Riesenmaschine

24.09.2009 | 11:11 | Vermutungen über die Welt | Effekte und Syndrome

Freiheit aushalten


Das Regime der Freiheit zu Gast an der Staatsoper in Berlin (Aus historischen Rechteklärungsgründen ist hier kein Bild. Aber im 20 Jahre Riesenmaschine-PDF gibt es entweder ein Bild oder eine Bildbeschreibung.)
Für eine erweiterte Interpretation des Regierens bzw. der Regierungskunst, die auf den Mikrostrukturen der Macht aufbaut, hat Michel Foucault in seinen Vorlesungen Ende der 1970er am Collège de France den Begriff Gouvernmentalität geprägt. Gemeint sind damit weniger physische und institutionelle Machtmittel, sondern die psychische Kondition – buchstäblich: die Mentalität –, die das Regieren zur Angelegenheit der Regierten macht. Wie das allgemeine Einverstandensein so ist auch die Forderung nach Selbstregierung in Eigenregie heute triviale Realität einer gleichermassen deregulierten und permissiven Gesellschaft. Das Paradoxon des antiautoritären Kinderladens ("Tante, müssen wir heute wieder machen, was wir wollen?") ist uns so sehr zur zweiten Natur geworden, dass es uns selten bewusst wird. Dabei bezieht sich der Zwang zur Freiheit keineswegs nur auf das Erwerbssubjekt, sondern zuvorderst natürlich auf den als mündig und autonom vorgestellten Konsumenten. Dass der Kunde König sei, ist eine Binse. Dass der vermeintliche Souverän aber selbst keineswegs souverän ist, sondern seinerseits in multiple Zwänge verstrickt, die foucaultsche Pointe bei der Angelegenheit. Uns auf offener Strasse in kondensierter Form und unsubtilen Lettern die Zweischneidigkeit und Abgründigkeit des Imperativs zum Selbstregime im entfalteten Konsumkapitalismus vor Augen zu führen – das hinwiederum ist der kollaterale Verdienst einer neuen Bionade-Aussenwerbung, die an sich einfach nur auf die kommende Wahlen eincashen wollte.


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