Riesenmaschine

15.08.2006 | 05:05 | Nachtleuchtendes | Fakten und Figuren

Ansichten aus dem Nonneninnen


Im Inneren der Nonnen wohnt ein Kind. Wer hätte das gedacht? (Foto: Drake LeLane)
Wie sieht es im Inneren einer Karmeliternonne aus? Für diejenigen unter uns, denen die Frage schon länger auf den vor Spannung zerkauten Nägeln brannte, hat eine Forschergruppe in Montreal jetzt Abhilfe geschaffen, und den Salat auch gleich bei Neuroscience Letters publiziert. Man hat dort Nonnen in enge, kühle Röhren geschoben, und ihnen dann mit Magnetfeldern den Kopf in Scheiben geschnitten, während sie sich mit Gott eins fühlten, ein Zustand, in den Karmeliterinnen sich offenbar in den schlimmsten Bredouillen mit klösterlicher Leichtigkeit zu versetzen verstehen. Vorhersehbarerweise führt das ganze zu Bildern von Nonnengehirnen mit ein paar farbigen Flecken drauf. Der Vorgang insgesamt gemahnt einerseits an Persinger, der ja bei seinen Experimenten religiöse Ekstasen nicht misst, sondern gleich selber auslöst, andererseits aber auch an die banale Erkenntnis, die einem Redakteur der Zeitschrift Science vor einer Weile unbemerkt durch die Korrekturfahnen wehte: dass nämlich ein Hirnscan beweise, dass eine bestimmte kognitive Fähigkeit im Gehirn verortet sei. So dekorativ sind diese Bilder vom bunten Grauen, dass man sich nicht vorstellen mag, es lasse sich mit ihnen nicht doch mehr beweisen, als dass auch bei Nonnens die Party eben im Kopfinnern steigt.


Kommentar #1 von björn:

ist jetzt ihre kühle schlussfolgerung das gott im nonnenkopf und garnicht auf cirrocumulus lenticularis wohnt? hab da vielleicht was falsch verstanden, aber zu sagen das im kopf messbare entrückung gleich im kopf entstandener entrückung ist, hinkt. versuchen sie doch mal folgendes: nehmen sie eine kerze mit ins mrt und verbrennen sie sich beim hirnscan den finger, dann denken sie vermutlich aua und dieser gedanke manifestiert sich vermutlich auch buntfleckig auf den bildern. es wäre aber ein bisschen an der physischen realität der brandblase vorbei zu folgern, dass der schmerz und damit die verbrennung nur produkt ihrer einbildung ist.

15.08.2006 | 10:32

Kommentar #2 von Weltenweiser:

Als nächstes kann man dann Blondinen in die Röhre schieben. Was zu wunderbaren Wortspielen taugt.
www.weltenweiser.de

15.08.2006 | 10:56

Kommentar #3 von irgendwem:

Meine unzähligen Klosteraufenthalte haben stets verlässlich zu aufenthaltslang andauernd kalten Füssen geführt, so dass gelegentlich schon der Verdacht aufkommen möcht, Gottes Unmut manifestiere sich gerne mal unterkühlt im kleinsten und darob wehrlosesten Agnostikerzeh.

15.08.2006 | 13:13

Kommentar #4 von Aleks:

Ich wüsste gern, wo eine Entrückung im Kopf anders entstehen sollte wenn nicht da drin im Kopf. Die Brandblase entsteht ja auch an der Hand und nicht an der Kerze, bzw. der Schmerz im Kopf und nicht im Wachs. Warum sie dort entsteht, ist eine andere Geschichte, aber es ist ein wenig viel verlangt vom Hirnscan, wenn man ihn bittet, die Existenz von, sagen wir, Kerzen zu beweisen.

15.08.2006 | 19:29

Kommentar #5 von björn:

ohne mich jetzt zu tief in die gefilde der theologischen philosophie verstricken zu wollen oder zu können: mir scheint einfach die kausalkette verkehrt herum aufgebaut. wenn ich, wie und von wo auch immer, eine kritische dosis entrückung empfange – und sei es in einem sennsiblen teil des gehirns, dann muss diese, wie alle wahrnehmungen, im gehirn oder dem gekröse im rückenmark verarbeitet werden. daraus zu schliessen, dass sie im hirn entsteht hat genauso viel berechtigung, wie zu folgern, dass die brandblase infolge der stimulation von schmerz im hirn entsteht. wir waren ja nicht angetreten um die existenz, äh der kerze zu beweisen sondern deren nicht-existenz.
ich hab selber nicht zu viel für den älteren herrn mit dem bart auf der wolke übrig, gestehe aber die möglichkeit ein, dass mir einfach die wahrnehmung fehlt, entrückungsblindheit sozusagen.
wo die naturwissenschaft versucht in bereichen zu beweisen, die sich ihrem kanon und ihrer methodik entziehen, macht sie sich unnötig angreifbar und bietet spinnern und anderen creationisten einen hebel für ihre falschen umkehrschlüsse.

