Riesenmaschine

16.05.2008 | 19:39 | Berlin | Papierrascheln | Effekte und Syndrome

Schliessmuskelmobbing


Blick in die Zukunft
Botschaften von Anderswahrnehmenden – der Volksmund nennt sie auch Irre, Paranoide, Schizzos –, die in der Absicht verfasst und veröffentlicht werden, die Menschheit über das wahre Wesen der Wirklichkeit aufzuklären, weisen oft eine Reihe von Ähnlichkeiten auf. Ein sich häufig wiederholender Topos ist die Strahlenwaffe, mit deren Hilfe der Anderswahrnehmende von im Geheimen agierenden Kräften (Nachbarn, Verwandten, Ärzten, Regierung, hässlichen Männern) manipuliert, terrorisiert oder auch langfristig vernichtet werden soll. Meist wird aber solch aufklärendes Bemühen, das heutzutage auch gern per Internet erfolgt, von den Standardwahrnehmenden ignoriert. Das aber ist ein grosses Versäumnis, denn bisweilen nehmen die Pamphlete der Anderswahrnehmenden nichts weniger als die Zukunft vorweg.

So skizziert eine anscheinend entschieden anderswahrnehmende Frau auf einem Plakat, das an einem Umspannkasten in der Marienburger Strasse in Berlin aushängt, nicht nur zukunftsweisende Technik ("induzierte Strahlung – ohne Gehäuse"), sondern betätigt sich auch als begnadete Sprachschöpferin. Das durch Strahlen induzierte "'Schliessmuskelmobbing' bei Stuhlgang des Opfers" wird, wir prophezeien es, sehr bald in unsere Alltagssprache Eingang finden ("Verdammt, Schliessmuskelmobbing. Wo ist das Klo?"). Wenn man dann auch noch die gehäuselose induzierte Schliessmuskelstrahlung erfindet, wird aus der Weltschliessmuskelverschwörung schnell Wirklichkeit und aus der heute noch Anderswahrnehmenden ruckzuck eine Standardwahrnehmende. Was aber wären dann wir?

Dieser Beitrag ist ein Update zu: Wunderwaffen: nichttödliche Waffen

Christian Y. Schmidt | Dauerhafter Link | Kommentare (11)


Kommentar #1 von Léon:

Bin mir nie sicher ob man hier Rechtschreibfehler anmerken sollte.Vor allem, weil ich hinter jedem Exemplar eine sprachliche Raffinesse vermute oder sehr viel Sinn. Andererseits stört so ein Fehler ja schon den Lesefluss eines so stimmigen Textes ungemein und reduziert den Genuss. Deshalb möchte ich anmerken,dass ich vermute, dass da ein kleines "als" am Ende des ersten Absatzes fehlt. Mir ist die intendierte Formulierung allerdings nur als "nichts Geringeres als..." geläufig. Wenn ich also wirklich Mist anmerke bitte Kommentar löschen, wenn nicht, dann auch löschen. Wer will schon Klugscheisser-Kommentare lesen.

16.05.2008 | 20:27

Kommentar #2 von irgendwem:

Das kann man ja auf fast allen Gebieten derzeit beobachten: Esoterik schlägt Vernunft: Alles wird gut, doch nichts wird besser.

16.05.2008 | 21:28

Kommentar #3 von CYS:

Léon, Du hast selbstverständlich recht.

17.05.2008 | 01:23

Kommentar #4 von d.z. bodenberg/karlmarxstrasse.blogsport.de:

Neu ist nur, dass diese mehrere-nebeneinander-hingeklebte Blätter jetzt am Computer angefertigt wurden. Diese Geschichte ("Schauspielerin am Deutschen Theater vom CIA verfolgt und daraufhin mit Funkchips im Hirn unterwegs" o.ä.) klebte auch ca. 2005 und 2006 in Friedrichshain, und auch 2007 im Wins-/ und Bötzowkiez – aber damals, durfte man per Hand kleingeschriebene und (schwarz-weiss) kopierte Zetteln anschauen.
Vielleicht wird es bis 2014 endlich eine Internetseite zum Thema geben. Sendungen im OKB gab es vermutlich schon längst.

17.05.2008 | 01:55

Kommentar #5 von dem Fremden:

die präventive Anfertigung von Aluminium-Hütchen, damit das System die Gedanken nicht lesen kann, mal ausgenommen: "Schliessmuskelmobbing". Ich meine, wer hat es schon nicht selbst erlebt?

17.05.2008 | 02:23

Kommentar #6 von der Zwergenmaschine:

Es sind aber auch schreckliche Folgen, die im verlinkten Beitrag heraufbewschworen werden:
"Die besendete(n) Person(en) sind jedoch nach einiger Zeit ein Frack."

17.05.2008 | 08:28

Kommentar #7 von Experte:

Schliessmuskelmobbing ist mir neu, bekannt sind mir Plakatauslachmobbing oder Verkehrsschilderparanoia, das kenne ich gut. Parkende Autos, die einem verraten welcher Ex-Freund sich gerade wo aufhält und dass man in so einem Fall lieber im Untergrund Richtung Alex verschwinden sollte, weil das der kürzeste Weg ist. Dann weiter mit der S-Bahn Richtung Lehrter Stadtbahnhof, oder heisst der jetzt anders? Weil die, die da hinter dir her sind ja die Mauer wieder hoch ziehen wollen, dafür sprechen klare Zeichen...Komisch, wenn die Zustände dann aber im Wedding oder in Moabit immer noch nicht abklingen, was dann?

17.05.2008 | 10:27

Kommentar #8 von Herrn Hans Schmidt:

the united states central intelligence agency strongly points out that there is, nor ever was, any proof or even evidence for any involvement of the department named above in any activity concerning the manipulation of citizen's minds in which way ever. well, it's simply ridiculous, isn't it? haha. (oops. ass is itching, sorry)

17.05.2008 | 13:30

Kommentar #9 von irgendwem:

wenn ich es mir so recht überlege, erinnert mich dieser artikel an malte welding's traktat von neulich.

18.05.2008 | 14:33

Kommentar #10 von Die lahme Riesenmaschine:

gratuliert Christian Y. Schmidt beschämt und verspätet zu seinem hundertsten Beitrag.

20.05.2008 | 03:43

Kommentar #11 von irgendwem:

Ich weiss gar nicht, was alle immer haben. Wenn man ins Archiv sieht, merkt man, dass die Riesenmaschine früher gar nicht viel besser, sondern im Gegenteil schlechter war. Bitte so weitermachen!

20.05.2008 | 13:09

*  IN DER RIESENMASCHINE


*  ORIENTIERUNG



Werbung
Werbung Ratgeber

*  SO GEHT'S:

- Erst an die Pointe erinnern, dann anfangen was zu erzählen

- Under the Williamsburgbridge

- Dampframmen

- Japan-Bindung

*  SO NICHT:

- Bunker aus Sperrholzplatten

- Grütze ohne Soße

- Freundschaftsband gestalten

- Shanghai Connection


*  AUTOMATISCHE KULTURKRITIK

"Beasts of the Southern Wild", Benh Zeitlin (2012)

Plus: 1, 15, 27, 45, 80, 138
Minus: 1, 27, 32, 39, 40, 53, 66, 84, 96, 102, 129, 171, 206, 207
Gesamt: -8 Punkte


*  KATEGORIEN


*  ARCHIV