Riesenmaschine

29.03.2007 | 16:42 | Anderswo | Supertiere | Alles wird besser | Was fehlt

Tintenfischmillionen

Der gemeine Tintenfisch ist ein ungemein vielseitiges Tier, aus dem man alles Mögliche machen kann: Aufblasbare Kinderrutschen, Kopfmassagegeräte oder Handtaschen. In Amerika schmeisst man ihn auch gelegentlich aufs Eis und glaubt, das bringe Glück. Die Amis eben. In Hongkong benutzt man den Fisch zum Bus- , Tram- und U-Bahnfahren: Die Octopus-Card ist eine Smartcard, auf die man eine gewisse Summe Hongkongdollar lädt. Bei Fahrtantritt hält man sie vor ein Lesegerät, das einem das Fahrgeld dann von der Karte abzieht. Das ist nicht nur extrem praktisch, sondern spart auch viel Zeit. Damit sich aber der ganze Vorgang nicht gar so vernünftig gestaltet, haben die Hongkonger Verkehrsbetriebe (MTR) in der ganzen Stadt so genannte Fare Saver versteckt. An diesen Säulen kann der Passant seinen Tintenfisch aufladen, ohne etwas zu bezahlen: Ganze zwei Hongkongdollar spendiert die MTR pro Smartcard. Die Fare Saver sollen angeblich der Volksgesundheit dienen, weil sie die Hongkonger zum Laufen animieren (zum Fare Saver nämlich). Sie regen aber auch den Orientierungssinn des Ortsfremden an, denn die spendierten zwei Dollar gelten nur, wenn man seine nächste U-Bahn-Fahrt von einer ganz bestimmten Station aus startet; ansonsten verfällt die aufgeladene Summe.

Zugleich eröffnen die Fare Saver findigen Start-Uppern neue Geldmachmöglichkeiten. Hier sieht man einen Hongkonger am Fare Saver an den Midlevels-Rolltreppen gleich einen ganzen Stapel von Octopus-Karten aufladen, die er wahrscheinlich in einem Grossraumbüro oder einer gut besuchten Garküche eingesammelt hat. Offenbar ist der Mann schon länger im Geschäft, denn er wurde an selber Stelle schon im Oktober 2003 beobachtet. Erhält er von den Kartenbesitzern für jede aufgeladene Karte täglich auch nur ein paar Cent von den 2 Dollar, dürfte er in der Zwischenzeit ein kleines Vermögen angesammelt haben. Und morgen kauft er sich von seinen Tintenfischmillionen eine deutsche Maschinenbaufabrik oder Drogeriekette, während BVG, RMV, HVV usw. lustig weiter schlafen. Deutschland eben.

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Octopus's Grave

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (5)


Kommentar #1 von snobstudent:

in London sind es Austern statt Tintenfische:
https://sales.oystercard.com/oyster/lul/entry.do

29.03.2007 | 23:34

Kommentar #2 von beineleute:

Sportlich, sportlich diese Hongkonger! Aus meiner Monatskartenlosen Jugend ist mir noch die gute alte "Kurzstrecke" des ÖPNV in Erinnerung – DREI Haltestellen und KEINE mehr, die Fahrer hielten unweigerlich an, schmissen einen raus und man musste dann die letzten 10 km oder so laufen. Teuer war der Quatsch obendrein, weshalb ich diesen "Service" auch nie in Anspruch genommen habe. Trotzdem scheint mir hier doch ein wenig vom Geist des Tintenfischs entgegen zu wehen, deutsch gefiltert natürlich.

30.03.2007 | 00:15

Kommentar #3 von CYS:

@1: Die Auster ist natürlich ein Kind vom Tintenfisch. Die Hongkonger führten die Karte bereits im September 1997 ein, kurz nachdem die Chinesen die Briten rausgeschmissen hatten. Die Oystercard gibt es erst seit 2003. Der Tintenfisch gilt zudem als weltbeste Smartcard und hat deshalb den begehrten Sesames Award gewonnen. Technologisch stammt übrigens die Oystercard von der Touch'n Go Card ab. Die wurde am 18. März 1997 an malaysischen Autobahnmautstellen eingeführt. So viel zum technologischen Vorsprung Asiens.

30.03.2007 | 00:48

Kommentar #4 von michael:

nur warum immer meeresfrüchte?

30.03.2007 | 07:59

Kommentar #5 von CYS:

Wieso die Octopuscard so heisst, steht oben unter 'weltbeste Smartcard'. Und die Londoner Karte? Diese eurpäischen Kopisten machen halt den Chinesen alles nach.

30.03.2007 | 10:25

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