16.08.2006 | 16:13

Kommentar #6 von Aleks:

Ich sehe zwar keinen Widerspruch zu dem, was ich gesagt habe, aber wenn Du meinst.

16.08.2006 | 16:19

Kommentar #7 von björn:

der widerspruch bzw. die ergänzung besteht darin, dass nicht alles was im kopf gemessen wird auch im kopf entsteht sondern "nur" dort verarbeitet wird, und so auch entrückung. folglich taugt der mrt scan maximal dazu, zu zeigen, dass auch göttliche eingebung demoduliert sein will...

16.08.2006 | 16:31

Kommentar #8 von Ruben:

Nicht nur für Gott oder Engel, sondern für alle geistigen Gehalte gilt, dass sie sich naturwissenschaftlicher Erklärbarkeit entziehen (zwecks obiectum formale). Deutlich wird das vorallem bei den logischen Axiomen, die naturwissenschaftlichen Theorien zugrunde liegen (was auch immer ihr genauer entitativer Status sei). Wöllte man diese mit eben jenen Theorien erklären und beweisen, wäre das der Fehler einer petitio principii, eine Voraussetzung des zu Beweisenden – da gibts dann ganz andere bunte Funken, nämlich die des eklatanten Widerspruchs.
Ein Hirnscan beweist nicht die Gültigkeit eines fundamentallogischen Axioms, sondern muss sie voraussetzen, wenn er eine sinnvolle Erklärungsmethode für Tatsachen und Ereignisse in seinem Bereich sein will.

16.08.2006 | 17:05

Kommentar #9 von Aleks:

Natürlich entsteht eine Entrückung im Kopf im Kopf, Wenn ich mir mit dem Messer in den Finger schneide, entsteht die Blutung ja auch am Finger und nicht am Messer, obwohl das Messer die Ursache ist. Über die Ursache steht doch hier nirgendwo etwas, soweit ich das sehen kann. Ich kann so nicht arbeiten.

16.08.2006 | 17:22

Kommentar #10 von Ruben:

Aber irgendwie sehe ich in Kai Schreibers Beitrag nichts, was Anlass zu dieser Diskussion jetzt geben könnte. Wird ja nur gesagt: Die Party steigt im Kopf, und das muss sie ja wohl auch dort tun und nicht etwa im Fuss, ob wir uns nun mit Gott befassen oder mit logischen Axiomata...

16.08.2006 | 17:23

Kommentar #11 von björn:

es schwebte aber eben im letzten satz des artikels, irgendwo da oben, die vermutung mit man könnte mehr beweisen, oder sich das zumindest vorstellen... im kopf... der kreis ist geschlossen, oder so

16.08.2006 | 17:29

Kommentar #12 von aliquo:

Noch besser und schöner wäre die Welt, wenn aus den Kommentaren Rubens die verbleibenden deutschen Wörter auch noch entfernt werden könnten.

16.08.2006 | 17:37

Kommentar #13 von Ruben:

Soll ich etwa meine Kommentare nur noch auf Latein schreiben? Nec vero hic locus est ut multa dicantur.

16.08.2006 | 17:47

Kommentar #14 von Kai Schreiber:

Herr Björn, mein letzter Satz da oben sagt vielmehr und aufs Iota exakt dasselbe wie Sie in Ihren Ausführungen, dass nämlich zum Bedauern aller fühlenden Menschen die bunten Hirnbilder dazu verführen, mehr in sie hineinzulesen als sie je epistemo- und ontologisch zu leisten vermöchten. Eben genau darum, dass Ursachsfragen sich mit Hirnscans nicht beantworten lassen, und aber der je – unschuldig oder absichtlich – geweckte Eindruck der einer gegebenen Antwort, und damit, und womöglich der Sache schädlicher, auch eines Antwortwillens ist, ging es mir mit dem Beitrag.
Dass im übrigen der Rest unseres mittlerweile angehäuften Weltwissens, sowie die theoretische Konsistenzproblematik, die mit der Postulation des Geistigen als Widerpart zum Materiellen in die Philosophie (und auch in die Praxis – was genau werde denn dort demoduliert, und wie?) Einzug hält, dem, der die Bilder anders lesen möchte als als Schatten der neuronalen Kausa eine schwere Argumentationslast auferlegen, hat damit wenig zu tun, stimmt aber trotzdem.
Zugegebenermassen warnte mich eine kundige Seite vor Veröffentlichung, dass der letzte Satz sich womöglich dem Verständnis des Lesers entziehe, aber ich schlug in den Wind. Mea culpa.

