Riesenmaschine

22.12.2012 | 00:34 | Fakten und Figuren

Tickern bis zum Ende

Im Unterschied zu gewissen Hochkulturen der Bronzezeit werden wir unsere Weltuntergangsberichte als saubere, empirische Protokolle in Form von Livetickern an die nachfolgende Spezies weitergeben, und nicht als dunkles Raunen. Ein noch nie dagewesenes Experiment, das zudem nur im deutschen Internet stattfand. Wie mag es ausgegangen sein?

Vielversprechend vor allem der Versuch der taz, die zwölf Stunden lang, von acht bis acht, professionell und gut organisiert durchtickert. Am Anfang erfüllen sich die Erwartungen; man erfährt schon am frühen Morgen, dass Michail Gorbatschow mit einer Wahrscheinlichkeit von 1 zu 710.609.175.188.282.000 der Antichrist ist. Vorbildlich ausserdem die gründliche Benutzung des Korrespondentennetzwerks und die Kategorisierung der Meldungen (Hintergrund, Opfer, usw.) – Tagging für die Anthropologen der nächsten Welt. Allerdings baut das Team schon nach zwei Stunden radikal ab, liefert nur noch konzeptlos Zusammengefegtes und verbringt offenbar den gesamten Nachmittag beim Glühwein.

Der Marktführer Spiegel Online steckt das Genre gründlich ab. Spätestens ab neun Uhr morgens ist klar, dass der Weltuntergang ein Event ist, so ähnlich wie die Loveparade, ein Pokalendspiel oder eine Bundestagsdebatte, bei dem auch ungefähr genausowenig passiert. Demzufolge besteht der Liveticker ausschliesslich aus Nichtigkeiten ("Schildkröte umgefallen"), als Omen gedeuteten Nachrichten und dem Standardscherz mit der überraschend einbrechenden Dunkelheit, den die Autoren gründlich zu Tode trampeln. Wenigstens besaufen sich die Spiegel-Redakteure zum Schluss, vermutlich aus Frust über die verpasste Chance.

Kurzer Einschub zu N24, die zwischen 6 und 14 Uhr lachhafte 14 Meldungen abgeben, die üblichen Anekdoten aus China, Südfrankreich und Mexiko, alle knapp oberhalb der von SPON weit nach unten gedrückten Schmerzgrenze angesiedelt. Charakterloses Trittbrettfahren.

Charakterlos kann man den Ticker des Express nicht nennen, aber verantwortungslos schon. Die Kölner starten um 7 Uhr morgens und halten unter dem Motto "heute sind wir alle Maya" mit unglaublicher Penetranz bis Mitternacht durch. Anfangs bombardieren sie die Leser alle fünf Minuten mit neuen Banalitäten ("Es gibt Senfeier mit Kartoffelpüree"), ein Affentheater aus Kuriosem, ICH KANN DAS NIHCT ALLES LESEN!!!@!1 Zum Glück lässt die Frequenz gegen vier allmählich nach. Nur noch sechs müde Durchhalteparolen in den letzten drei Stunden.


Die Apokalypse wird geplant (Foto: Marshal Astor, CC-by-sa 2.0)


Der Liveticker der WAZ geht vertraulich mit seinen Lesern um und duzt erst mal alle. Vielleicht ein Versuch, die Angst zu mildern, denkt man zunächst, aber bald wird klar, dass der Berichterstatter wirklich alle seine Leser aus der Kneipe kennt. Zwei Drittel der Meldungen sind Insiderscherze über Hagen, Essen, Wattenscheid, Oberhausen und Soest, Nachrichten von einem anderen Planeten. An einigen Stellen jedoch überraschend interessante Informationen über frühere Weltuntergänge und wie man sich gegen Apokalypsen versichern kann. Hier blitzt in Ansätzen das Potential des Weltuntergangs für das Livetickergenre auf.

Eine interessante Alternative bietet der Ticker der Welt. Hans Zippert liefert einen Bürotag lang kompletten Schwachsinn. Kostprobe: " In Harsewinkel fing ein Adventskranz Feuer, einer Hausfrau in Grottenmühl brach der Henkel ihrer Teetasse ab, und in Dormagen wurde ein kleines schwarzes Kätzchen gesehen, das nach Aussagen mehrerer glaubwürdiger Zeugen irgendwie sehr verschlagen geguckt habe. Das Tier konnte eingefangen werden und wird zur Zeit verhört." Wenn es lustig wäre, hätte der Weltuntergang hier eine neue Existenz als postmodernes Humorspektakel beginnen können. Zippert geht pünktlich um fünf nach Hause.

Zurück im Mainstream beim Stern. Ein fauler, lästiger Liveticker, unter anderem über Baumarktumsätze. Als lustig gilt hier, dass Gott in Amerika nicht "der" oder "das" ist, sondern "the", eventuell ein neuer Minusrekord für Witze. Anschliessend folgen Texte von Herbert Grönemeyer. Der Ticker zerstört sich selbst am frühen Nachmittag.

Zum Schluss ein Blick auf die Kollegen von web.de, die sich vor allem für schlechte Milch, fehlende Brötchen und langsames Internet interessieren. Es handelt sich um den einzigen Liveticker, der schon Donnerstag Mittag anfängt und bis Freitag abend durchhält. Allerdings hält man sich auch hier wieder brav an die Bürozeiten und lässt den dunklen Teil des Weltuntergangs vollständig undokumentiert. Offenbar ist die Apokalypse im Unterschied zu Zweitligaspielen kein Ereignis, für das sich Überstunden lohnen.

Am Ende steht die Erkenntnis, dass es ein Fehler war, den 21. Dezember als Event aufzufassen. Stattdessen muss man den Weltuntergang wohl als ein grossskaliges Prokrastinationsexperiment begreifen, die Dokumentation des Nichts, das Warten auf die Leere, verwandt mit dem WETI-Experiment, nur nicht mit Bots, sondern echten Journalisten. Die Bushaltestelle am Ende des Universums.


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