Riesenmaschine

02.07.2010 | 16:27 | Alles wird besser

Free Repair


"Ach, ich bitte Sie, das ist doch eine Selbstverständlichkeit, gerne geschehen, auf Wiedersehen, Herr Filialleiter"; Bilder: (c) Roland Roos
Alles wird ja immer schlechter, geht den Bach runter und kaputt, zumindest solange es nicht gehätschelt und gepflegt und von Kabelbindern zusammengehalten wird. Werden die physischen Dinge der Welt nicht von einem ständigen Strom aus Aufmerksamkeit, Geld und Schweiss versorgt, sind sie allesamt schnell defekt und am Arsch. Im öffentlichen Raum beschleunigt das, was in bürgerlichen Kreisen gerne als "Street Art" bezeichnet wird, diesen Prozess leider oft noch zusätzlich. Eine löbliche Ausnahme hat die Riesenmaschine bereits beschrieben, doch Roland Roos berührt mit seinem Projekt "Free Repair" noch deutlicher den Kern des Problems.

Roos reiste zwei Jahre durch Europa und reparierte – ohne Auftrag, aber auch ohne Erlaubnis – alles, was ihm Kaputtes zwischen die Finger kam: Zäune, Strassen, Möbel, Schilder, Firmenlogos, Beschriftungen, Fenster, Schaufenster oder Autoreifen. Roos hat eine handwerkliche Ausbildung und arbeitet professionell und mit gewohnt schweizerischem Perfektionismus. Die meisten Interventionen sind also, kaum abgeschlossen, gar nicht mehr sichtbar.

Schon die Vorstellung, wie der Leiter einer kleinen Filiale eines Discounters eines Morgens ins Geschäft kommt und das defekte Firmenschild, dessen Reparatur er schon so lange aufgeschoben hatte, einfach wieder ganz ist, macht grinsen. Doch die Vorstellung, wie Roos in einem OBI-Baumarkt Werkzeuge, Materialien und Farben kauft, um den OBI-Biber vor der Tür zu reparieren, und danach wortlos von dannen geht, birgt neben vielem anderen eine skurrile Grösse.

Roos ist wie ein Hilfswerk ohne moralischen Auftrag, das niemand wahrnimmt. Und sein Projekt ist so extrem gegen den Lauf der Welt und gegen jede ökonomische Vernunft gedreht, dass es dem Betrachter zeitweise fast unecht vorkommt. Doch es bleibt die Tatsache, dass einer einfach zwei Jahre durch die Welt geht, ihre Fehlstellen und Unzulänglichkeiten heilt, und die macht glücklich.

"Wie? Ja, jetzt passts wieder... Neinnein, sie schulden mir nichts, war ja kaum anzuschauen, was die Herren Kollegen da gelegt haben." Bilder: (c) Roland Roos



Dieser Beitrag ist ein Update zu: Legotopie


Kommentar #1 von stbn:

Genial.

02.07.2010 | 18:34

Kommentar #2 von Sogehts Dochauch:

Äusserst lobenswert auch der hübsch ironische Aspekt mancher Reparaturen (zB. #98 vienna, #90 warsaw oder #50 zurich) deren Gegenstand dann so ziemlich das einzig Intakte auf dem Foto ist. Aber schlichtweg genial natürlich, 320 Franken Reparaturkosten für die Vorher/Nacher Originalbilder zu verlangen (und zu bekommen). Respekt.

02.07.2010 | 20:01

Kommentar #3 von irgendwem:

Wundervoll. Danke!

02.07.2010 | 20:18

Kommentar #4 von von Krusenstern:

Toller Artikel über ein starkes Kunststück.
Möchte nur mal wissen, warum mich das Projekt so anrühren kann.
Keine Ahnung

03.07.2010 | 01:21

Kommentar #5 von Stefan:

Ist doch alles Fake. Vorher und Nachher sind vertauscht. Der fotografiert erst heile und macht dann kaputt. Durchschaut!

05.07.2010 | 12:21

Kommentar #6 von Annamirl:

Perfiderweise wurde dieser unwitzige Kommentar mit dem darüber vertauscht, der nämlich in Wirklichkeit von mir ist.

05.07.2010 | 13:41

Kommentar #7 von ich:

finde die 68 toll

08.07.2010 | 18:01

Kommentar #8 von sebabbel:

Das ist mal ein Statement gegen unsere Wegwerfgesellschaft. Toll! Nur wer ist bereit, 320 CHF für die Reparatur einer Wanduhr zu bezahlen, wenn man die neue für 10 bekommt?

10.07.2010 | 14:11

Kommentar #9 von irgendwem:

Ich kenne da in Berlin eine kaputte Mauer...

10.07.2010 | 14:13

Kommentar #10 von Zweilinkehaende:

mir schwant repair #43 ist fingiert

18.08.2010 | 15:05

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