16.08.2006 | 20:35

Kommentar #15 von Ruben:

Zu Recht aus dem Wind geschlagen, finde ich. Der ganze Beitrag hatte sich, nachdem er mir ins Augenpaar gefallen war, von dort aus direkt und ohne Umschweife in mein Gutelaunezentrum begeben.

16.08.2006 | 21:35

Kommentar #16 von björn:

danke für die klarstellung, man hätte den satz zugegebener maszen auch anders verstehen können, dann hätte ich mir aber die möglichkeit auf ein bisschen besserwisserei genommen und uns allen die möglichkeit zu dieser nennenwirsmal diskussion.
ist im übrigen grad so eine tendenz in publikationen, wenig bis keinen inhalt mit mehr bis bunteren grafiken verkaufen zu wollen, oder?

16.08.2006 | 23:08

Kommentar #17 von Aleks:

Nein.

16.08.2006 | 23:28

Kommentar #18 von Ruben:

Na, wenn hier schon diskutiert werden soll: Auf Bitten von Unbekannt zur theoretischen Konsistenzproblematik noch ein öffentlich Wort.
Die schroffe Entgegensetzung von Geist und Materie und all das daraus resultierende Ungemach (z.B. Materialismus-Dualismus-Kontroverse) ist in seinem heutigen Gewande m.E. eine rein neuzeitliche Erfindung, namentlich rückführbar auf Descartes. Ich halte sie in dieser Form ebenfalls für nur schwer haltbar. Dem Mittelater mit seiner Actus-Potentia-Lehre stellte sich dieses Problem gar nicht erst. Im versöhnlichen scholastischen Ansatz behalten Geist und Materie in der aktualen Welt beide ihre distinkte Realität, ohne dass sie auseinandergerissen oder gegeneinander gestellt werden (Unterscheiden heisst nicht Trennen. An dieser Stelle längliche Ausführungen über die Materia spiritualis beim Hl. Bonaventura, aus Platzgründen nur mündlich vorgetragen. Und wenn seit Kripkes Paukenschlag in der zeitgenössischen Philosophie die antik-mittelalterliche Substanzontologie wieder reüssiert, kann man sich auch in der Philosophy of Mind aus dieser Ecke einiges erwarten).
Allerdings ist Descartes leider dennoch nicht mit Hirnscanbildern oder sonstigem neuen Weltwissen beizukommen, da sein Argumentationsansatz gerade von all dem, was nicht ego cogito, ergo sum ist, wohlweislich absieht.
Witzig ist an der ganzen Angelegenheit auch noch, mit welcher Selbstverständlichkeit der Begriff der Kausalität in diesem ganzen Themenkreis wieder fröhliche Urständ feiert (neuronale Verursachung mentaler Phänomene, etc.), als wäre er nie ausgerechnet von den Empiristen fallen gelassen worden. Da hätte jetzt David Hume noch ein Wörtchen mitzureden, ist der zufällig gerade anwesend?

16.08.2006 | 23:36

Kommentar #19 von CFB:

Das dürfte dann wohl der Abschluss sein. Vielleicht noch einmal auf Latein für aliquo, damit auch der zufrieden ist.

16.08.2006 | 23:59

Kommentar #20 von dann doch lieber aliquem:

Bitte, beuge mich! scheidet dankend und ergeben

17.08.2006 | 00:04

Kommentar #21 von Ruben:

Oben Präsentation der glitzernden Neuheiten dieser Welt und hier unten im Kommentarkeller Verabfolgung ranziger lateinischer Texte, na wenn das dann nicht eine contradictio exercita wäre.

17.08.2006 | 01:48

Kommentar #22 von björn:

danke für die klarstellung, man hätte den satz zugegebener maszen auch anders verstehen können, dann hätte ich mir aber die möglichkeit auf ein bisschen besserwisserei genommen und uns allen die möglichkeit zu dieser nennenwirsmal diskussion.
ist im übrigen grad so eine tendenz in publikationen, wenig bis keinen inhalt mit mehr bis bunteren grafiken verkaufen zu wollen, oder?

17.08.2006 | 13:26

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