Riesenmaschine

02.04.2009 | 18:18 | Alles wird besser | Sachen kaufen

Luftkissenmilch


Milchtüte der frommen Denkungsart
In den 1970ern war die Zukunft pneumatisch. Wenn wir gross wären, würden wir auf aufblasbaren Sitzlandschaften in schwimmenden Traglufthäusern lümmeln, und uns mit Luftkissenbooten besuchen fahren. Die Milch für unsere Frosties kam damals noch aus galobberig wobbelnden Plastikschläuchen, die mittels türkisener Haltevorrichtungen aus Kunststoff, die ästhetisch noch aus den 1950ern herüberlappten, in Form gehalten wurden. Trotzdem knickten sie immer ein und ergossen sich über das Plastikgeschirr auf dem Frühstückstisch. Es hat über dreissig Jahre an kubistischen Irrungen und Wirrungen in Tetrapak bedurft, bis unsere aufgeblasenen Zukunftsträume in einer pneumatischen Milchtüte gipfeln konnten, die nun wirklich keine Wünsche mehr offen lässt. Dass diese Revolution im Packaging ausgerechnet aus dem Ökodorf Brodowin nördlich von Berlin stammt, zeigt, welch langen Weg die Öko-Landkommune mittlerweile zurückgelegt hat. Ausführlich heisst es dazu auf deren Website:

Das Material unseres neuen Milchbeutels besteht zu 40 % aus Kreide (Calciumcarbonat). Verbunden mit recycelbarem Kunststoff entsteht daraus eine sehr leichte Verpackung, die mit ihrem Gewicht von 16 g, im Vergleich zu anderen Einwegverpackungen, sparsamer in Energie- und Wasserverbrauch ist. Sie reduziert Abfall, denn weniger Gewicht ist weniger Müll.

Und weiter:

Dieser Milchbeutel bietet Ihnen weiterhin den vollen Geschmack, weniger Aufrahmung durch flexible Hülle, Reissfestigkeit und Standfestigkeit bis zum letzten Tropfen, einfaches und bequemes Öffnen, weniger Verpackungsmüll, produktschonende Abfüllung und ein minimales Gewicht (16 g).

Weniger Aufrahmung und Verpackungsmüll – schön und gut. In falscher Bescheidenheit wird jedoch kein Wort verloren über die eigentlich genrestiftenden Innovation: den angeflanschten Aufblasgriff, der als Rückgrat der Tüte Halt gibt und damit das plastene Exoskelett überflüssig macht. Zudem und vor allem ist er derart handschmeichlerisch, dass nicht nur Materialfetischisten die Tüte nur sehr ungern wieder aus den Händen geben. Eigentlich möchte man – wie bei Blisterfolie -natürlich die Blase zum Platzen bringen und die Luft entweichen lassen, scheitert aber zwangsläufig mit schierer Muskelkraft. So trägt man die schlaffe Tüte unvollendet am immer noch formstabil-prallen Rückenwulst zur gelben Tonne, wohlwissend, dass es kein zurück mehr gibt – dass die Milch der Zukunft einen druckluftbetankten Henkel in Spindelform haben wird.


Kommentar #1 von irgendwem:

Schon toll, dieser Fortschritt und so!

03.04.2009 | 16:42

Kommentar #2 von saloon41:

Das ist mit den aufblasbaren Milchtütenhenkeln ist nicht nur haptisch interessant. Meiner Meinung nach steckt da noch viel mehr hinter. Es ist sozusagen die Spitze des Eisbergs von heisser Luft. Dass da aber jetzt auch die Ökospiesser mitmachen, enttäuscht mich etwas, auch wenn es politisch korrekt gemeint ist. Aber vielleicht ist es auch zu interpretieren als die Kapitulation der Ökomilch vor dem ihr drohenden Schicksal. Am Ende wird sie doch mit heisser Luft für verwirrte Milchkaffee-Junkies aufgeschäumt.
Mich persönlich würde ja auch die Qualität des "Öffnungssystems" oder "Öffnungslösungen" interessieren. Soweit ich weiss gibt es zwei grosse Lebensmittel-Tütenhersteller: SIG combibloc und Tetra Pak. Beide bieten die klassische Perforation an, sprich Schere nehmen und aufschneiden. Aber dann gibt es noch: combiTop, combiLift, combiTwist, combiSwift, combiSmart. Und hier im Sinne der Markttransparenz das Line-up der Konkurrenz: Easy Opening, PullTab, ReCap, FlexiCap, SimplyPull, TetraTop, SimplyTwist, SimplyTwist Maxi, TwistCap, LightCap, SlimCap und StreamCap.
Stelle mir grad vor, ich wäre Produktmanager für SimplyTwist Maxi. Da wäre ich auf jeden Fall besser dran als die Zuständigen für SimplyTwist. Denn mein Verschluss besticht durch seine 50 Prozent grössere Ausgiessöffnung!
In der Praxis bin ich übrigens kein Fan von combiLift und ReCap. Bei combiLift finde ich es eklig, dass der Verschluss in die Milch gedrückt wird. Und bei ReCap kriegste die Alu-Versiegelung entweder nicht richtig zu packen oder sie reisst ab und dann musste doch wieder das Messer oder die Schere holen und dann hätte es auch gleich die klassische Perforation sein können. Wäre bestimmt auch billiger für alle, wenn auch nicht so schick.
Also wie sieht's usability- und ästhetik-mässig aus mit dem Milchtütenöffnungsverschluss, Herr Friebe!
Und wie schmeckt der Content? Hat da eigentlich mal einer nach gefragt?!

