles selber macht

An dieser Stelle sollte eigentlich eine unparteiische Buchkritik von Jochen "Ich muss es jetzt nur noch lesen" Reinecke stehen. Ungern weichen wir auf die zweitbeste Lösung aus, unparteiische Buchkritik durch die Autoren selbst. Wenn man uns beim Verfassen von Amazonrezensionen zu eigenen Büchern unter Pseudonym ertappt, ersticke man uns bitte mit einem Sofakissen.

Letzte Woche erschien das beste Buch der Neuzeit. Gleichzeitig handelt es sich auch um das beste jemals erschienene Sachbuch zum Thema "Verirren", versehen mit einem der attraktivsten Rowohlt-Cover aller Zeiten (gestaltet von Riesenmaschine-Grafiker Martin Baaske). 270 Seiten, gefüllt mit genau der richtigen Mischung aus haarsträubenden Verirrensberichten und harten Fakten. An diesem Buch stimmt einfach alles*.

Da erscheint es nur folgerichtig, dass der Rest der Welt sich in ungebremsten Lobpreisungen ergeht. So hält die Süddeutsche Zeitung das Buch für den grössten Wurf seit "Abrakadabra" von Aleister Crowley, und die Frankfurter Allgemeine urteilt gar, es sei allmählich auch Zeit gewesen, dass jemand Berkeleys katarrhalischen Idealismus in die Postmoderne überträgt. Ausserdem sind achtundachtzig wirre Grafiken im Buch, die alles erklären, was erklärt werden muss. Jetzt kaufen bei den einschlägigen Fachverbänden, wenn's geht, gleich mehrere Exemplare.

* bis auf:
S. 69 "Kap Hoorn" und "Kap der Guten Hoffnung" verwechselt
S. 60 "Südosten" und "Nordosten" verwechselt
S. 270: "Ulf Maiwälder" heisst Ulf Mailänder.

Kathrin Passig, Aleks Scholz | Dauerhafter Link | Kommentare (28)


17.03.2010 | 16:07 | Nachtleuchtendes | Zeichen und Wunder

Fernsehen wie noch nie


Silent Küche-Saubermaching
Die erste Webcam war bekanntlich die Trojan Room Coffee Machine, die von 1991 bis 2001 den Füllstand der Kaffeemaschine aus dem alten Computerlabor der Universität Cambridge ins Netz funkte. Danach wurde sie in den verdienten Ruhestand geschickt, und das Prinzip Webcam geriet in Vergessenheit, bzw. wanderte ins 3sat-Fernsehen ab, wo, wenn man Glück hat, zu nachtschlafender Zeit mitunter Live-Bilder von Skiliften übertragen werden. Nur ein paar Prolls schauen noch anderen Prolls im Big-Brother-Container zu – und die paranoiden Superreichen auf Fisher Island haben es sich zur Gewohnheit gemacht, Überwachungskamerabilder aus anderen Teilen der Villa auf ihrem Fernseher laufen zu lassen. Dieser Idee nun wiederum huldigt das ansonsten in Webdingen unbeleckte bzw. gewohnt abzockerische Mariott Hotel Köln, indem es den ersten Fernsehkanal per Default mit einer Live-Übertragung aus der Küche des hauseigenen Restaurants Fou belegt hat. Was dem müden und beladenen Gast im ersten Moment anmutet wie die Nachtschleife des aserbaidschanischen Fernsehens, entpuppt sich als faszinierend hautnahes Reality-TV, wenn um 2:30 wie aus dem Nichts eine fremdländisch vor sich hin schimpfende Reinigungskraft die Szenerie betritt und unbekümmert den Dienst versieht. Wie im Wachkoma bleibt man gebannt den Rest der Nacht am Rohr in der Hoffnung, doch noch einer Ratte, ein paar ortstypischen Heinzelmännchen oder dem heimlichen Interkursus der Nachtportiers teilhaftig zu werden. Warum hat man noch keinen Fernsehkanal für die eigene Küche, das Bad oder den Fahrradkeller? Eigentlich möchte man nur noch so fernsehen – und würde dafür im Zweifel sogar endlich die GEZ-Gebühr bezahlen.


12.03.2010 | 19:27 | Zeichen und Wunder

Überschrift mit billigem Wortspiel


Abb. ähnlich (Quelle)
Man fragt sich manchmal, was einen Riesenmaschinenbeitrag von einem x-beliebigen Blindtext unterscheidet. Die Antwort ist vermutlich trivial, unterbleibt hier aber zunächst zugunsten der Erwähnung einer grossangelegten wissenschaftlichen Theorie, deren Relevanz für das Thema leichthin behauptet wird. Jedenfalls wird weitschweifig die Plattentektonik und der Hase Gottes mit einer hanebüchenen Interpretation des Urknalls in Verbindung gebracht, und zwar unter Zuhilfenahme der üblichen Tools der Branche (krude Logik, Wischiwaschi, metaphorisches Aufstampfen). Soziokulturelle Implikationen des Ganzen wurden von Holm Friebe notdürftig eingepflegt. Die fürs Verständnis wesentlichen Links zum eigentlichen Thema des Beitrags verbergen sich hinter einem Satz, der von etwas ganz anderem handelt. Dieser jetzt schon haltlose Scheiss wird natürlich zusätzlich untergraben mit Hilfe eines Stahlgewitters aus billigem Scherzgut, es kommt einem manchmal so vor, als hätte jedes Wort eine rote Nase. Der Beitrag endet mit noch einer total überraschenden Wendung, irgendwas Selbstreferentielles zum Beispiel.


09.03.2010 | 19:13 | Fakten und Figuren | Vermutungen über die Welt

Facebook according to Nokia


.. aber was für welche?
Irgendein neues Nokia-Handy Nummer soundsoviel kann also anscheinend Facebook, wie uns die Leuchtwerbung im ICE wissen lässt. Das erinnert von fern an einen denkwürdigen Vorfall in Zusammenhang mit havarierten Grundnahrungsmitteln in Asien. Interessant ist jedoch, was die als repräsentativ vorgestellten, gleichwohl mutmasslich fiktiven Charaktere so an Statusmeldungen sporten – und wie darauf reagiert wird. Daniel Heine etwa ist mit seinem kreuzbiederen "Ich freue mich, die Suche nach dem Buch war erfolgreich" für müde 7 Kommentare gut. Katja Rensch hingegen erntet mit ihrem onomatopoetisch nahtlos an den Nachnamen anschliessenden "Ritsch, Ratsch, war beim Friseur" wahre Wogen der Anteilnahme (79 Kommentare), während Julia Klein mit ihrem obstruktiv anzüglichen "Wochenende verplant, muss mein neues Sofa einweihen." auf eiskalten Stein beisst (5 Kommentare). Und Michael Schmidts ominös orakeltes "hat die Kuh vom Eis geholt" lockt gleich gar keine selbige mehr hinter dem Ofen hervor. Was will uns das aber sagen? Sind die Leute auf Facebook generell unfassbare Tranpfützen? Nur diejenigen, die Facebook auf dem Nokia-Handy benutzen? Oder sind es wohl doch eher die sog. Kreativen in der verantwortlich zeichnenden Werbeagentur? Kein Kommentar.


[1] 2

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"The Descent", Neil Marshall (2005)

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