Riesenmaschine

09.05.2007 | 01:29 | Fakten und Figuren | Zeichen und Wunder

REM goto theory


Die Herrschaft des Reptiliengehirns über den Menschen (Foto: kaptainkobold) (Lizenz)
Die Theorie, der Traum des schlafenden Wissens, ist das bunte Vehikel, mit dem die leidenden, leidenden Menschen ein wenig Sinn und Verstand in den Wirrwarr Welt zu karren hoffen. Wer eine Theorie deshalb zuerst fragt, ob sie denn auch wahr sei, tut ihr schon unrecht. Wichtiger ist, ob sie schöne Augen hat und ein gutes Herz, als Beispiele seien Velikovskys Planetenbillard und Jaynes' bikameraler Bewusstseinsursprung genannt, bei Charles Fort und seiner Gefolgschaft findet sich unerschöpflich Weiteres.

Und obwohl es schon so viele schöne, falsche und schön falsche Theorien gibt, kommen immer noch neue dazu. Die ungeklärte Frage zum Beispiel, warum der Mensch träume, und vor allem, warum er so wirren Scheiss träume, erklärt jetzt eine italienische Forschergruppe damit, dass der REM-Schlaf mit seinen Augenbewegungsorgien sich beim niedrigen Leben zur Verfestigung einfacher sinnlicher und Bewegungserfahrungen entwickelt habe, und bei uns dann eben nur noch Teile des Reptiliengehirns anspricht, die dann weiter oben traumförmige Assoziationskettenmassaker auslösen. Belegt wird diese traumhafte These mit subtilen Beobachtungen der Augenbewegungen eines einzelnen Patienten, also eigentlich gar nicht. Und so soll es ja auch sein.


Kommentar #1 von Rudi K. Sander; www.textsteller.de:

Lieber Kai Schreiber,
in diesem Posting ist der (berechtigte) Spott platzgreifender als die zugrundeliegende Information. Nur zu einer gewissen Mässigung erinnere ich an den Bibelsatz, man solle nicht sitzen, wo die Spötter sitzen. Aber ich sage sofort mea culpa, denn ich halte mich oft auch nicht dran.
Was Sie so alles Theorien nennen (o.k., vielleicht nur, weil die Anderen so etwas Theorien nennen), zwingt mir eigentlich nur ein verkrampftes Lächeln ab. Ich meine, eine Theorie, die den Namen verdient [heisst ja wohl, genau genommen: Gottesersatz], muss – wenn schon nicht das Universum, als Kosmos – dann doch wenigstens die Gesellschaft erklären. Unter dem sollte man sich nicht zufrieden geben.
Als es zur Erklärung des Ganzen nichts gab als Theologie, wurde zur Erklärung des Ganzen der Kontingenzblocker GOTT herangezogen. Gott war der Urheber des Ganzen und er schaffte Ordnung für eine Gesellschaft. Diese Ordnung funktionierte, aber – wie es so geht – alle kamen mehr oder weniger gemeinsam überein: Gott sei ein schwer akzeptables Logo geworden. Um es kurz zu machen: An die Stelle Gottes ist die moderne Gesellschaft getreten. Wer sich die moderne Gesellschaft beschreiben lassen will, der greife nach einer modernen Gesellschaftstheorie. Solch eine Gesellschaftstheorie muss die Kraft haben, das zu erklären, was sich heute, im Zeichen von Globalisierung, als Gesellschaft zeigt und beschreiben lässt.
Dass dies nicht mehr der Marxismus sein kann, muss nicht mehr bewiesen werden. Auch die Neoliberalen Gedankenturnübungen scheiden wegen Unterkomplexität aus. Viel bleibt da nicht mehr in Zeiten der hektischen Fundamentalismen. Aber man schaue sich um: Es gibt schon Brauchbares. Ich sehe taktvoll davon ab, Namen zu nennen, weil Namen unnötig polarisieren und viel zu schnell Moralen aktivieren.
Lassen wir es dabei.
Rudi Sander

09.05.2007 | 05:26

Kommentar #2 von Ruben:

Herr Sander, sagen Sie doch gleich, dass Luhmann Ihr Gott ist.

