Riesenmaschine

02.04.2007 | 11:28 | Nachtleuchtendes | Alles wird besser

Bildschirme durch die Jahrhunderte


Bildschirmunterschrift (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Was oft verschwiegen wird: Die ach so futuremässige Zukunft ist eine der ältesten Veranstaltungen überhaupt, schon Thomas Morus hat an ihr herumgeschraubt und das war 1516, der Lateiner kannte den Zukunfts-Nachfolger Futur II schon vor Christi Geburt. Noch müssiger als über die Zukunft nachzudenken ist, über die Zukunft in der Vergangenheit nachzudenken, sich also Gedanken zu machen über die Gedanken, die in der Vergangenheit die Zukunft bestimmt haben, wie Jules Verne, der grossen alten Salonschwuchtel der Science Fiction.

Ein zentrales Gestaltungselement der vergangenen Vorstellung über die Zukunft ist der Bildschirm im öffentlichen Raum. In Metropolis entwirft Fritz Lang zwar das Bildtelefon, kriegt aber die Abzweigung Richtung Stadtmöbel Bildschirm noch nicht so recht hin. Den Bildschirm als Accessoire der Zukunft thematisiert Hugo Gernsback in seiner epochalen Zeitschrift "Amazing Stories". "Das neue Universum"-Autor Hans "The Freshest Fascist" Dominik spricht in seinem 1934er Buch mit dem glänzenden Titel "Das stählerne Geheimnis" von Bildschirmen in der Stadt, dann geht alles ganz schnell, Harry Bates und danach John W. Campbell geben in den 1930er Jahren "Astounding Stories of Super-Science" heraus, in dem heftig durch das halbe Universum gebildschirmt wird, im Film "Alarm im Weltall" werden 1956 bildschirmähnliche Grossdekorationen eingesetzt, mit "Der Schweigende Stern" hält der Grossscreen Einzug in die DDR-Science-Fiction, in den 1960er Jahren werden screenintensive Fernsehserien wie Star Trek und Raumschiff Orion im Dutzend auf den Markt geworfen und fortan ist der Bildschirm exzessiv von "Blade Runner" über "1984" bis "Brazil" zentrales Gestaltungselement; die sich überlappenden und bewegenden Werbe-Projektionen in "Minority Report" stellen den vorläufigen Höhepunkt dar, die glänzende Zukunft ist voller Bildschirm, schon immer gewesen, vorgestern, gestern, morgen, übermorgen. Und heute? Heute disqualifiziert sich wieder mal durch platteste Profanität, indem der Screen zwar allgegenwärtig geworden ist, wie vorausgesagt, aber anstatt Botschaften von fernen Sternen zu transportieren, kommt bei Obi im Schraubenregal Spax TV mit einer Videoanleitung zum Selbstschrauben. Vonnegut pulkte sich im Poloch.


26.03.2007 | 13:56 | Berlin | Sachen kaufen | Vermutungen über die Welt

Wunschbilder


Ein Bild sagt mehr als zwei oder drei Worte (oft) (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Im Schaufenster eines Berliner Geschäftes für Künstlerbedarf findet sich dieses Bild, das die Welt hinreichend beschreibt in ihren wichtigen Kategorien digitaler Fortschritt, Wissensgesellschaft und Trauer. Erstens: Der digitale Fortschritt bestimmt die öffentliche Wahrnehmung so sehr, dass ein Markt dafür zu bestehen scheint, Bilder qualitativ zu verschlechtern, damit sie digitaler aussehen. "Wir beginnen zu begehren, was wir täglich sehen", so heisst es im "Schweigen der Lämmer". Zwotens: In der Wissensgesellschaft kann der so genannte Mehrwert eines Produktes sogar nur aus der zweisekündigen Bearbeitung eines Bildes mit einem Photoshop-Filter bestehen – wenn das Produkt jemandem aus der Unwissensgesellschaft angeboten wird. KnowHow-Gefälle stellen inzwischen die lohnendsten Geschäftsmodelle dar. Drittens: Trauer erlebt eine neue Intensität in ihrer globalen Definition, wenn man sich vergegenwärtigt, dass irgendjemand auf der Welt dieses Bild für ein Wunschbild hält.


25.03.2007 | 22:09 | Berlin | Alles wird besser | Sachen kaufen

Vom Trug der geraden Schönheit


Schon nicht schlecht, aber noch Luft nach oben (235 Euro oder 124,53) (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Spätestens seit Britney Spears' Unten-Ohne-Fotos ist dem Philosophen klargeworden, dass das Konzept von der Schönheit, die im Auge des Betrachers liegen sollte, so nicht aufgeht, sondern dass auch das betrachtete Objekt mitspielen muss. Der Begründer der Ästhetik, Alexander Gottlieb Baumgarten, setzte im 18. Jahrhundert der bis dahin geltenden busenorientierten Schönheit nach Rubens offiziell eine wissenschaftliche Definition mit Erkenntnis und so vor die Stielaugen und brockte uns damit Forscherkram wie die Wissenschaftsästhetik ein. Erst Paul Dirac schlug eine Bresche zurück durch den mathematischen Wust, der zwischenzeitlich die Schönheitsforschung dominierte, indem er sagte, "Hauptsache, die Formel sieht gut aus, der Rest ist doch egal." Dahinter steht mathematisch die schmuck klingende Bezeichnung "Kolmogorow-Komplexität", die Erkenntnis von der Einfachheit der Schönheit und der Schönheit des Einfachen, das nicht mehr reduziert werden kann. Deren Gültigkeit wurde erst im 21. Jahrhundert getrübt, als der einfache Mann auf der Strasse begann, Fotos von sich selbst ins Internet zu stellen.

