Riesenmaschine

21.02.2008 | 20:38 | Alles wird besser | In eigener Sache

Normal ist, wenn man trotzdem

In der Kategorie "Texte, die wir gern selbst genau so geschrieben hätten" erreichte uns vergangene Woche ein Beitrag aus der Rubrik "Das Prinzip" im SZ-Magazin. Andreas Bernard beschreibt hier anlässlich der jüngst publik gewordenen Ankündigung von Aral, sein Normal-Benzin abzuschaffen, die schleichende Abkehr vom Prinzip Normal und stellt fest: "Vertraute Eichpunkte, Standards und Normgrössen lösen sich auf und werden von Kategorien ersetzt, die ursprünglich für einen besonderen Mehrwert, einen Überschuss standen. Wie an den Zapfsäulen nun kein 'Normal' mehr getankt werden kann, gibt es in Cafés oder Kinos die Getränkegrösse 'Medium' nicht mehr (geschweige denn die Einheit 'klein'.) Die Kaffeegrössen bei Starbucks beginnen bekanntlich bei 'tall', gefolgt von 'grande'; die Skala besteht also nur noch in Varianten von gross." Was ehemals als normal galt, kommt laut Bernard dann allerdings schon wenige Jahre später auf den Markt zurück: Gelabelt als "Classic" oder "Original".

Mit diesem beklagenswerten Niedergang der Mittelmässigkeit beschäftigt sich auch "Gut genug", die erste Folge eines neuen Kulturformates der ZIA: Der Radioreihe Folge 137, die 2008 alle zwei Monate auf Deutschlandradio Kultur zu hören sein wird. Jede Ausgabe ist jeweils die 137. Folge einer Sendung für gesellschaftliche Grossgruppen ohne eigenes Sendungsbewusstsein. Gut genug wird dabei auf ausreichend okaye Weise die Freuden und Sorgen einer untergehenden Mittendringruppe wiederspiegeln: Der Reisereporter berichtet aus dem beschaulichen Molpe, der "matten Perle im Moor", der Haus-Lyriker lobt das lauwarme Wasser und der Wissenschaftskorrespondent beklagt die Erkenntnis, dass durchschittliche Gesichter nun doch nicht die schönsten seien, was aber letztendlich okay sei, denn extreme Schönheit schade ohnehin. Ausgestrahlt wird Gut genug in der Nacht von Samstag auf Sonntag um 0.05 Uhr – nicht die optimale Sendezeit, aber hey. Der Link zum Podcast wird dann am Montag in den Kommentaren nachgereicht, einen schnell zusammengeschraubten Teaser kann man bereits hier hören:


Kommentar #1 von Laika:

Im hinterm link (i)Folge 137(/i) versteckten Text hat sich ein lustiger, wenn nicht gewollter, Schreibfehler eingeschlichen: durchschittliche Gesichter. PS: Mal sehen ob das html kursiv klappt.

22.02.2008 | 15:15

Kommentar #2 von Magnus: berlin-ist.de:

Warum heisst dieses Blog "Riesen"maschine und nicht Mittelmaschine. Weil grösser halt mehr verspricht und besser verkauft. Mehr ist mehr. Logik des Wettbewerbs: Schneller, höher, weiter um bester zu sein. Der bedauerte Untergang der Mittelmässigkeit ist eher ein Untergang des Prinzips des Masshaltens. Seit die Babyboomer-Generationen das öffentliche Bewusstsein bestimmen, lebt man in erner bewusst riesigen Mittelschicht. Und (wieder Wettbewerbslogik) diese Schicht orientiert sich nach oben, will mehr, tankt super und trinkt tall. Da sich das Marketing einer Firma wie Starbucks daran orientiert, zeigt, dass die Mittendringruppe keineswegs bedroht ist, sondern vielmehr mit ihren Wünschen die Warenwelt normiert.

22.02.2008 | 16:51

Kommentar #3 von M:

@ Laika: hat nicht geklappt. Ich bin mit dem Verschwinden des Normalen auch nur einverstanden, wenn wir dann alle Superverdiener und Ottosuperverbraucher werden. Obwohl, das mit dem Superverbraucher stimmt ja offenbar schon bald. Und wenn der Extra-Anteil Biosprit kommt auch Superplusverbraucher. Alles Absicht?

22.02.2008 | 17:09

Kommentar #4 von Smarty pants:

@Laika u. @M: Klar sind ja auch eckige Klammern [] und keine geschweiften {} oder gar runde (), von den in html eigentlich gebräuchlichen spitzen <> mal ganz zu schweigen, nö?
Mal davon ab: warum hör ich eigentlich nix, wenn ich auf den schnell zusammengeschraubten Teaser taste? Läuft der nur im Explorer?

23.02.2008 | 00:35

Kommentar #5 von mymanfriday:

#2 gibt fragen auf. ist berlin de? ist das adjektiv "riesig" vor "mittelschicht" ein kniff, der den namen dieser seite an "mittel" bindet und damit auch an "mittelmässigkeit"? ist bewusstsein öffentlich? darf man noch "schicht" sagen? ist die form "marketing" präsens aktiv oder passiv? ist "wünschen die warenwelt" trotz "die" eine allliteration? zählt das "w" von "welt" dazu? und was ist mit "tankt super und trinkt tall"? sind wünsche jetzt befehl oder normal?

23.02.2008 | 00:54

Kommentar #6 von Smarty pants:

Okidoki, Teaser taugt, thnx! Nett halt. Possierlich vor allem der kleine MIDI-Sound am Ende, fast wäre ich wieder aufgewacht.

23.02.2008 | 12:23

Kommentar #7 von Altbierwerner:

Nachdem ich den Text bei 'Deutschlandradio Kultur' gelesen hatte, habe ich beschlossen: muss ich mir anhören.
Nachdem ich den 'Teaser' gehört habe: Nein, lieber nicht.
Schade.

23.02.2008 | 17:41

Kommentar #8 von Amimaus:

Also ich habe die Sendung im Radio gehört und fand sie voll anständig.

24.02.2008 | 01:30

Kommentar #9 von Moritz Metz:

Der Mitschnitt ist nun online:
http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2008/02/24/drk_20080224_0005_b55b5187.mp3
Vorteil zum Radio: weniger Mainstream-Musik.

24.02.2008 | 13:29

Kommentar #10 von Marvin:

Habe heute eine Werbung für ein neues, mittelmässiges Produkt gehört. Aspirin (oder Thomapyrin, oder ein anderes rin?) medium.
Also mal nicht direkt Katastrophenstimmung verbreiten; ist nicht alles super.

25.02.2008 | 00:16

Kommentar #11 von M. Prächtig:

Lieb gemacht und informativ, die Radiosendung, nette Sprechstimmen.
Es wird nicht zuletzt am theoretischen Mittelbau liegen, dass das Konzept ästhetisch überzeugt: wie die Ruhe zur Bewegung kommt, vom Ernst zum Spiele übergeleitet wird, von der Nachgiebigkeit zum Widerstand, das Abstrakte und das Konkrete vermittelt werden: da ist viel Luft.

25.02.2008 | 13:07

Kommentar #12 von Martin:

Die Inflation macht halt vor nix halt.

29.02.2008 | 23:10

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