09.05.2007 | 13:13

Kommentar #3 von Rudi K. Sander; www.textsteller.de:

Mein lieber Ruben,
ich weiss nicht, wie oft Sie in Ihrem Leben schon daneben gelegen haben, aber diesmal perfekt.
Die Gesellschaft, das wollen wir hier erst einmal festhalten, ist in der Moderne an die Stelle Gottes getreten.
Weil ich das bei Luhmann gelernt habe, wäre ich doch mit dem Klammerbeutel gepudert, machte ich einen so coolen Typen zu so etwas abgefuckten wie einen Gott.
Leider habe ich Luhmann nie persönlich kennengelernt, ich kenne nur seine Bücher. Zwei Briefe habe ich ihm geschrieben (als er noch lebte), mit zwei Postkarten hat er sich bedankt. Für mich ist er zwar der Inbegriff analytischer Nüchternheit, aber niemals ein Gott (siehe oben).
Ich zögere, es zu sagen, aber wenn ich dem grössten Stilisten deutscher Fachprosa (Dietrich Schwanitz in "Bildung") eine Relation zu mir zuschreiben müsste, ich nennte ihn meinen Gedankenfreund. Basta.
Seien Sie mir bitte nicht gram. Ich habe Sie auf der Bühne gesehen und weiss, dass Sie ein richtiger und aufrechter Kerl sind (natürlich auch kein Gott).
Grüsse von Rudi Sander

09.05.2007 | 15:16

Kommentar #4 von Ruben:

Hallo Herr Sander,
keineswegs bin ich Ihnen gram. Aber ich muss Sie leider enttäuschen, auf der Bühne haben Sie nicht mich gesehen, sondern Aleks Scholz.

09.05.2007 | 22:53

Kommentar #5 von Kai Schreiber:

Wenn Sie übrigens, Herr Sander, im obigen Beitrag Spott zu erkennen glauben, so missdeuten Sie seine Absicht aufs Gröbste. Nichts läge mir ferner, als seinen Gegenstand oder eine der zur Anschauung erwähnten Theorien zu verspotten. Und schon gar nicht wäre solcher Spott ja irgend berechtigt.

09.05.2007 | 23:07

Kommentar #6 von beaver:

"Dass dies nicht mehr der Marxismus sein kann, muss nicht mehr bewiesen werden."
Warum? Hat es jemand anderes schon bewiesen? Wer?

10.05.2007 | 01:16

Kommentar #7 von Rudi K. Sander; www.textsteller.de:

Heikles Thema, zugegeben: Man will die Enttäuschten nicht kränken (ich selber bin im Bauch fest überzeugt: Das Scheitern von DDR und Ostblock beweist gar nichts), und man möchte kein Wasser leiten auf die immer noch laut klappernden Mühlen der Triumpfschweine. Soweit d'accort.
Aber: Als Luhmann im Vorwort von "Soziale Systeme" schrieb "ausgebrannte Krater des Marxismus" da musste ich schon schluchsen. Meine Grossmutter war Kassiererin für die Rote Hilfe. Sie starb 1944. Sie hatte einen Obstwagen in der Palisadenstrasse, gegenüber vom "Merkurpalast" (hier hat mich zum ersten Mal der Metro-Goldwyn-Meier-Löwe angebrüllt). Wenn die liebe Oma wüsste, dass man ihre Kundschaft heute in abgeleckten Journalistenkreisen Prekariat nennt, ich weiss nicht, was sie täte ...
Liebe Grüsse, Rudi Sander

10.05.2007 | 10:15

*  IN DER RIESENMASCHINE


*  ORIENTIERUNG



Werbung
Werbung Ratgeber

*  SO GEHT'S:

- schlafende Blesshuhnherden

- imaginärer Chef

- Grüppchen gründen

- Mouches volants

*  SO NICHT:

- Schnee in den Kaffee, wenn die Milch alle ist

- nervöses Metaphernflattern

- imaginäres Gehalt

- Banden bilden


*  AUTOMATISCHE KULTURKRITIK

"Livid", Alexandre Bustillo, Julien Maury (2011)

Plus: 8, 12, 38, 41, 45, 55, 74, 80, 101, 117, 122, 137
Minus: 1, 3, 15, 35, 43, 147 doppelt, 198
Gesamt: 4 Punkte


*  KATEGORIEN


*  ARCHIV