Riesenmaschine

31.12.2006 | 13:04 | Alles wird besser

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Als sie die Avatare holten, habe ich geschwiegen,
denn ich spielte ja Halo.
Die quantenmechanische Binsenweisheit, dass man nichts beobachten könne, ohne es im Prozess dieser Beobachtung auch zu verändern, gewinnt besondere Relevanz, wo solche Veränderung durchaus nicht im Interesse der so Beobachteten liegt, also bei Tier- und Menschenversuchen. Den meisten Organismen nämlich ist die Forschungsteilnahme ein rechter Dreck, aus dem sie oft körperlich unvollständig oder ganz defekt wieder ans Licht treten. Zahlreiche Experimente, die man vor ein paar Jahrzehnten noch mit Begeisterung durchführte, gelten heute als fragwürdig, weil man sich, zum offenbar ersten Mal in der Geschichte der Wissenschaft, neuerdings fragt, wie sich die Welt dabei fühlt, wenn man in ihr rumstochert. Unter die Versuche, die man heutzutage von keiner Ethikkommission mehr genehmigt bekäme, zählen Klassiker wie das Stanford-Prison- und das Milgram-Experiment. Sehr schade, dass man niemanden mehr derart triezen kann, denn die Ergebnisse beider Versuche sind faszinierend und waren wichtige Meilensteine auf dem Weg zur Erkenntnis, dass der Mensch auch nur so ein idiotischer Affe sei.

In den Schulen gibt es ja seit längerem Bestrebungen, die Vivisektion von Fröschen gegen Froschsektionsvideos und interaktive Froschzerschneidungssoftware auszutauschen. Dieser löbliche Trend, das Leid durch seine Simulation zu ersetzen, ist jetzt auch in die Psychologie geschwappt, wo ein Team um Mel Slater das Milgram-Experiment virtuell nachgebaut hat – mit dem feinen Unterschied, dass die von den Probanden Gefolterten nun keine Schauspieler, sondern Computersimulationen sind. Interessanterweise verstört das Foltern komplett erfundener Pixelbündel die Probanden qualitativ genauso wie das richtiger Menschen. Somit ist die virtuelle Version des Experiments dem Original gleich zweifach gewachsen. Ethisch ist es fast ebenso fragwürdig – der Haupteinwand gegen Milgram ist ja das Unwohlsein, das bei den Probanden ausgelöst wurde – und die vermittelte Erkenntnis ist ähnlich unschön – was den Milgram-Probanden damals Stress verursachte, war offenbar nicht das Wissen, dass ihr Tun jemandem schadete. Höchste Zeit, dass die Simulation, in der wir leben, ein Upgrade bekommt.


Kommentar #1 von Ruben:

Apropos Simulation, da ich das gerade wieder lese: Sehr empfehlenswert ist immer wieder George Berkeley. Auf Basis von Empirismus und Ockhamschem Sparsamkeitsprinzip stringent zur Leugnung der Existenz jedweder Materie – weniger ist mehr, und das alles im Einklang mit der Empirie.

31.12.2006 | 13:23

Kommentar #2 von Kai:

Thus I refute you (Tastendruck).

31.12.2006 | 21:29

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