Nun aber zeigt sich, dass das Einfache vielleicht schön sein mag, aber total unpraktisch. Jahrhundertelang war der diracisch fehlgeprägte Schönheitsbegriff von bankangestellten Ingenieuren dafür veranwortlich, dass am Geldautomaten so trügerisch schöne, runde Summen wie 50, 100, 200 und 500 Euro zu bekommen waren. Eine Vorstellung von Ästhetik, die wenige Sekunden später beim versuchten Kauf einer Busfahrkarte mit einem 50-Euro-Schein zerplatzte. Zu loben ist an dieser Stelle das Bankhaus August Lenz, das auf seinen Geldautomaten erzieherisch tätig ist und wunderschön unrunde Summen wie 110 oder 210 Euro zur Auszahlung bereitstellt. Es muss also immer auch ein kleiner, schöner Schein dabei sein. Dass man im Bus aber auch noch mit einem 10-Euro-Schein den Hass des Fahrers auf sich zieht, ist kein Problem der Ästhetik, sondern der Berliner Verkehrsbetriebe.


14.03.2007 | 23:21 | Alles wird schlechter | Was fehlt | Sachen kaufen

Taschenbügeldramen


In dieser Form nicht tragbar (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Die Gesamtsituation in Russland ist durchaus besorgniserregend, aber sprechen wir von den Problemen, die uns um die Schulter hängen, sprechen wir vom Schweigekartell rund um das allgegenwärtig gesellschaftliche Taschenbügeldrama. Und schlagen wir ruhig einen weiten Bogen: Unternehmen beherrschen heute die Welt. Das ist gar nicht so schlimm, wie man zunächst denken sollte, viel schlechter als Staaten früher können sie sich vermutlich nicht anstellen. Unternehmen glänzen wie ihre Vorgänger nicht gerade durch übergrosse Zuhörfähigkeit ihren Untertanen (sog. Kunden) gegenüber, im Gegenteil tun sie alles, um möglichst kompliziert erreichbar zu sein. Dass es trotzdem Marktforschung gibt – also Kundenanalyse über Bande gespielt –, anstatt einfach nachzufragen, was toll ist und was nicht, hängt damit zusammen, dass zwei plus zwei noch vierer ist, wenn ein Experte es sagt.

Deshalb gilt an dieser Stelle das Sprichwort "Fragen kostet nichts" eben nicht, Marktforschung ist eine teuere Angelegenheit und so wird nur in Bereichen überhaupt nachgefragt, wo es sich zu lohnen scheint und wo man Produktunzulänglichkeiten vermutet. Oft sind diese Fehler aber ganz woanders, und so verwundert es nicht, dass die Taschenindustrie bislang mit Sicherheit viele Shrillionen ausgab, um die Modefarben und -materialien der neuen Saison herauszufinden, aber sich noch niemand des Taschenbügeldramas annahm; denn diese Halterungen, die eigentlich lotrecht zur Zugrichtung zwischen Haltegurt und Tasche sitzen sollten, verdrehen sich noch stets um 90°, klemmen dann längs und lassen sich nie wieder für länger als 30 Sekunden richtig positionieren. Eine Lösung ist nicht in Sicht. Wie in Russland.


14.03.2007 | 11:43 | Alles wird besser | Essen und Essenzielles

Blukoli


Kohl und koli (Dieses Bild wurde vorsichtshalber entfernt und taucht wieder auf, sobald sich die Autorin oder der Autor um die Klärung der Bildrechte gekümmert hat.)
Es ist gar nicht mehr so leicht, irgendetwas ohne Mehrwert drin zu kaufen. Früher, also dasjenige Früher, als nur die Älteren von uns geboren waren, konnte man noch den schieren, blossen Apfel erwerben, der nicht mehr als gepflückt und transportiert worden war, heute vernachlässigbare, kaum mehr wahrgenommene Mehrwerte. Heute besteht die Konsumgesellschaft aus einer riesigen, unablässig von allen verfolgten Show "Pimp my Product", und der schönste, weil zykluserhaltende Mehrwert ist das Neue. Gerade auch in der Lebensmittelindustrie müssen ständig Neuigkeiten her, sie gehören zu den sogenannten Fast Moving Consumer Goods, mit hoher Drehzahl und damit hohem Gewöhnungseffekt.

Für kurze Zeit schien die Genmanipulation der schillernde Ausweg aus dieser Falle – leider wurde dieses in alle möglichen Richtungen dehnbare Feature mit nur mittlerer Begeisterung beim Verbraucher aufgenommen. Weil sich nun Gemüse noch nicht mit ein donnernden Gigahertzcrescendo verkaufen lässt, hat man im Extra-Markt zu einem ebenso sympathischen wie althergebrachten Werbertrick gegriffen: Wer nichts Neues zu verkaufen hat, kombiniere Altes und benenne es neu. So kommt eine Packung zu Stande, die die vielen hundert Jahre alten Kulturgemüse Blumenkohl und Brokkoli enthält, aber glitzy neuneuneu als Blukoli daherstolziert. Vom Extra-Markt lernen heisst sienen.


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"The Revenant", Alejandro G. Iñárritu (2015)

Plus: 14, 32, 74, 89, 118, 124, 130 doppelt, 149, 153, 156
Minus: 1, 13, 19, 43, 93, 99, 102, 138, 140, 202
Gesamt: 1 Punkt


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