Riesenmaschine

02.08.2007 | 11:02 | Effekte und Syndrome

Der Leidenfrost-Effekt


Hat auch öfter mal danebengelegen: Heraklit
(Foto, Lizenz)
Philosoph X, der alte Schlauberger, hat damals behauptet, die Welt bestünde ausschliesslich aus dem, was wir von ihr wahrnehmen, aus Effekten und Syndromen nämlich, und es wäre nichts dahinter. Dafür musste er viel Hiebe einstecken, vor allem von Platoniker Y in seiner demagogischen Abhandlung "Das Ganze hinter allem", aber nach jahrhundertelangen Abwägungen der vorliegenden Fakten kann heute wohl kaum noch abgestritten werden, dass X von Anfang an vollkommen recht hatte: Effekte und Syndrome, die phänomenologischen Erscheinungen nämlich, sind nicht nur das Beste an der Welt, sie sind die Welt, und wer mehr dahinter vermutet, Nagetiere etwa oder Ausserirdische, hat einfach nicht mehr alle Tassen im Schrank. Der Untersuchung der Oberfläche der Welt dient aus diesem Grund die neue Riesenmaschinen-Kategorie "Effekte und Syndrome".

Ein hochrelevantes, weil auf das Nichts dahinter verweisendes Phänomen ist der wohl allen bekannte Leidenfrost-Effekt. Nur damit wir alle auf demselben Stand sind: Wirft man einen Wassertropfen auf eine ausreichend heisse Herdplatte, so beendet der Tropfen nicht etwa sofort zischend seine flüssige Existenz, sondern überlebt bis zu eine Minute lang in herumirrender Form. Leidenfrost, ein unaufgeklärter Duisburger Sachexperte, interpretierte den Effekt als Folge der Vier-Elemente-Lehre von Empedokles, die seit der Erfindung der Atombombe als widerlegt gilt. Die Wahrheit hinter dem Effekt, bzw. das optimistische Nichts: Der Tropfen erreicht nie die Herdplatte, sondern schwebt auf einem verkochten Film und kann daher natürlich gar nicht verdampfen. Die Welt ist nämlich in keiner Weise mystisch oder gar religiös, sondern benimmt sich in Wahrheit wie David Copperfield.

Und damit geht der Spass gerade erst los. Denn zum einen kann man mit dem Leidenfrost-Effekt einen praktischen Brownschen Motor bauen, also gerichtete Bewegung nur durch Zufall erzeugen, eine wichtige Innovation, zum Beispiel falls man betrunken ist und nicht mehr nach Hause findet. Zum anderen jedoch erlaubt der Leidenfrost-Effekt, wie in diesem instruktivem PDF-Dokument erklärt wird, zahlreiche Kunststücke: Unter anderem kann man einfach so seine (vorher befeuchtete) Hand in kochendes Blei tauchen, und sie wird keinen Schaden nehmen. Alle Kinder sollten das ausprobieren und anschliessend gründlich über die Gesetze der Physik nachzudenken. Vielleicht begleitet von ein paar Wochen rituellem Fasten.


01.08.2007 | 12:19 | Anderswo | Alles wird schlechter | Sachen kaufen | Zeichen und Wunder

Markenprodukte

Marktwirtschaft sollte eigentlich Markenwirtschaft heissen, so wichtig sind diese Marken inzwischen. Marken sind toll und geben dem dummen und verunsicherten Konsumenten das Gefühl von Qualität, Auswahl, Freiheit und Macht. Erfunden wurde die Marke etwa 500 v. Chr. von etruskischen Bäckern, die ihre Namen auf die Stoffbeutel der Brotlaibe mit Birkenpech aufmalten. Zweieinhalbtausend Jahre später beherrschen Marken die sichtbare Welt, weil sie die Wahrnehmung beherrschen. Und schon bilden sich Zellen des Widerstandes, streitbare Geister, die sagen "Moment! Das Produkt ist viel wichtiger als die Marke!". Das ist natürlich Unsinn, Produkte sind nutzloser Tand; der Weg dagegen zu einem Leben von Liebe und Luft ist mit Marken gepflastert, die man im Gegensatz zur dinglichen Ware auch ständig mit sich herumtragen kann (im Kopf). Insofern bekämpfenswert sind Umtriebe zur Abschaffung der Marke, wie sie auf diesen Bild aus der Schweiz nahe Zug zu sehen sind: Eine Tankstelle, auf dessen Aushängeschild nicht der Absender steht, sondern das Produkt "Benzin", freilich offenbar aus Gewohnheit noch leicht angebrandet. Wenn sich dieser gefährliche Ansatz durchsetzen wird, erleben wir eine Monomarkenwelt, bei der es je Produkt nur noch eine Marke gibt, die jeweils alle anderen vom Markt klagt, es droht die DDRifikation. Drum hört, Ihr Völker, stürmt auf die Strassen, zieht Eure logoprangendsten Klamotten an, trinkt aus gebrandeten Gefässen Markengetränke, tanzt mit Euren Markenschuhen auf Markenevents. Ja, danke, genau so.


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"Edge of Tomorrow", Doug Liman (2014)

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Minus: 3, 9, 46, 70, 152, 161
Gesamt: 7 Punkte


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