03.04.2009 | 19:32

Kommentar #3 von 9001:

Klassische Perforation, Standfestigkeit bis zum letzten Tropfen, wobbelnde Schläuche, praller Wulst. Es wird Frühling.

03.04.2009 | 19:51

Kommentar #4 von frühlings erwachen:

danke vorkommentator, sie haben mich zum lachen gebracht.

03.04.2009 | 22:43

Kommentar #5 von plastikschlauch:

vor allem galobberig wobbelnde plastikschläuche

03.04.2009 | 22:44

Kommentar #6 von adrian:

Der Sack hat eine Perforation, die aber im Unterschied zur "klassischen", also wertlosen Perforation, derer man nur mit Scherenkraft beikam, tatsächlich auch mit Einehand- und Zwiefingerbedienung klarkommt und daher den Weg zur kühlschrankfern gelagerten Schere erspart.
Der Inhalt schmeckt nach frischer Milch, leidet aber – genauso wie in der haptisch ebenfalls überzeugenden Glasflasche – auch in der Tüte unter starker Aufrahmung. Da die Tüte kein Schütteln zulässt, ist sie eigentlich nur für homogenisierte Milch tauglich.

05.04.2009 | 19:02

Kommentar #7 von irgendwem:

Aufrahmung ist nichts worunter was leidet, aufrahmung ist total geil. Und in England kann man das von der Sahne aufgerahmte in extra Gläsern kaufen.

06.04.2009 | 00:19

Kommentar #8 von tiger und lilly:

aussen hui, innen hui.
ganz grosses kino.
fehlt nur noch das wiener würstchen im angeflanschten aufblasgriff.
tipp: die haben einen lieferservice bis anch berlin rein.

06.04.2009 | 15:17

Kommentar #9 von M:

Seit etwa anderthalb Jahren geben wir der Brodowin-Verpackung immer wieder neue Chancen. Aber leider wird die Milch darin etwa 1-2 Tage früher sauer.

07.04.2009 | 00:26

Kommentar #10 von irgendwem:

das stimmt. Aber dann muss man die halt ein bisschen schneller tinken. Oder nur die im Schlauch kaufen, wenn man weiss, dass man die nächsten Tage nicht so verschlaucht ist, dass man sie in der normalen (immer noch relativ kurzen, im Vergleich zu früheren Zeiten, als es noch keine dingsda mittel gab um Milch länger haltbar zu machen) Zeit aufzubrauchen gedenkt. Nämlich!

07.04.2009 | 05:14

Kommentar #11 von Anna:

buhhhhha- da denk ich trink Seife oder viel schlimmer Sperma aus der Tüte- und dann dieses Gefühl beim anfassen...ne da lob ich mir meinen tetrapack. sonnige Grüsse

07.04.2009 | 19:11

Kommentar #12 von M:

Ich möchte darauf hinweisen dass es sich bei Kommentar #9 um einen dreiste Nick-Diebstahl handelt.
Als ob es nicht noch 25 andere Buchstaben gäbe!

09.04.2009 | 21:17

Kommentar #13 von Farbbeutelchen:

"türkisener"? Och, nee.

17.04.2009 | 09:58

Kommentar #14 von er d:

I got a feeling of dejavu:
http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/Verbraucher-Kaufen-oder-nicht-Oeko-Milch;art131,2792520

09.05.2009 | 12:47

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